chrismon: Man hört oft, dass das Leben mit Kindern die Partnerschaft belastet. Aus Ihrer Praxis: Was verändert sich durch Kinder?
Julia Schneider: Oft wird gesagt: "Mit Kindern kommt die Partnerschaft zu kurz." Ich würde es etwas anders formulieren: Die Partnerschaft bekommt weniger Raum als vorher und das ist erst einmal völlig normal. Biologisch ist das sogar sinnvoll, denn kleine Kinder sind existenziell darauf angewiesen, dass Erwachsene verfügbar sind, ihre Signale wahrnehmen und feinfühlig reagieren.
Aber weniger Raum kann zu Problemen führen ...
Ja, viele Paare geraten in eine sogenannte normative Beziehungskrise. Also Situationen der Belastung, in denen sehr viele Paare ähnliche Erfahrungen machen: Die Beziehung verändert sich und es hakt an verschiedenen Stellen. Das ist aber kein Zeichen von Scheitern, sondern ein normaler Übergang. Manche Paare meistern ihn relativ stabil, andere geraten stärker ins Wanken. Der Familienalltag wirkt dabei oft wie ein Brennglas.
Julia Schneider
Inwiefern?
Wenn weniger Aufmerksamkeit füreinander übrigbleibt, zeigt sich sehr schnell, wie ein Paar mit Nähe und Freiraum umgehen kann. Während die eine Person sich mehr tiefe Gespräche wünscht, sucht die andere vielleicht eher Körperkontakt. Darüber muss man gerade dann mehr sprechen, wenn man weniger Zeit hat.
Das sind Dinge, die ja auch sonst häufig aufkommen …
Ja, Themen, die vorher schon da waren, treten dann aber noch deutlicher hervor. Dann tauchen Fragen auf wie: Bin ich dir wichtig? Stehst du an meiner Seite? Das sind oft wunde Punkte, die Menschen schon vor der Elternschaft in sich tragen. Werden sie berührt und es fehlen Strategien zur Regulation, kann aus einer normalen Krise eine große werden.
Und wenn die Krise groß geworden ist, kommen die Paare zu Ihnen?
Ja, häufig kommen Paare erst, wenn "die Hütte brennt". Dabei wäre es oft hilfreich, viel früher zu kommen – präventiv, bevor große Verletzungen entstehen.
Zum Beispiel, wenn man wiederkehrende Probleme erkennt, an denen man arbeiten möchte?
Ja, es gibt nach wie vor die Vorstellung: Wenn wir eine Paartherapie machen, dann haben wir ein ernstes Problem. Dabei kann das auch bedeuten, sich bewusst Zeit zu nehmen, um sich vor größeren Krisen zu schützen. Diejenigen, die zehn Jahre versuchen, alles allein zu regeln, bringen häufig tiefe Verletzungen mit und der Weg zueinander dauert dann deutlich länger. So oder so mache ich die Erfahrung, dass Veränderung möglich ist und Nähe wieder wachsen kann.
Viele Eltern fragen sich: Ist das, was wir erleben, eigentlich noch normal?
Es gibt einige ganz klassische Themen. An erster Stelle steht die Aufgabenverteilung. Die explodiert mit Kindern: Betreuung, Haushalt, Erwerbsarbeit. Oft arbeiten beide Elternteile, gleichzeitig sollen Haushalt, Kinder und Sozialleben funktionieren. Das ist objektiv kaum zu schaffen. Diese Aufgaben müssen verhandelt werden, meist in Phasen großer Erschöpfung. Das ist selten sehr romantisch.
Ja, das stimmt.
Ein weiterer Klassiker sind Erziehungsfragen. Oft haben Eltern ähnliche Werte, verhaken sich aber in Details: Was ist das richtige Essen? Ist die Kleidung warm genug? Wie gehen wir mit Wutanfällen um? Dabei gerät aus dem Blick, dass beide eigentlich das Beste für ihre Kinder wollen. Wenn mich das Verhalten meines Partners stark triggert, lohnt es sich zu fragen, was eigentlich dahintersteht.
Dabei höre ich heraus, dass es oft gar nicht darum geht: Wer räumt wie oft die Spülmaschine aus …
Ja. Hinter der Spülmaschine steckt selten die Spülmaschine. Oft geht es um Gefühle wie: Ich fühle mich alleingelassen. Ich fühle mich nicht gesehen. Ich habe das Gefühl, alles allein tragen zu müssen. Wenn Paare es schaffen, diese tiefere Ebene zu erreichen, kann man wirklich etwas ändern. Das ist allerdings nicht leicht, denn darunter liegen oft Gefühle wie Einsamkeit, Scham oder das Gefühl von Überforderung.
"Mehr Ehrlichkeit und Sichtbarkeit würden hier enorm entlasten"
Julia Schneider
Scham und Einsamkeit entstehen ja auch beim Vergleichen. Auf Social Media gibt es einen Haufen Eltern-Influencer, bei denen alles perfekt aussieht. Welche Rolle spielt das aus Ihrer Sicht?
