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Zu den vielfältigen Pflichten von Eltern gehört, regelmäßig zu sogenannten U-Untersuchungen zu gehen. Der Kinderarzt oder -ärztin überprüft, ob sich das Kind altersgerecht entwickelt. Dann wird der zunehmende Kopfumfang, das Gewicht und die Größe in Kurvendiagrammen eingetragen. Das Kind muss hüpfen, Ball spielen, Flaschendeckel auf- und zu drehen und eben auch malen. Es geht darum das Kindswohl im Blick zu haben, Förderbedarf und chronische Krankheiten zu erkennen.
Bei ihrer letzten U-Untersuchung erfüllte meine fünfjährige Tochter die Anforderungen nicht. Sie sollte ein Haus malen, gab sich Mühe mit der Inneneinrichtung und dem Briefkasten, ließ aber Fenster und Türen weg. Darauf hingewiesen, malte sie welche - allerdings leider falsch, die Tür und das Fenster standen offen, hatten aber geschlossen zu sein. Die Sprechstundenhilfe meinte, ich sollte einfach regelmäßig mit ihr üben, wie ein korrektes Haus auszusehen hat. "Ich mein das ja nicht böse", sagte sie, "es geht ja nur darum, dass es bei der Schuleingangsuntersuchung keine Probleme gibt."
"Hab ich was falsch gemacht?", fragte meine Tochter beim Rausgehen. Das erste Mal hatte eine erwachsene Person etwas, das sie gemalt hatte, nicht nur interessiert betrachtet, sondern defizitär gefunden. Ich war schlechter Laune. Nicht wegen meiner Tochter. Sondern weil ich mir vorstellte, wie viele Eltern ähnliche Rückmeldungen bekommen und daraufhin mit ihren Kindern abends am Küchentisch sitzen und üben Häuser mit korrekten Fenstern zu malen. Weil sie nicht wollen, dass ihre Kinder aus der Reihe fallen, schlechte Erfahrungen machen, negativ bewertet werden.
Es zählt die Anpassung an die Norm
So bekommen Kinder, die sich mutig gezeigt haben, ihre Einfälle und Vorstellungen von der Welt offenbart und etwas von sich preisgegeben haben, den ersten Dämpfer noch vor Schulbeginn - in Kindergärten, Schuleingangsuntersuchungen oder in der Grundschule. Wie viele bekommen ihre Kreativität dann im Verlauf der ersten Schuljahre sehr schnell abtrainiert? Weil sie merken, dass das, was zählt, nicht ihre Vorstellungskraft und Phantasie ist, sondern die möglichst exakte Anpassung an die Norm.
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Das ist keine Kritik am Bildungs- und Schulsystem an sich. Aber ich habe schon den Eindruck, dass sich in den Schulen hier in Vorpommern die alten Wert- und Ordnungsvorstellungen besonders lange halten. In der ersten Klasse eines Kindes einer Bekannten wirft der vergleichsweise junge Klassenlehrer mit dem Schlüsselbund nach Kindern, wenn sie zu laut sind und lässt sie Liegestütze machen, wenn die Antwort nicht stimmt.
Sitzordnungen, in denen die Kinder nicht in Reihen sitzen und frontal auf die Tafel schauen, findet man in Schulen nur selten. Frontalunterricht generell ist nach wie vor Standard. Die Sportlehrerin meiner größeren Kinder ließ sie in der Grundschule vor dem Sportunterricht in einer Reihe antreten, führte eine Art Musterung durch, bei der sie kommentierte, wenn ein Kind ein ungewöhnliches Kleidungsstück trug, die Sportschuhe vergessen oder eine neue Frisur hatte. Im Anschluss rief sie: "Und nun alle ein dreifaches Sport -..." "Frei!", brüllten die Kinder.
Klassensprecher werden in manchen Grundschulen einfach von den Klassenlehrerinnen ernannt, anstatt gewählt. In einer Schule in einem kleinen Ort im Umland stellen sich die Schüler nach der letzten Stunde in einer Reihe auf und marschieren hinter einer Erzieherin her. Im Gleichschritt zum Hort. Vor ein paar Jahren war ich in einer Schule, in der im Eingangsbereich noch eine "Straße der Besten" hing, also Fotos derjenigen Schülerinnen und Schüler, die besonders gute Leistungen erbrachten.
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Es gibt natürlich auch Lehrerinnen und Lehrer, die eine moderne und respektvolle Pädagogik vertreten und sich bemühen, demokratische Werte umzusetzen. Für die jedes Kind gleich viel wert ist, denen es auch um Persönlichkeitsentwicklung, nicht nur um Leistung und Gehorsam geht. Bei denen Kinder und Jugendliche mitbestimmen und -gestalten dürfen und es erwünscht ist, sich einzubringen.
Aber größtenteils sind nach meinem Eindruck Schulen in Ostdeutschland auch 35 Jahre nach der Wende noch immer hierarchische, im Grunde undemokratische Einrichtungen. Demokratie kommt im besten Fall als Unterrichtsfach vor. Aber selten als gelebte Wirklichkeit. Was für ein gewaltiges Potential wir hier verschenken!
In ein paar Tagen gehe ich mit meiner Tochter zur Einschulungsuntersuchung. Wir haben nicht geübt, wie man eine korrekt geschlossene Tür malt. Aber vor ein paar Tagen hat sie ein Bild aus dem Kindergarten mit nach Hause gebracht. Es war ein Haus zu sehen. Die Tür war zu, aber das Fenster stand immer noch offen.
