Ich befand mich in Florida, um den abergläubischsten Baseballspieler aller Zeiten zu interviewen. Wade Boggs war zu dem Zeitpunkt 67 und sein letztes Spiel in der amerikanischen Profi-Baseballliga lag ein Vierteljahrhundert zurück. Ich selbst hatte meine Karriere als Sportreporter gerade erst begonnen und war nervös, weil ich spät dran war. Boggs schien eine unscheinbare, ziemlich heruntergekommene Bar für das Gespräch ausgesucht zu haben, an der ich zum dritten Mal vorbeilaufen wollte, ehe ich mich dazu entschied, sie doch zu betreten.
In ihr saßen am Vormittag erstaunlich viele Leute vor ihren Chicken Parmesan Sandwiches und tranken Bier mit Limonenscheibchen am Flaschenhals. Die Ventilatoren waren alle eingeschaltet und vor dem Billardtisch, an dem zwei Typen standen und sich laut unterhielten, schwamm eine große Bierpfütze, um die sich niemand kümmerte.
Boggs saß in einer Sitzreihe aus Kunstleder, ich erkannte ihn sofort von hinten. Er hatte keinen Spiegel vor sich hängen, erhob sich aber trotzdem, kurz nachdem ich die Bar betreten hatte, und drehte sich zu mir um. Wir begrüßten uns und bestellten eine Runde alkoholfreie Drinks. Die Tür zur Bar stand offen und ab und zu wehte ein warmer, nach Fett duftender Wind hinein, weil sie nebenan Bällchen aus Muschelfleisch frittierten.
Boggs trug ein gepunktetes Hemd, das meiner Meinung nach ein bisschen zu weit offen stand. Sein gefärbter Henriquatre-Bart war lächerlich. Allerdings schien er für einen Baseballspieler in seinem Alter eine Art unvermeidbares Relikt der lange zurückliegenden Profijahre zu sein. Dieser nostalgische Bart wäre der optimale Einstieg für mich gewesen, um mit ihm über die für Profisportler relativ lange Zeit nach dem Karriereende zu sprechen, aber ich wollte ihn zunächst reizen und sofort das Thema Aberglaube ansprechen.
»Warum durfte Ihre Trikotnummer eigentlich nicht genannt werden, wenn Sie ins Stadion liefen?«
Boggs räusperte sich und schmatzte genervt, so als hätte er diese Frage schon tausendmal beantwortet.
»Es war so«, sagte er, »dass Sherm Fellner, der Ansager im Stadion damals in Boston, mal vergessen hatte, meine Trikotnummer zu nennen. Das fiel mir natürlich sofort auf. Und an dem Tag spielte ich wie ein Irrer. Deshalb bat ich ihn später darum, meine Nummer nicht mehr zu nennen, wenn ich einlief. Ich glaubte, dass ich sonst einfach schlecht spielen würde.«
»Kennen Sie den Tennisspieler Rafael Nadal?«, fragte ich.
»Hab mal von ihm gehört«, sagte Boggs.
»Der hatte auch Rituale. Nasezupfen und so weiter. Aber das hatte eher etwas Nervöses.«
Boggs schüttelte den Kopf.
»Nein, so etwas gab es bei mir nicht. Im Übrigen bin ich auch nicht der abergläubischste Spieler der Nation, wie alle glauben. Ich bin nicht mal der abergläubischste Baseballspieler!«
»Ach nein?«, fragte ich.
»Nein«, sagte Boggs und fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger seinen Bart entlang. »Nein. Der Abergläubischste von uns war Turk Wendell. Turk hat sich zwischen den Innings jedes Mal die Zähne geputzt. Neunmal pro Spiel – anderthalbtausendmal pro Saison!«
Ich nahm einen Schluck aus meinem viel zu süßen Drink, der mir in der Hitze sofort den Mund verklebte.
»Eigentlich schreibe ich nicht über abergläubische Sportler, sondern an einer Serie über Sportler im Rentenalter«, sagte ich.
Statt zu antworten, gab er dem Kellner ein Zeichen, der heraneilte und Boggs’ Bierbestellung aufnahm. Gleichzeitig drehte sich eine junge Frau, die in der Sitzecke hinter uns saß, zu uns um und sagte:
»Dock Ellis hat doch mal einen No-Hitter auf LSD geschlagen, hab ich recht? Baseball war früher echt wild.«
Bevor Boggs oder ich etwas erwidern konnten, schwang sie sich zu uns auf die Sitzbank.
