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Als wir letztens bei Freunden zu Besuch waren, spielte unser ältester Sohn plötzlich Klavier. Das war überraschend und kam so: Unser Gastgeber ist ein guter Pianist. Im Wohnzimmer steht dort ein Klavier und als unser Sohn sich daransetzte, erklärte der Gastgeber ein bisschen was und zeigte ihm, wie man die Melodie zu den Harry-Potter-Filmen spielt. Das gefiel unserem Sohn so sehr, dass er sich während unseres zweitägigen Besuchs immer wieder an das Piano setzte und übte. Am Ende konnte er die Melodie schön spielen.
Nun denken wir, er könnte ja mal Klavierspielen lernen. Dabei ist sein Terminkalender wie unserer und der seiner Geschwister auch schon jetzt sehr voll. Aber wenn es ihm nutzen könnte: emotional, motorisch, überhaupt in vielen Hinsichten, dann versuchen wir es zu ermöglichen. Sollten wir auch, oder?
Das ist der Punkt, auf den ich hinauswill: unseren elterlichen Impuls, den Kindern alles zu ermöglichen, was irgendwie gewünscht ist und gut sein könnte. Eigentlich kann es daran doch keinen Zweifel geben, denke ich. Aber sicher bin ich mir nicht. Das liegt vor allem daran, dass die Ansprüche der Kinder mit dieser Einstellung natürlich auch steigen.
Ein anderes Mal war es nämlich so: Unser anderer Sohn erzählte, dass er möglicherweise mit einem Freund in die Ferien fahren könnte. Der Freund hatte ihn gefragt. Und unser Sohn wollte nun wissen, ob das okay wäre, denn er wollte unbedingt.
Grundsätzlich ja, dachte ich: Warum nicht? Nur handelte es sich um eine Fernreise mit einem Flug, der ziemlich teuer geworden wäre. Mein zweiter Gedanke war also: Nein, das wird nichts, das ist zu teuer. Nur: Darauf hätte der Sohn zu Recht viele Dinge anführen können, die wir gemacht haben, obwohl sie teuer waren. Denn – wie gesagt – letztlich versuchen wir ja immer alles zu ermöglichen. Also habe ich auch in diesem Fall erst einmal gezögert und wollte nicht gleich sagen, dass es nicht geht.
Ich hatte Glück. Die Urlaubsidee erledigte sich aus anderen Gründen von alleine. Aber das Problem bleibt: Wie sollen die Kinder lernen, dass viele Dinge in ihrem Leben nicht selbstverständlich sind? Und: Sollten wir Eltern nicht grundsätzlich versuchen, ihnen so viel es geht zu ermöglichen?
Wer weiß wie lange das noch so geht? Was man hat, das hat man. Tolle Erlebnisse kann einem niemand mehr nehmen. Und: Jetzt ist die Zeit, in der die Kinder viel lernen können. Nutze die Möglichkeiten, denke ich. Das ist sowieso eines meiner Lebensmottos. Dass das so ist, kommt sicherlich auch von der intensiven Beschäftigung mit dem Tod – unter anderem als Host des chrismon Podcasts "Über das Ende".
"Nichts ist selbstverständlich, nicht einmal, dass man am nächsten Tag wieder aufwacht"
Konstantin Sacher
Das ist sowieso so ein Spagat in meinem Kopf: Einerseits verantwortlich in die Zukunft planen zu wollen und andererseits ständig zu denken, vielleicht kommt ja diese Zukunft gar nicht mehr. Aber das ist vielleicht wirklich mein Privatproblem, das ich nicht auf die Kinder übertragen sollte.
Und vielleicht ist es auch einfach gut, dass die Kinder so viele Dinge ausprobieren und erleben können. Vielleicht liegt es auch daran, dass ihre Wünsche keine überzogenen sind und es einfach gut ist, dass sie sich entfalten können. Vielleicht ist es so ein komischer protestantisch-puritanischer Zug in mir, dass ich einerseits alles möglich machen will und andererseits deswegen ein schlechtes Gewissen habe. Die Kinder können jedenfalls nichts dafür.
Sollte ich ihnen ständig sagen: Übrigens - andere Kinder auf der Welt haben nicht so viele Möglichkeiten? Da käme ich mir vor wie die Eltern, die ihre Kinder zum Aufessen bewegen wollen, indem sie darauf hinweisen, dass in einem bestimmten Land gerade eine Hungersnot herrscht. Außerdem ist das doch auch eine sehr spezielle und nicht sehr sympathische Form von Eigenlob: Seht mal, wie viel wir euch ermöglichen!
Sicher ist: Ich darf mich nicht beschweren, wenn die Kinder vieles für selbstverständlich halten, wenn ich es ihnen so vorlebe. Ihre hohen Ansprüche entstehen zum Großteil durch uns.
Man sollte aber vielleicht dennoch regelmäßig darauf hinweisen, dass einige Dinge besonders sind. Nicht, um ihnen klarzumachen, dass sie es besser haben als andere. Auch nicht, um ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen. Aber um ihnen beizubringen, nichts im Leben einfach selbstverständlich zu finden.
Denn nichts ist selbstverständlich, nicht einmal, dass man am nächsten Tag wieder aufwacht. Aber, okay, das geht jetzt vielleicht zu weit und ich bin wieder bei meinem Privatproblem.




