Uralt-Bäume
In den Himmel wachsen
Bäume können tausend Jahre und älter werden – wenn wir sie lassen. Der Baumbiologe Andreas Roloff erklärt, was sie dafür brauchen und wie wir sie schützen können
Schöne Eiche Harreshausen: Blick in die Krone mit Bedrängern und Kronensicherung
Die "Schöne Eiche" im hessischen Harreshausen (Landkreis Darmstadt-Dieburg) ist wohl fast 600 Jahre alt
Andreas Roloff
Thomas Di Paolo
10.04.2026
5Min

chrismon: Herr Roloff, wenn Sie einen Baum zum National­erbe erklären, sind oft Zuschauer dabei, und oft fließen Tränen. Was rührt die Menschen so?

Andreas Roloff: Die Zuschauer sind fast alle Laien, und was ich ihnen über alte Bäume erzähle, haben sie so noch nie gehört. Ich erläutere die Körpersprache der Bäume, ihre Wülste, Risse, Beulen, Gabelungen, wir Fachleute sprechen von Zwieseln. Ich berichte von der faszinierenden Fähigkeit dieser Pflanzen, viele Hundert Jahre zu überleben, und was sie in dieser Zeit erlebt haben. Wenn die Leute Fotos sehen, sagen sie: "Wow, toll, wie schön." Aber wenn sie vor einem echten Baumveteranen stehen und begreifen, dass das kein Stück Holz in der Landschaft ist, sondern ein Lebewesen mit einer so langen Geschichte, ist jeder ergriffen.

Andreas Roloff

Andreas Roloff

Andreas Roloff, geboren 1955, ist Seniorprofessor für Baumbiologie an der TU Dresden. Er gehört zur Deutschen Dendro­logischen Gesellschaft, auf deren Initiative seit 2019 betagte ­Eichen, Linden, ­Zedern, Zirben und ­andere Arten als "Nationalerbe-­Bäume" ausgewählt werden. Das Ziel lautet: 100 Bäumen die Chance zu ­geben, "in Würde zu ­altern" – und im bes­ten Fall tausend Jahre alt und älter zu werden.

Welche Geschichten erzählen Sie?

Ich erzähle von Gerichtsbäumen, an deren Ästen Menschen aufgehängt und an deren Stamm vermeintliche Diebe mit Halsketten fixiert wurden; von Linden, die seit Hunderten von Jahren eine hohe emotionale Bedeutung für ein Dorf haben, weil dort Trauungen abgehalten und Schützenkönige ausgerufen wurden; ich erzähle von Bäumen in Thüringen oder Bayern, deren Äste man über Jahrzehnte durch Biegen, Beschneiden und mit Schnüren so "erzog", dass man auf ihren Ästen einen Tanzboden bauen konnte.

Und ich erzähle von der mystischen Bedeutung dieser uralten Bäume für die Menschen früherer Zeiten. Als ich vor Jahren in England Eiben sah, die etwa 2000 Jahre alt sind und sämtlich auf Kirchhöfen stehen, wurde mir klar, dass nicht der Baum neben die Kirche gepflanzt wurde, sondern umgekehrt: Die Kirche wurde dort gebaut, wo der Baum längst stand, weil der Ort für die Menschen ein heiliger, mystischer oder strategisch wichtiger Ort war.

Lesetipp: Haben Bäume eine Seele?

Wie kommt es – trotz der Liebe der Deutschen für den Wald und trotz der Ergriffenheit, von der Sie berichten, dass es hierzulande so wenige sehr alte Bäume gibt?

Diese Frage stellte ich mir in England ebenfalls. Dort gibt es Hunderte von Bäumen, die tausend Jahre und älter sind, bei uns nach meiner Kenntnis nur drei – darunter eine weibliche "Ureibe" auf einer Alm im Oberallgäu, die mit ihren wohl 1100 Jahren der älteste Baum Deutschlands sein ­dürfte: Wir wollen sie im Juni als Nationalerbe-Baum ausrufen. Die Engländer mit ihrer langen Gartenkultur haben eine hohe Wertschätzung für die Natur im ­Allgemeinen und für alte Bäume im Besonderen. Sie akzeptieren als natur­gegeben, dass auch mal ein Ast abbrechen kann.

Bei uns überwiegt die Angst der Eigentümer, wegen verletzter Verkehrssicherungspflichten verklagt zu werden. Deshalb wird nicht selten von den billigsten Baumpflegern oder sogar Nichtfachkräften mit deutscher Gründlichkeit gestutzt, gekappt und verstümmelt, womit oft eine Abwärtsspirale einsetzt.

Und wenn Grundstücke bebaut werden, muss sich hierzulande in der Regel nicht das Haus nach dem Baum richten, sondern der Baum nach dem Haus – das ist oft sein Todesurteil. Selbst Bäume, die mal als Naturdenkmal ausgewiesen wurden, also unter Naturschutz stehen, können diesen Status wieder verlieren, wenn sie im Wege sind. Hierzulande ist sehr viel mehr Ehrfurcht gegenüber Baumveteranen angebracht.

