Die Nachbarschaft pflegen
Wie eine Hündin eine ganze Stadt zur Audienz bittet
Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Einsamkeit und sinkendem Vertrauen in Demokratie. In Greifswald haben eine Mischlingshündin und ihr Frauchen ein Rezept dagegen gefunden.
Hündin Emmi am Fenster, Greifswald
Emmi und ihr Frauchen am Fenster. Wer schaut als Nächstes vorbei?
Anke Lübbert
Anke LübbertPR
07.01.2026
5Min

Meine Heimatstadt Greifswald ist keine anonyme Großstadt, in der man den ganzen Tag unterwegs sein kann, ohne ein vertrautes Gesicht zu entdecken. Trotzdem schauen die meisten Menschen nicht einander an, sondern auf den Boden, auf ihre Schuhe oder ihre Hunde oder Kinder oder in Schaufenster. Sie sprechen in ihre Telefone oder hören Sprachnachrichten ab, während sie laufen.

Wir teilen uns den Asphalt, aber keinen Blick und auch kein Wort. Die Verkäuferinnen in meiner Stammbäckerei haben mich jahrelang nicht merken lassen, dass sie mich wiedererkennen, obwohl ich wirklich oft das Gleiche bestellt habe: eine Vortagstüte Mohnhörnchen, bitte; hier das Geld; Danke; Tschüss. "Ich bin halt ein Fischkopp", sagen sie in Vorpommern sich selbst entschuldigend.

Dass das auch etwas mit vorpommerscher Mentalität zu tun hat, merke ich, wenn ich die Region verlasse und irritiert zusammenzucke, wenn mich auf der Straße jemand einfach so anspricht und "Guten Tag" oder "Hallo".

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Ich denke dann, wie viel schöner man sich das Leben gegenseitig mit einem Lächeln und einem Gruß und einem Schnack hier oder da machen kann.

Genau deshalb ist mir Emma auch so aufgefallen. Fast immer, wenn ich vorbeifahre, sitzt sie im offenen Fenster in einer Seitenstraße der Fußgängerzone, weißes Eckhaus, Erdgeschoss. Und davor steht irgendjemand und redet mit ihr. Sie ist immer in Kontakt. Also eigentlich nicht nur Emma, sondern auch ihre Besitzerin, aber die möchte in dieser Geschichte nicht prominent auftauchen, darum schreibe ich über die zehn Jahre alte Mischlingshündin mit weißen Locken und rotgepunktetem Halstuch. Nach einem Schlaganfall wurde sie auf einem Auge blind und muss seitdem jede Nacht mit Augentropfen versorgt werden.

Emma liebt es, am Fenster zu sitzen, rauszuschauen und mit anderen Hunden in Kontakt zu treten. Wenn ihr langweilig ist, klopft sie energisch mit der Pfote auf den Stuhl am Fenster und wenn sie energisch genug war, öffnet ihr Frauchen das Fenster, rückt eine Decke für sie beide zurecht und dann sitzen sie da. Und dabei bleiben sie selten lange alleine, weil wirklich immer jemand vorbeikommt. Ein Mensch oder ein Hund, oft auch beide gleichzeitig. Emma und der andere Hund schauen sich dann an. Vermutlich sprechen sie miteinander, in Hundesprache, so genau weiß man es ja nicht. Und Emmas Frauchen spricht mit dem dazugehörigen Menschen.

Über das Wetter, über die Verkehrssituation und über die Blumen, die die Tochter von Emmas Frauchen unter ihr Fenster gepflanzt hat. Nach den ersten Nachtfrösten sind nicht mehr viele übrig, nur ein paar traurige Reste von Kosmeen und Dahlien. Aber im Sommer war das ein prachtvoller Stadtgarten, ein urbaner Kleinstadtblühstreifen. Und alles zusammen bildete ein Gesamtkunstwerk: Emmi, ihr Frauchen und die Blumen.

