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Mein Sohn kommt gerade in ein Alter, in dem er immer selbstständiger wird. Mit Selbstständigkeit meine ich natürlich noch nicht die eines Erwachsenen. Aber er kann immer mehr Dinge, bei denen ich ihm früher helfen oder sie für ihn erledigen musste, inzwischen allein.
Zum Beispiel geht er seit ein paar Wochen selbst auf die Toilette. Er verschwindet dann plötzlich und irgendwann hört man die Klospülung. Alles, was davor, dazwischen und danach zu tun ist, erledigt er selbst. Ja, manchmal müssen wir noch etwas ab- oder aufwischen, aber grundsätzlich braucht er uns Eltern dafür nicht mehr.
Er zieht sich jetzt auch seine Schuhe und Hosen selbst an. Ab und zu noch verkehrt herum, aber das kommt seltener vor. Er verlangt jetzt häufiger, dass er alleine Zähne putzen darf und Mama und Papa nur noch nachputzen. Im Sommer hat er Fahrradfahren gelernt. Das ging überraschend schnell, da er bereits eineinhalb Jahre Erfahrungen mit dem Laufrad gesammelt hatte und wusste, wie man die Balance hält.
Wenn er auf dem Spielplatz einen Snack gegessen hat, wirft er die leere Verpackung anschließend ohne Aufforderung in den Mülleimer. Anschließend klettert er auf den Spielgeräten herum und tollt mit anderen Kindern durch die Gegend. Ich gucke nur noch aus der Ferne zu und stehe nicht mehr mit ausgestreckten Armen daneben. Will ich doch mal helfen, höre ich in letzter Zeit häufiger ein "Lass mich!".
Das alles freut mich. Einerseits. Denn als Eltern sind wir ja genau dafür da: Wir zeigen ihm, wie Dinge funktionieren, und unterstützen ihn dabei, selbstständig zu werden, damit er irgendwann auch ohne uns durchs Leben gehen kann. Ich bin auch ziemlich stolz darauf, wie geschickt er sich anstellt, wie selten ich ihn noch korrigieren muss und wie eigenständig er in seinen Interessen und seinem Verhalten geworden ist. Außerdem lernt er nicht mehr alles eins zu eins nur von meiner Frau und mir.
Viele neue Dinge kommen über den Kindergarten oder er schnappt sie in Hörspielen und Kinderserien auf. Das ist manchmal wirklich skurril, weil er plötzlich Dinge versteht, die wir ihm nie erklärt haben. So erzählt er mir beispielsweise plötzlich, wie die Kanalisation funktioniert, oder dass es Menschen gibt, die Französisch sprechen. Das versucht er dann zu imitieren.
Trotzdem gibt es da natürlich das Andererseits: Es kommt sogar vor, dass er mich wegschickt, weil er lieber allein spielen will. Das ist toll, weil ich dann mehr Zeit für mich, den Haushalt und meine Freizeit habe. Oder für seine kleine Schwester. Aber es fühlt sich auch ein wenig wie eine Zurückweisung an und zeigt, dass der erste große Schritt von mir weg getan ist.
Aus einem kleinen Wesen, das vollständig von mir abhängig war und das ich auf Schritt und Tritt begleiten musste, damit nichts passiert, ist ein kleiner Junge geworden, der ganz genau weiß, was er will, und der sich auf dem Weg dorthin gar nicht mal so dumm anstellt.
Mit diesem emotionalen Zwiespalt muss ich lernen, umzugehen. In dieser Kolumne habe ich schon einmal über ein ähnliches Gefühl geschrieben: dass ich seine kindlichen Wortneuschöpfungen vermissen werde. Den "Schrubauber", seine Variante des Hubschraubers, hört man bei uns daheim schon lange nicht mehr. Und wenn, dann nur von uns Eltern.
Zum Glück habe ich durch meine Tochter die Chance, vieles noch einmal mitzuerleben. Ich versuche, so viel wie möglich bewusst wahrzunehmen und die schönen Augenblicke neben dem ganzen Alltagsstress und der Hektik zu wertschätzen. Wenn ich jedoch die endlosen Windelberge betrachte, die tatsächlich und potenziell noch vor mir liegen, bin ich auch froh, wenn manche Phasen irgendwann endgültig vorbei sind.