Tausendjährige "Ureibe" auf einer Alpwiese bei Balderschwang – aus der Sammlung von Andreas Roloff

Wie schaffen es die Bäume, so alt zu werden – wenn man sie denn lässt?

Ihre Überlebensstrategien sind auch für mich immer noch faszinierend. Der älteste lebende Baum der Welt mit einem einzelnen durchgängig lebenden Stamm ist eine etwa 5000 Jahre alte Grannenkiefer im Hochgebirge Nevadas. Solche Methusalembäume sind über die Jahrhunderte klargekommen mit extremen Warmphasen wie im Mittelalter, mit Trockenzeiten, Beschädigungen, Konkurrenzpflanzen, Feuern, Krankheiten, Schädlingen, Kälteperioden. Dabei hat jede Art und jeder Baum seine Anpassungsmechanismen.

Vor zwei Jahren haben wir die wichtigsten baumbiologischen Eigenschaften für ein langes Leben herausgefiltert und gewichtet; ganz oben stehen die Fähigkeiten, mit Pilzen fertigzuwerden und neue Austriebe zu bilden, und zwar auch ohne Anzeichen für eine Krise: Geht es mit dem Mutterbaum dann doch zu Ende, sind viele neue Austriebe da, die zum Zuge kommen können.

Die Linde kann das besonders gut, sie ist in gewissem Sinn sogar unsterblich, weil sie unten am Stamm immer wieder neu austreibt. Sehr spannend finde ich, dass zum langen Leben auch die Fähigkeit gehört, sozusagen kontrolliert abzusterben, die eigene Krone kleiner werden zu lassen und dadurch die Transportwege für Wasser und Nährstoffe von den Wurzeln zu den Blättern zu verkürzen.

Die Stammstruktur einer 800 Jahre alten Eiche

Sie wollen Ihren Nationalerbe-Bäumen ein "Altern in Würde" ermöglichen. Wie machen Sie das?

Wenn wir aus den eingereichten Vorschlägen einen Baum ausgewählt haben, machen wir einen Vertrag mit dem Eigentümer – Kirchen, Kommunen, auch Privatleute. Darin ist geregelt, dass der Baum nicht verstümmelt werden darf und wir über etwaige Baumaßnahmen, die die Wurzeln beschädigen könnten, informiert werden müssen. Falls nötig, beauftragen wir Altbaumspezialisten mit der Pflege, sie kürzen dann zum Beispiel sehr behutsam die Kronen ein, so dass das Risiko des Auseinanderbrechens minimiert wird, in dessen Folge oft Pilze eindringen.

Wir sind dabei, ein bundesweites Netzwerk junger Baumpfleger – Arboristen – aufzubauen, die mit Fingerspitzengefühl und mit Handsägen in die Bäume klettern. Altenpflege bei Bäumen ist definitiv etwas für Spezialisten. Und wir haben das Glück, dass uns die Eva-Mayr-Stihl-Stiftung und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt diese Maßnahmen bis zum 100. Nationalerbe-Baum finanzieren.

Sind Sie auch so gerührt wie Ihr Publikum oder leitet Sie der kühle Blick des Wissenschaftlers?

Ehrlich gesagt werde ich immer gerührter, weil ich immer mehr verstehe, was mir ein Baum erzählt, wenn ich ihn begutachte. Das geht tief, ist emotional, ich kann das schwer beschreiben. Jedenfalls darf mich während dieser ersten ein, zwei, drei Stunden niemand stören.

Die "Wolfgangseiche" in Thalmassing (Landkreis Regensburg) muss gestützt werden

Hat das mit Ihrem eigenen Älterwerden zu tun?

Gut möglich. Ich kann mir das Emotionale jetzt, in meinem Alter und als Seniorprofessor, vielleicht auch mehr erlauben, nachdem ich jahrzehntelang Trieblängen gemessen und Blüten und Staubblätter gezählt habe. Jetzt laufen Linien zusammen, denen ich früher eher einzeln gefolgt bin. Es ist ein sagenhaftes Geschenk, zu begreifen, was für eine Kostbarkeit so ein Baum ist – jenseits seiner Umweltleistungen wie Luftfilterung, Beschattung, Kühlung, CO2-Speicherung oder seines Werts für die Artenvielfalt in seiner Baumkrone. Danke!

Produktinfo

Im Dezember 2025 ist Andreas Roloffs Buch über die ersten 50 Welterbe-Bäume: "Alt wie Methusalem - Eine Reise zu den Jahrhundert-Bäumen Deutschlands" erschienen. Quelle-&-Meyer Verlag. 312 Seiten, 29,95 Euro

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