Scheidung
Verknallt in den Ex - kann das gutgehen?
Nach der Scheidung funkt es wieder? Zwei Paare erzählen, warum sie sich nach der Trennung erneut ineinander verliebt haben. Und was sie jetzt anders machen
Christoph trennte sich von Rahel – für ihn zunächst ein Befreiungsschlag. Nach einigen Monaten kam er aber wieder mit ihr zusammen
Anne Morgenstern
17.05.2026
8Min

In Deutschland werden fast 40 Prozent aller Ehen geschieden. Doch manchmal verlieben sich die Getrennten erneut ineinander. "Divorce regret" nennt man das Phänomen - zu Deutsch: Mist, ich hätte mich doch nicht scheiden lassen sollen. Aber warum nimmt man den Menschen zurück, der einem Kummer und Schmerz bereitet hat? Kann das gutgehen? Zwei Paare erzählen, warum sie es nochmal miteinander probiert haben.

Rahel und Christoph: Früher Wut, heute Freiheit

Christoph trennte sich von Rahel – für ihn zunächst ein Befreiungsschlag. Dann funkte es wieder zwischen beiden

Rahel, 61: Das mit Christoph war etwas für mich ganz allein. Vorher gab es neben den vier Kindern keinen Platz. Ihr Vater – mein Mann – ist früh gestorben, mit Christoph war plötzlich wieder einmal ich an der Reihe. Wir haben uns, sooft es ging, getroffen. Ich weiß noch, wie ich nach einer Übernachtung bei ihm frühmorgens in den Kleidern vom Vorabend zu mir nach Hause gelaufen bin, um nach dem Rechten zu schauen. Dort warteten damals vier Teenies. Dann machte Christoph aus heiterem Himmel Schluss. Fertig. Es gab keinen Raum für Fragen oder Diskussionen.

Dieser Verlust hat viele Gefühle aus der Zeit hochgebracht, als mein Mann gestorben war. Genauso unwiderruflich fühlte es sich an. Und zum Trennungsschmerz hinzu kam eine Wut auf Christoph. Ich verstand es nicht, habe ihm Briefe geschrieben, verrückte und unschöne. Viele habe ich nie abgeschickt. Ich musste weiter funktionieren für die Kinder.

Zur Ablenkung habe ich mich auf einer Partnerbörse angemeldet. Nach viereinhalb Monaten habe ich Christoph zufällig wieder getroffen. Wir waren uns plötzlich so fremd. Er hat mich gefragt, ob wir spazieren gehen. Beim Laufen hat er mich gefragt, ob ich wieder mit ihm zusammen sein möchte. Ich traf mich damals mit einem anderen Mann – alles war offen. Aber ich habe mich für Christoph entschieden.

Die Gefühle für ihn waren noch da und fühlten sich vertraut an. Meine Tochter sagte, sie finde es schön, dass wir wieder zusammen seien. Aber ich brauchte lange, um ihm und uns zu vertrauen, war zurückhaltend und hatte Angst, enttäuscht zu werden. Das ist heute anders. Wir gehen oft gemeinsam wandern – das hat er mit mir angefangen. Und Christoph lässt mir viele Freiheiten. Ich verreise einmal im Jahr für längere Zeit nach Sizilien, gehe für ein Wochenende oder länger weg. All das hat nun Platz, ohne dass mich ein schlechtes Gewissen plagt.

"Ich setzte fortan alles daran, sie wieder in mein Leben zu holen"

Christoph

Christoph, 60: Rahel und ich haben uns 2004 kennengelernt. Eine Bekannte organisierte einen Grillabend, zu dem sie drei Singlemänner und drei Singlefrauen eingeladen hatte. Rahel war eine von ihnen. Eigentlich hätte ich mit einer anderen verkuppelt werden sollen – sofort ist mir aber Rahel mit ihrer Art und ihren dunklen Haaren aufgefallen. Einige Zeit später sind wir zusammen ins Kino gegangen, "Ricordare Anna" mit Pippo Pollina. An jenem Abend hat es dann so richtig gefunkt.

Rahel machte auf mich den Eindruck einer Frau, die das Leben im Griff hat – bei unserem ersten Treffen kam sie mit dem Fahrrad von der Arbeit, hatte selbstgebackene Brötchen im Rucksack und war verschwitzt. Und: Sie hat vier Kinder allein großgezogen. Das alles hat mich so beeindruckt, ich wollte nur noch sie. Wir waren etwa viereinhalb Jahre zusammen.