Eine große. Nach außen zeigen viele Familien ein aufgeräumtes Bild: der schöne Frühstückstisch, Ausflüge, die total entspannt ablaufen. Die Realität sieht oft ganz anders aus: wenig Schlaf, streitende Kinder, Chaos. Diese Diskrepanz erzeugt Druck. Wenn wir ständig Bilder von scheinbar perfekten Familien im Kopf haben, fühlen wir uns schnell unzulänglich. Mehr Ehrlichkeit und Sichtbarkeit würden hier enorm entlasten.
Wie können Paare im Alltag wieder mehr Verbindung zueinander finden?
Zunächst einmal hilft Akzeptanz: Es gibt Zeiten, in denen weniger Romantik oder Erotik da ist, und das ist vollkommen normal! Das Annehmen allein nimmt oft schon viel Stress raus. Gleichzeitig können kleine Dinge viel bewirken. Jeder Mensch möchte sich zu Hause willkommen, gesehen und gewollt fühlen. Paare können sich fragen: Was gibt dir dieses Gefühl? Das können kurze Check-ins sein, wenige Minuten, in denen man sich wirklich zuhört. Oder sich mal richtig umarmt. Aber auch das Respektieren von Rückzug, etwa dass man dem Partner sagt: Jeden Mittwoch kannst du abends schwimmen gehen, wenn du Zeit für dich brauchst.
Aber gerade das Einfordern von Zeit für sich kann ja auch als Ablehnung verstanden werden, oder?
Deswegen ist die Kommunikation an dieser Stelle besonders wichtig. Man muss erklären: Ich brauche das, um meine Akkus aufzuladen, um dann wieder für euch da zu sein. Es muss klar werden, dass es dabei nicht darum geht, möglichst viel von der Familie getrennt zu sein.
Wie können Paare Bedürfnisse kommunizieren, ohne dass eine konfliktgeladene Atmosphäre entsteht?
Ich arbeite gern mit der Metapher von zwei Beinen: dem Autonomie-Bein und dem Verbindungs-Bein. Wenn jemand sagt: "Ich brauche Zeit für mich", ist das ein Schritt auf das Autonomie-Bein. Wenn gleichzeitig vermittelt wird: "Und du bist mir wichtig, ich komme gern zurück zu dir", dann bleibt auch das Verbindungs-Bein stabil. Probleme entstehen, wenn eines der beiden Beine fehlt. Diese Balance zu finden, ist eine große Lernaufgabe, besonders mit Kindern und knappen Ressourcen.
Was raten Sie Paaren im Hinblick auf Sexualität in der Elternzeit?
Auch hier hilft es, darüber zu sprechen. Im Funktionsmodus, in dem Eltern oft sind, ist der Körper nicht auf Erotik eingestellt. Das ist biologisch sinnvoll. Dieses Verständnis kann Druck herausnehmen, denn so nimmt der andere es nicht als Ablehnung wahr. Und wenn man es anspricht, dann am besten nicht mit Vorwürfen, sondern mit dem Teilen eigener Wünsche: Ich sehne mich nach Nähe.
Lesetipp: Wieso geraten Paare oft in der Rente in eine Krise?
Gibt es Dinge, die Paare idealerweise klären sollten, bevor sie Kinder bekommen?
Ja, im besten Fall spricht man darüber, wie man sich die Erwerbsarbeit aufteilen möchte. Und darüber, wie man als Familie funktionieren will. Dinge, die man in der eigenen Erziehung erlebt hat und gut fand. Aber auch über jenes, was man anders machen möchte. Wenn Paare ein gemeinsames Wertefundament entwickeln, können sie sich später in Krisen daran orientieren. Manchmal zeigt sich dabei auch, dass Vorstellungen schwer vereinbar sind. Auch das kann eine wertvolle Erkenntnis sein. Kinder lösen keine Beziehungskonflikte – sie machen sie sichtbarer.
Und wenn es nach der Geburt wirklich schlecht läuft: Sollte man einfach "durchhalten"?
Viele Paare halten ohnehin sehr lange durch – oft länger, als ihnen guttut. Es muss erlaubt sein, sich zu fragen, ob es so noch geht. Allein diese Erlaubnis kann Druck nehmen. Natürlich gibt es Durststrecken, gerade mit kleinen Kindern. Da muss man genau hinschauen und im Zweifel versuchen, sich Hilfe zu holen, bevor sich Verletzungen verfestigen.
Beobachten Sie, dass Paare sich nach solchen Phasen wieder fangen?
Ja, absolut. Viele Paare finden wieder zueinander, wenn sie bereit sind, hinzuschauen und an sich zu arbeiten. Elternschaft birgt sowohl großes Konfliktpotenzial als auch eine enorme Chance für Tiefe und Verbundenheit. Ich kenne einige Paare, die zum Beispiel regelmäßig "Gefühle-Interviews" führen. Sich also bewusst Zeit nehmen, um darüber zu sprechen, was gut und was schlecht läuft, wie man sich fühlt. Wer diese Arbeit auf sich nimmt, kann seine Partnerschaft auf eine neue, tiefere Ebene führen. Krise und Chance liegen hier sehr nah beieinander.
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