Migration in Spanien
Arbeit statt Abschiebung
Während Deutschland härter gegen Einwanderer vorgeht, legalisiert Spanien Hunderttausende Menschen ohne Aufenthaltsstatus. Warum, erklärt Migrationsforscherin Claudia Finotelli
Migranten stehen am Mittwoch, dem 29. April 2026, in Barcelona, Spanien, vor dem Rathaus Schlange, um die für die Beantragung der spanischen Einwanderungsamnestie erforderlichen Unterlagen zu erhalten
In Barcelona stehen viele Einwanderer an, um die Unterlagen zu erhalten, die sie für die Legalisierung ihres Aufenthalts benötigen
Emilio Morenatti/Associated Press/picture alliance
Franziska GrillmeierVincent Haiges
13.05.2026
6Min

Während im Rest von Europa eine immer restriktivere Migrationspolitik verfolgt wird, verabschiedete die spanische Regierung Ende Januar 2026 ein Dekret, das rund 500.000 Menschen ohne geregelten Aufenthaltsstatus ermöglicht, eine zunächst einjährige Aufenthaltsgenehmigung mit sofortiger Arbeitserlaubnis zu beantragen. Nach einem Jahr kann sie in eine reguläre Aufenthaltsgenehmigung umgewandelt werden. Die Regelung richtet sich an Menschen, die sich vor dem 31. Dezember 2025 mindestens fünf Monate in Spanien aufgehalten haben und nicht vorbestraft sind. Die Anträge müssen bis Ende Juni 2026 gestellt werden. Wie kam es zu diesem Schritt?

Irene MedinaIrene Medina

Claudia Finotelli

Claudia Finotelli ist Associate Professor für Angewandte Soziologie an der Universidad Complutense Madrid und promovierte in Münster in Politikwissenschaft. Sie forscht zu Arbeitsmigrationspolitik und irregulärer Migration sowie zu Fragen der Staatsbürgerschaft. Ihr Fokus liegt auf Südeuropa.

chrismon: Während viele EU-Länder über Abschiebungspläne sprechen, beschloss die spanische Regierung, über eine halbe Million Menschen, die irregulär im Land waren, zu legalisieren. Was hat die derzeitige Regierungskoalition dazu gebracht?

Claudia Finotelli: Der entscheidende Faktor ist der Arbeitsmarkt. Spaniens Wirtschaft braucht mehr Arbeitskräfte. Die Unternehmen suchen dringend Personal, doch es gibt kaum legale Wege, um ausländische Arbeitskräfte anzuwerben. Diese Spannung hat sowohl großangelegte als auch individuelle Einbürgerungen zu einem wichtigen politischen Werkzeug in Spanien gemacht. Diese Entscheidung ermöglicht es den Unternehmen, schon im Land anwesende Arbeitskräfte zu rekrutieren.

Was genau wurde im Rahmen der aktuellen Reform beschlossen?

Wer bislang ohne Papiere in Spanien war, kann ab sofort eine einjährige Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Damit verbunden ist auch das Recht zu arbeiten. Das gilt auch für diejenigen, deren Asylantrag zuvor schon abgelehnt wurde. Nach einem Jahr kann diese vorläufige Aufenthaltsgenehmigung dann in eine reguläre Aufenthaltserlaubnis umgewandelt werden.

Wer bleibt dabei außen vor?

Im Moment können sich nur diejenigen bewerben, die bis Ende Dezember 2025 mindestens fünf Monate hier gelebt haben. Auf individueller Ebene gibt es noch andere Möglichkeiten, um sich für eine Legalisierung zu qualifizieren. Jugendliche etwa, die nach dem Stichtag in Spanien ankamen, können an Ausbildungsprogrammen teilnehmen und sich nach einem zweijährigen Aufenthalt für die Legalisierung bewerben. Es ist allerdings wichtig zu sagen, dass die Mehrheit der Menschen, die durch dieses Programm jetzt legalisiert werden, aus lateinamerikanischen Ländern kommt.

Es geht also auch darum, woher die Menschen kommen?

Die Regelung gilt für alle, aber die meisten der knapp 1,3 Millionen Menschen, die im Jahr 2024 nach Spanien kamen, stammen aus Lateinamerika. Dabei ist es ein bedeutender Punkt, dass etwa Menschen aus Venezuela bis heute ohne Visum für 90 Tage in den Schengen-Raum einreisen und danach Asyl beantragen können. Übrigens eine Entscheidung, die auf EU-Ebene und nicht von Spanien getroffen wurde. Wenn sie langfristig bleiben wollen, müssen sie allerdings auch einen Weg finden, sich zu legalisieren. Überraschenderweise spricht kaum jemand darüber, dass die meisten Menschen, die seit Beginn der Covid-Pandemie 2020 nach Spanien eingereist sind, ohne Visum ankamen: Sie brauchten keines. Aber irgendwann muss man sich mit den Folgen auseinandersetzen.

Die Initiative "Regularización Ya!" hat seit 2020 über 700.000 Unterschriften zur Legalisierung von Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus gesammelt, das wurde 2024 vom spanischen Parlament aufgegriffen. Warum kam die Entscheidung jetzt im Januar?

Nachdem die Reform etwa 15 Monate im Parlament in der Schublade gelegen hatte, kam ihre Verabschiedung im Januar 2026 etwas unerwartet. Politisch ermöglicht sie es der spanischen Regierung, sich heute als Alternative zu restriktiveren Ansätzen in anderen Ländern, darunter den Vereinigten Staaten und Teilen Europas, zu präsentieren. Gleichzeitig trägt es dazu bei, die Regierungskoalition aus Sozialisten und der Linkspartei Sumar aufrechtzuerhalten, und wirbt zudem um Unterstützung der linken Partei Podemos, die derzeit nicht dazugehört, die Legalisierung aber mit vorangetrieben hatte.