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Na ja, kurz vor meinem 45. Geburtstag habe ich dann Schluss gemacht. Die Geburtstagsparty mit vierzig eingeladenen Gästen wurde abgesagt. Da war diese Linzer Torte für die Party, die ich anstatt von Rahel von meiner Schwester backen ließ – das gab eine komische Stimmung. Außerdem eine Auseinandersetzung, bei der es um Geld ging. Alles Kleinigkeiten, aber die haben sich angehäuft, und ich habe sie runtergeschluckt, lange nichts gesagt.

Die Trennung war ein Befreiungsschlag für mich. Nach bedrückenden Zeiten hat sich das wie eine Erleichterung angefühlt. Ein paar Monate später, als ich zur Ruhe gekommen war, spürte ich, dass meine Gefühle für Rahel nicht erloschen waren. Sie als Mensch hat sich ja nie verändert. Ich setzte fortan alles daran, sie wieder in mein Leben zu holen – und wusste aber auch, dass sie sich gerade mit einem anderen Mann traf. Zum Glück hat sie sich dann doch für mich entschieden.

Ich habe anschließend eine psychologische Beratung besucht, um zu verhindern, dass mir dasselbe wieder passiert. Dort habe ich mich mit meiner eigenen Geschichte auseinandergesetzt und gelernt, mich mehr zu öffnen. Wenn mich etwas stört oder verletzt, dann versuche ich das seither aktiv anzusprechen. Schließlich meisterten wir zusammen die Monte-Rosa-Tour, eine Rundwegwanderung durch die Schweizer und Italienischen Alpen. Ein langgehegtes Ziel von Rahel.

Früher hätte ich gesagt: Mach du das allein. Heute sehe ich uns eher als ein Team. Wenn wir eine Party machen, dann stehe ich nicht einfach hinter dem Grill, und Rahel schmeißt den Laden – nein, wir sind dann gleichwertige Gastgeber. Schon seit 15 Jahren, in denen wir wieder zusammen sind.

Irmi und Tobias: Wie aus Vertrautheit wieder Liebe wurde

Tobias und Irmi lernten sich im Internat kennen, dann gingen ihre Wege auseinander. Nach knapp 20 Jahren fanden sie wieder zusammen

Irmi, 52: Wir waren 18, als wir uns in der Disco kennengelernt haben. Als ich Tobias zum ersten Mal sah, war klar, dass ich mich in diesen Menschen verlieben würde. Sein Humor, sein Aussehen und seine Art, sich zu bewegen – es war sofort um mich geschehen. Meine große Liebe. Für die habe ich alles stehen und liegen gelassen.

Meine Freundschaften habe ich zwar nicht aufgegeben, aber Tobi war schon das Wichtigste für mich. Wir waren etwa ein Jahr zusammen und planten eine Auslandreise und waren fast eineinhalb Jahre in Asien. Davon möchte ich keine Sekunde missen. Aber unsere Intimität ging bald verloren: diese Low-Budget-Unterkünfte, wo man zu zehnt irgendwo schläft, und Händchenhalten in China geht auch nicht. Irgendwann fühlte sich unsere Beziehung eher wie Bruder und Schwester an.

Mir hat es irgendwann gereicht, ich bin drei Monate vor Tobi nach Hause geflogen. Wieder zu Hause hat sich mein Fokus verändert. Ich habe eine Ausbildung als Krankenpflegerin angefangen und meine ganze Energie reingesteckt. Ich musste mich lösen – damals dachte ich, dass ich mich in einer Beziehung nicht weiterentwickeln könne. Ein Jahr nach der Rückkehr habe ich mich getrennt, danach kamen wir nie ganz voneinander los.

"Nun habe ich meine große Liebe wiedergefunden – auf eine reifere Art"

Irmi

Als Tobi dann eine neue Freundin hatte und sie bald darauf schwanger wurde, war es definitiv. Ich weiß noch, wie ich zu Element of Crime stundenlang geheult habe. Danach gingen wir 19 Jahre getrennte Wege. In jener Zeit habe ich selbst zwei Kinder bekommen – der Kontakt zu Tobi ging nie ganz verloren. Auch mit seiner Frau habe ich mich gut verstanden. Wenn meine Beziehungen scheiterten, kam natürlich auch einmal der Gedanke, wie schön es mit Tobi gewesen war. Aber es war nie eine Option, dem nachzugehen.