In Deutschland fühlen sich Menschen jeden Lebensalters einsam, das zeigen Studien. Einsamkeit ist ein unterschätztes Problem: Dass sie zunimmt, liegt an der Digitalisierung, am Rückzug während der Coronapandemie, an Ängsten und Sozialphobien. Einsamkeit kann krank machen, sogar die Demokratie gefährden. Eine Bertelsmann-Studie aus dem letzten Jahr zeigte, dass sich fast die Hälfte der Menschen zwischen 16 und 30 Jahren einsam fühlen. Und dass sie an ihrer Selbstwirksamkeit, der Möglichkeit sich einzubringen und Dinge zu verändern zweifeln, ihre Anfälligkeit für Verschwörungsideologien wächst und das Vertrauen in die Demokratie sinkt. Andere Studien zeigen, dass neben jungen Menschen vor allem Menschen in ländlichen Regionen und einkommensschwache Menschen besonders unter Einsamkeit leiden.

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Im Gespräch mit älteren Menschen von hier, im Osten Deutschlands, gibt es oft einen bitteren Moment, dann, wenn sie davon erzählen, dass ihre Kinder und Enkelkinder sehr weit weg wohnen. In Frankfurt oder Karlsruhe oder Nürnberg. Vielleicht, wenn sie Glück haben, nur in Hamburg oder Berlin. Denn in den Jahren nach der Wende gab es im Osten nur wenige Ausbildungsplätze und Jobs. "Was will man machen, die jungen Leute müssen dahin gehen, wo die Arbeit ist" - ich weiß nicht, wie oft ich das schon gehört habe.

Soziologen raten einsamen Menschen, kleine Schritte zu unternehmen, um aus der Einsamkeit wieder herauszukommen. Schon kurze Begegnungen können das Vertrauen in andere wieder stärken.

Vielleicht sind Emma und ihr Frauchen auch darum so gefragt. In ihrem Fenster sitzend sind die beiden ein Gesprächsangebot mit Ausrufezeichen. Ich finde das bemerkenswert. Dieser Mut. Einfach das Fenster aufzumachen und hallo-da-sind-wir. Wenn die Welt nicht zu uns kommt, kommen wir zu ihr. Emma thront auf ihrer Decke. Und ihr Frauchen hört sich geduldig an, was die zur Audienz angetretenen Hunde- oder auch hundelosen Menschen zu erzählen haben. "So lange Emma da ist, bin ich nicht einsam", sagt sie.

Bevor sie nach Greifswald kam, lebte sie in Strasburg in der Uckermark. Drei Bandscheibenvorfälle haben sie hergebracht, in die Nähe ihrer Tochter. Zurück will sie sicher nicht, auf keinen Fall. "Da zieht mich nichts hin. Ich habe da manchmal den ganzen Tag mit niemandem geredet", sagt sie.

Hier aber kennt sie die ganze Stadt und die Stadt kennt sie. Also natürlich kennen sie vor allem Emma. In der Straße hat Emma schon jeden Laden besucht. Sogar die, in die Hunde gar nicht hinein dürfen. Wenn einer der Ladenbesitzer zum Rauchen auf die Straße tritt, geht der Blick einmal zum weißen Eckhaus. Wenn Leute vorbeigehen und sehen, dass der Platz unterhalb des Fensters schon besetzt ist, bleiben sie auf der anderen Straßenseite und winken nur rüber. Zwei Zahnmedizinstudentinnen, die in der Straße wohnten, hatten Emma als "Glückshund" auserkoren: Vor der Prüfung wurde einmal gestreichelt und am Nachmittag kamen sie dann mit einer Eins und Leckerlis wieder.

"Da ist Elsa", sagt Emmas Frauchen in Richtung eines großen weißen Pudels, der gerade vorbeiläuft. Auch Emma hat ihn gesehen und schaut demonstrativ in die andere Richtung. "Sie ist immer beleidigt, wenn Hunde einfach so vorbeigehen, ohne Notiz von ihr zu nehmen."

Das passiert allerdings selten.

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Kolumne

Christian Kurzke

Christian Kurzke stammt aus Ostdeutschland und arbeitet heute bei der Evangelischen Akademie in Dresden. Anke Lübbert wurde in Hamburg geboren, , lebt jedoch seit vielen Jahren mit ihrer Familie in Greifswald. Beide schreiben sie im Wechsel über Politik und Gesellschaft aus ihrer Sicht.