»Hey, Sie sind ja wirklich Wade Boggs!«, rief sie und lachte laut. »Ich habe noch nie jemanden kennengelernt, der bei den Simpsons einen Auftritt hatte!«
»Sie hatten einen Auftritt bei den Simpsons?«, fragte ich.
Wade Boggs lächelte.
»Sie sind’s also wirklich? Sie sind Wade Boggs!«, sagte die Frau.
»Chicken Man, ja«, seufzte er und nahm einen Schluck von seinem Bier.
Unser Tisch erregte jetzt Aufmerksamkeit. Einer der Billardspieler kam zu uns, stützte sich mit beiden Händen am Tisch ab und fragte: »Sind Sie tatsächlich Wade Boggs?«
Boggs lachte.
»Hab ich’s doch gewusst«, sagte der Billardspieler und rief nach seinem Kumpel. Wenig später hatte sich ein Großteil der Bar um unseren Tisch versammelt und alle wollten von Boggs wissen, wie es damals war, während ich darauf hoffte, dass jemand mal fragen würde, mit was er heute seine Zeit verbringt.
»Haben Sie wirklich vor jedem Spiel Hühnchen gegessen und wurden deshalb Chicken Man genannt?«
»Ja«, sagte Boggs.
»Und stimmt es, dass Sie, obwohl Sie kein Jude sind, vor jedem Schlag das hebräische Wort Chai in den Sand der Schlagzone geschrieben haben?«
»Jep.«
»Und hat es was gebracht?«
Wade Boggs beantwortete die Fragen. Er erklärte ihnen, warum er vor den Spielen immer um 19.17 Uhr seine Sprints lief. Er verdeutlichte, dass es ihm besonders wichtig war, gewisse Tagesaktivitäten wie Urinieren oder Haarekämmen exakt siebenmal am Tag zu vollführen. Und so weiter.
Dabei bestellte er sich ein Bier nach dem anderen. Eilig kritzelte ich Notizen mit, Wade Boggs plauderte aus dem Nähkästchen und breitete die gesamten 1980er und 1990er Jahre im Baseball in bunten, übertriebenen Bildern vor uns aus, bis ihn die junge Frau unterbrach.
»Ich habe in Stanford mal an einem Experiment teilgenommen, das beweisen wollte, dass wir alle ziemlich schnell paranoid und psychotisch werden können. Oder anders ausgedrückt: abergläubisch.«
Boggs zog die Augenbrauen hoch.
»Was soll das heißen?«, fragte er.
»Das war im Keller des Department of Psychology in Palo Alto: eng, keine Fenster, niedrige Decken, alles noch aus den 60er Jahren, mit Linoleumböden und ein bisschen heruntergekommen. Das Experiment funktionierte so, dass wir Todesarten raten sollten. Man zeigte uns Todesanzeigen von ausgedachten Personen und dann die ausgedachten Antwortmöglichkeiten: a) Autounfall, b) Herzinfarkt, c) Leberzirrhose, d) Suizid. Ich hatte eine Trefferquote von 77 %. Anschließend wurde ich gefragt, ob ich an Paranormalität, Gedankenlesen, den sechsten Sinn, Telepathie, ESP und so weiter glaube. Und natürlich habe ich vieles mit Ja beantwortet, das ich sonst nicht mit Ja beantwortet hätte. Ich hab mir nämlich gedacht: Hey, irgendwas stimmt nicht, Leute. Ich weiß, woran diese Personen gestorben sind. Aber die Wissenschaftlerin hat mich ziemlich schnell über den Bluff aufgeklärt. Und irgendwie hat mich das ein bisschen traurig gemacht.«
Wade Boggs grunzte.
»Ich wollte nur sagen, dass wir alle Erklärungen brauchen, weil wir sonst verrückt werden«, sagte die Frau. »Deshalb nehmen Menschen auch mit paranormalen Erklärungen vorlieb, solange sie ihnen helfen, ihren inneren Erfahrungen einen Sinn zu geben.«
Die Gäste fingen an, zu diskutieren und der jungen Frau recht zu geben oder ihr zu widersprechen.