Die konservative Volkspartei Partido Popular (PP) und andere Kritiker argumentierten, das Dekret würde mehr Menschen nach Spanien einwandern lassen und die Behörden überlasten.

Es gibt keine empirischen Belege dafür, dass Legalisierungen einen solchen Effekt haben. Das haben wir nach 2005 gesehen, als schon einmal knapp 700.000 Menschen einen Antrag auf Legalisierung stellen konnten. In den 20 Jahren danach lief der Prozess stetig und leise auf individueller Basis weiter. Damit hat Spanien ein funktionierendes Zuwanderungsmodell erlebt, ohne dass sich ein eigenständiger Pull-Effekt nachweisen ließe. Maßgeblich ist eher die Nachfrage des Arbeitsmarktes, verstärkt dadurch, dass es aus vielen Ländern in Lateinamerika keine Zugangshürden gibt.

Hat sich die Bewegung aus Ländern wie Venezuela nach Spanien mit der restriktiven Einwanderungspolitik der USA nochmals verstärkt?

In den letzten Jahren sind aufgrund der politischen Unruhen im Land mehr Menschen aus Venezuela gekommen. Doch auch die Zahl der Menschen, die aus den Vereinigten Staaten nach Spanien migrieren, ist gestiegen. Waren es 2016 noch 41.000, sind wir 2024 schon bei 76.000 Menschen. Die Zahlen von 2025 liegen noch nicht vor.

Wie ist die Situation für Menschen, die auf den Kanarischen Inseln ankommen und dort um Asyl anfragen?

Wer nach Dezember 2025 eingereist ist, hat keinen Zugang zu dieser großangelegten Legalisierung. Es gibt jedoch andere Möglichkeiten, über individuelle Legalisierungen im Land zu arbeiten. In allen Fällen müssen zwei Jahre der Irregularität bewiesen werden.

"Ein zentrales Problem ist, dass es zu wenige legale Wege gibt, Menschen ins Land zu holen"

Claudia Finotelli

Liegt hier nicht auch ein Problem?

Ein zentrales Problem ist, dass es zu wenige legale Wege gibt, Menschen ins Land zu holen, und zwar dort, wo sie gebraucht werden. Solange das so bleibt, wird man Menschen, die jahrelang ohne Papiere im Land sind, immer wieder nachträglich legalisieren müssen.

Was ließe sich verbessern?

Es braucht eine bessere Unterstützung, damit Integration gelingt. Vor allem ist es wichtig, dass die Menschen rechtlich abgesichert werden, um prekäre Arbeitsverhältnisse zu vermeiden. Darüber hinaus müssen die Sozialleistungen gestärkt werden. Die rechtliche Inklusion bleibt unerlässlich, um sicherzustellen, dass die Menschen einen Platz in der Gesellschaft finden.

Wo haben Menschen ohne Papiere in Spanien keinen Zugang?

Menschen ohne Papiere haben zwar Zugang zum Gesundheitssystem, ihre Kinder können die Schule besuchen, doch sie können sich nicht für eine Sozialwohnung bewerben oder ihre Familie nach Spanien nachholen. Sobald sie legalisiert werden, haben sie Zugang zu all diesen Leistungen, deshalb sollte das spanische Sozialwesen darauf vorbereitet sein.

Was sagt die Bevölkerung zu der Reform?

Die öffentliche Meinung zu Migration in Spanien ist relativ tolerant. Das hat auch damit zu tun, dass Migranten im Allgemeinen als Arbeitskräfte und nicht als Leistungsempfänger des Sozialsystems wahrgenommen werden – auch weil sie gleich arbeiten können. Einwanderung wird hier mit Wachstum in Verbindung gebracht. Dabei ist es allerdings wichtig, zwischen der Einstellung gegenüber Eingewanderten und der Meinung zur Migrationspolitik generell zu unterscheiden. Menschen können sich gut mit ihrem Nachbarn verstehen, der aus Marokko kommt, und gleichzeitig die Migrationspolitik der Regierung kritisieren.

Spanien fährt in der Migrationspolitik zweigleisig: Einerseits kann das Land Hunderttausende legalisieren, vor allem lateinamerikanische Menschen, die ohne Visum eingereist sind. Andererseits unterstützt Spanien zugleich die europäische Strategie der Externalisierung, also die Auslagerung von Grenzkontrollen und Asylverfahren in Drittstaaten, sowie den Ausbau von Hotspots an den EU-Außengrenzen. Der scheinbare Widerspruch ist aus Sicht der Politik keiner, beide Ansätze existieren nebeneinander. Spanien kann intern Menschen legalisieren und gleichzeitig auf Abschottung und Kontrolle nach außen setzen.

Es kommt nur darauf an, welche Taktik man in einem Land hervorhebt?

Ja. In Italien etwa würde die rechtsnationalistische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni arbeitsmarktbezogene Programme, die derzeit Tausende Menschen, die schon im Land sind, legalisieren, aus politischen Gründen niemals öffentlich als Legalisierung bezeichnen, anders als Spanien.

In der EU-Kommission wurde das Vorgehen immer wieder kritisiert, auch weil sich die Menschen dann frei in der EU bewegen können. Es ist ja nicht das erste Mal, dass Spanien Menschen ohne Papiere legalisiert, siehe das Beispiel 2005. Was passierte da?

Ja, die Menschen können durch Europa reisen. Doch der entscheidende Punkt ist: Mit ihrem Status können sie in anderen Mitgliedstaaten nicht arbeiten, und deswegen, das hat die Forschung schon nach 2005 gezeigt, bleiben die meisten in Spanien. Was will man in den Alpen, wenn man dort keine Zukunft hat und nicht arbeiten kann?

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