Als Tobi und seine Frau sich trennten, haben wir wieder begonnen, uns öfter zu treffen. Das ging ein paar Wochen so. Jedes Treffen wurde romantischer. Einmal hat mich Tobi zum Beispiel mit seinem Mofa abgeholt, für ein Picknick im Wald. Das fand ich süß.

Und dann kam dieser eine Morgen: Ich war früh vom Nachtdienst nach Hause gekommen. Tobi fuhr trotz strömendem Regen eine Stunde mit dem Mofa zu mir, klatschnass und durchgefroren kam er an. Ich rief ihm zu: "Komm schnell ins Bett", was er dann auch tat. Und ja, das war der Moment, in dem wir wieder zusammengekommen sind. Das ist jetzt zwölf Jahre her.

Die Erfahrungen, die Tobi und ich in unseren früheren Leben gemacht haben, tun unserer Beziehung gut. Mit 19 Jahren war ich auf meine eigenen Bedürfnisse ausgerichtet und zu wenig offen. Nun habe ich meine große Liebe wiedergefunden – auf eine reifere Art.

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Tobias, 54: Mit einem Kumpel vom Internat bin ich in die Disco losgezogen. Der hat mich Irmi vorgestellt. Da haben wir dann stundenlang auf dem Boden gesessen und geredet. Um uns herum Musik und tanzende Menschen. Es folgte eine saucoole Zeit mit Irmi. Wir haben viel Quatsch gemacht: Ich durfte zum Beispiel nur bis elf Uhr raus, bin dann frühmorgens durch das Fenster ins Zimmer geklettert … Alles war super aufregend.

Nach meiner Matura war ich ein halbes Jahr allein auf Reisen. Irmi und ich haben uns endlose Briefe geschrieben. Schließlich unsere erste gemeinsame Reise. Ich als Landei unterwegs in der Welt mit Irmi – das war phantastisch. Wir waren nur vier Jahre zusammen, aber es hat sich angefühlt wie dreimal so lange, weil wir 24 Stunden zusammenklebten. Als Irmi sich dann von mir trennte, war ich zerstört. Aber mir war wichtig, dass wir es weiterhin gut hatten, auch um unsere gemeinsame Zeit in guter Erinnerung zu behalten. Niemand sollte das kaputtmachen.

Nach der Trennung habe ich schnell meine neue Frau kennengelernt. Kinder, Geldverdienen, Familienleben. Ich bin da hineingeworfen worden. Eine tolle Zeit, aber Platz für etwas anderes gab es nicht. Das mit Irmi war auch nie wieder ein Thema. Doch dann ist meine ganze Welt zusammengebrochen: Mein Sohn Muk ist mit vierzehn nach einer Herzoperation gestorben. Alles Mögliche ist aufgebrochen, und meine Frau und ich konnten uns irgendwann gegenseitig nicht mehr stützen. Drei Jahre danach haben wir uns getrennt.

Irmi war auf der Beerdigung von Muk. Danach hatten wir zunächst sporadischen Kontakt. Einige Zeit später haben wir uns wieder öfter getroffen. Mit ihr konnte ich einfach plaudern, über Gott und die Welt reden oder lachen. Wir waren füreinander da. Die Vertrautheit war auch sofort wieder da. Und plötzlich waren da auch wieder romantische Gefühle. Unsere Freunde mussten zwischendurch schon einmal grinsen – die meisten waren aber nicht überrascht. Auch meine Eltern haben sich gefreut, Irmi wiederzusehen.

Für uns war klar, dass wir mit dem Zusammenziehen warten und es langsam angehen. Wir hatten ja beide auch eigene Leben. Das ist bis heute so. Seit November letztes Jahr wohnen wir wieder zusammen. Wie wir ticken und Dinge angehen – darin sind wir gleich. Und das macht es für mich aus. Wir haben uns in diesen 19 Jahren zwar verändert, sind eigene Wege gegangen. Aber irgendwie haben wir stets dieselbe Welle geritten.

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