»Okay, das reicht jetzt«, sagte Boggs ruhig, klopfte zweimal mit den Fingerknöcheln auf den Tisch und erhob sich. Ich ließ ihn aus der Sitzecke raus und er lief zum Klo. Die Gäste verteilten sich wieder auf ihren Plätzen, mich schienen sie gar nicht zu beachten. Auch die junge Frau nahm ihren Drink und setzte sich zurück auf ihre Sitzbank.
Ich wartete eine ganze Weile, bis Wade Boggs wieder aus der Toilette eilte. Er erreichte den Tisch, beugte sich zu mir runter und raunte, dass es für uns jetzt an der Zeit sei, die Bar zu verlassen.
»Was ist los?«, fragte ich.
»Zu viel Aufmerksamkeit«, sagte er. »Komm mit.«
Leonhard Hieronymi
Ich nahm einen letzten Schluck vom Kleberdrink, ließ einen Teil meiner Spesen auf dem Tisch liegen und wir verschwanden aus der Bar ins Licht.
Niemand folgte uns.
»Das ging ja nach hinten los«, sagte er.
»Was ist denn passiert?«, fragte ich.
»Ein kleiner Streit auf der Toilette.«
»Mit wem?«
»Mit einem alten Freund. Ich hab wohl das falsche Etablissement gewählt. Wir gehen ein Stück, ich will dir was erklären.«
Wir gingen in Richtung Baseballstadion, in dem Wade Boggs 1999 seine Karriere nach Stationen in Boston und New York beendet hatte. Das Tropicana Field gilt als eines der heruntergekommensten Stadien der USA, mit ihm können es nur die Katakomben des Stadions in Oakland aufnehmen. Jetzt, außerhalb der regulären Saison, war die Gegend so gut wie ausgestorben. Wade Boggs blieb auf einmal stehen und suchte den Boden ab.
»Ich schaue nach Pennys«, sagte er. »Die bringen Glück und das können wir alle gut gebrauchen. Komm mit, da vorne steht mein Auto.«
Wir eilten über die 4th Avenue zu einem Dodge Challenger und ich stieg auf der Beifahrerseite ein. Boggs fuhr in Richtung Tampa Bay. Die Sonne stand am Zenit. Der gesamte Golf von Mexiko war ein glitzerndes, wellenloses Feld.
»Greif mal da ins Handschuhfach«, sagte Boggs.
Ich kramte ein vergilbtes Bündel zusammengefalteter Papiere aus dem Fach und schlug es auf. Es handelte sich um eine Art Bedienungsanleitung mit dem Titel "Being Wade Boggs".
»Was ist das?«, fragte ich und blätterte mich durch die Papiere. Sie beinhalteten die Daten der gesamten Karriere von Boggs, gespickt mit lustigen Anekdoten sowie Anweisungen, wie man auf kritische und politische Fragen des Journalisten zu antworten hatte. Außerdem wurde detailliert beschrieben, wie Wade Boggs’ Mimik, Gestik, Körperhaltung und Gang am realistischsten nachzuahmen seien.
»Ganz ehrlich«, sagte Boggs, »ich bin ein bisschen stolz auf mich. Ich hätte nicht gedacht, einen so realistischen Wade Boggs abzugeben.«
»Sie sind überhaupt nicht Wade Boggs?!«, rief ich.
»Nein«, sagte der falsche Wade Boggs.
»Ich hab’s gewusst!«, rief ich. »Das gibt's doch nicht! Wer sind Sie und wer, verdammt noch mal, hat Sie zu mir geschickt?«
»Wer schon, Junge. Der echte Wade Boggs.«
Ich schmiss das Bündel auf die Rückbank und knallte meinen Kopf gegen das Armaturenbrett.
»Dann kann ich den Artikel ja vergessen. Und dafür bin ich aus New York hier runtergeflogen?! Wie soll ich das der Redaktion erklären?«
»Wieso erklären? Ich habe doch einen authentischen Wade Boggs abgegeben. Schreib doch einfach drauflos. Bis auf die Person aus Fleisch und Blut hat doch alles gestimmt.«
Ich war verzweifelt.
»Wie wäre es mit ein bisschen Seafood?«, fragte der falsche Wade Boggs mitleidig und parkte den Wagen vor einem Fischrestaurant.
Wir setzten uns an einen Tisch im Freien, bestellten eine große Flasche Wasser und Krabbenbeine.
»Der Grund, warum ich hier sitze und nicht der echte Wade Boggs, ist nicht, dass sich der echte Wade Boggs nicht mehr aus dem Haus traut, ohne vorher ein Bündel Salbei zu verbrennen oder so was«, sagte der falsche Wade Boggs. »Ich bin ein alter Freund von ihm und manchmal setze ich mir eine Perücke auf, lasse mir einen Bart stehen, trage Sonnenbrille und Kappe und schon sehe ich aus wie er: ein Amerikaner in Florida.«
Ich starrte auf das Wasserglas vor mir und sah meine junge Karriere in ihm untergehen.
»In letzter Zeit ist etwas in ihm vorgegangen«, sagte der falsche Wade Boggs. »Er hat Angst vor dem Sterben. Allerdings nicht vor dem physischen Tod, sondern Angst davor, vergessen zu werden. Bisher konnte er seine Legende aufrechterhalten, aber die Leute beginnen zu vergessen, wer er war. Und jetzt sucht Wade noch nach dem richtigen Glauben oder Aberglauben, der ihm verspricht, niemals vergessen zu werden.«
Ich nickte.
»Er versucht, gegen das Vergessenwerden anzukämpfen, indem er jeden Termin annimmt, der ihn über sein Management erreicht. Er sagt zu allem Ja, aber er kann nicht überall gleichzeitig sein. Heute Nachmittag ist er in SeaWorld bei irgendeiner Autogrammaktion.«
»SeaWorld!«, rief ich. »Ich bin ein seriöser Redakteur eines der bekanntesten Sportmagazine des Landes!«
»Ja«, sagte der falsche Wade Boggs. »Aber in SeaWorld kann er seine Fans sehen.«
Ich nahm ein Krabbenbein und hielt es gegen das Licht der Sonne, das rötlich durch den dünnen Panzer schimmerte.
Der falsche Wade Boggs versuchte, mich aufzumuntern und mir mehr Informationen über den echten Wade Boggs zu geben, die nicht in seiner Gebrauchsanweisung standen.
»Diese Frau in der Bar hatte schon recht«, sagte er. »Wir glauben Dinge. Wir glauben auch Dinge, die nicht stimmen, und können andere davon überzeugen. Wade hat sich selbst mal so lange eingeredet, auf einem Inlandsflug 107 Biere getrunken zu haben, dass er es heute selbst glaubt. Und alle anderen auch.«
»Das hat aber etwas Gefährliches«, sagte ich fast geistesabwesend. »Was passiert wohl, wenn jemand unserem Volk vormacht, es würde ihm gut gehen, und tatsächlich geht es ihm gar nicht gut, sondern es ist sterbenskrank?«
Und schon hatte ich den wunden Punkt des falschen Wade Boggs gefunden. Obwohl vom Finden eines wunden Punkts eigentlich keine Rede sein konnte. Ich hatte nur kurz die große Fleischwunde unseres Landes berührt und damit war das späte Mittagessen am Golf von Amerika beendet.
Der falsche Wade Boggs stand auf und sagte: »Glaub, was du willst.« Dann verließ er das Lokal und ging zu seinem Dodge, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Ich bestellte die Rechnung und ein Taxi, das mich zum Flughafen brachte. Auf dem Rückflug nach New York schimpfte ich vor mich hin und versuchte, mehr als 107 Biere zu trinken. Zurück in der Redaktion erzählte ich niemandem von meiner Erfahrung mit dem falschen Wade Boggs. Nach einer Woche wurde ich gefragt, wie es um den Artikel stünde, und ich überlegte mir eine Ausrede. Er wurde einmal verschoben, zweimal, dreimal. Ich ging gewissenhaft meiner Arbeit nach und bald sprach in der Redaktion niemand mehr über Wade Boggs. Ich freute mich, dass ich davongekommen war, ohne lügen zu müssen. Und ich freute mich, dass Wade Boggs noch ein Stück näher ans Vergessen heranrückte. Irgendwann fiel mir auf, dass ich ungewöhnlich häufig das Hemd trug, das ich auch während meines Ausflugs nach Florida getragen hatte. Als die Baseballsaison begann, suchte ich auf der Straße vor der Redaktion nach Pennys und während des Mittagessens mit den Kollegen bestellte ich immer Krabbenbeine und einen alkoholfreien Drink, der mir den Mund verklebte. Und am ersten heißen Tag des Jahres schritt ich zum ersten Mal einen ganzen Tag lang mit dem rechten Fuß zuerst über Türschwellen.




