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Die Ergebnisse der Bundestagswahl hallen bis heute nach. "Der Osten wieder", schwingt in vielen Aussagen mit. Dabei wird oft vergessen, wie stark sich auch in den westdeutschen Bundesländern Werte und Positionen verschoben haben - ein Blick auf den blauen Balken in den Zweitstimmenergebnissen zeigt es. Aber klar: Die ostdeutschen Landesregierungen stehen nun noch mehr unter Druck. Doch was heißt es eigentlich, Demokratie zu verstehen und zu leben? Und das in einem Miteinander?
Das fragte ich mich auch, als ich kürzlich im Spreewald in Brandenburg unterwegs war. Ein touristischer Hotspot, ein wundervoller Landstrich, durchzogen von unzähligen größeren und kleineren Fließen und Kanälen. Bis heute ist das Leben der Menschen dort vom Wasser geprägt. Auch heute verwenden Menschen häufig einen Kahn, um alltägliche Wege zu erledigen. Vieles hat zugleich einen touristischen "Touch" bekommen.
Ein dortiges Restaurant hatte an seinem Zaun ein großes Plakat mit einem politischen Statement angebracht: "Um in Deutschland eine Dachlatte verkaufen zu können, müssen folgende Personen und Unternehmen qualifiziert und zertifiziert sein: der Waldbesitzer, die Waldarbeiter, das Transportunternehmen, das Sägewerk und der Fachhandel. Politiker benötigen weder eine berufsspezifische Qualifikation, noch eine Ausbildung bzw. einen Abschluss. Hut ab vor der deutschen Dachlatte!"
Anscheinend sorgte sich das Restaurant nicht, dass sich diese Worte nachteilig auf den Umsatz auswirken könnten. Die Aussage zog alles in Zweifel, was mich von einer lebendigen Demokratie überzeugt sein lässt: Nahezu jede Person mit deutschem Pass kann in unserem Land Politik machen, sich für ein Mandat bewerben und dann in den Parlamenten Entscheidungen beeinflussen oder treffen. Dafür braucht es "nur" Zustimmung beziehungsweise Zuspruch. Politiker und Politikerinnen werden gewählt oder abgewählt. Kein Zertifikat und kein Berufsabschluss sind dafür nötig. Das ist so, damit es vielen Menschen potenziell möglich ist, ein politisches Mandat zu übernehmen.
Dieses Plakat zog genau diese demokratische Grundlage in Zweifel. Sollen nur Menschen mit bestimmten Qualifikationen in den Parlamenten sitzen? Das hätte zur Folge, dass eine Minderheit eine exklusive Rolle der Macht bekäme. Allen anderen bliebe dieser Weg verwehrt. Diese Perspektive ist ziemlich undemokratisch und zugleich vom Vorurteil geprägt, dass es die aktuellen Politiker angeblich nicht können.
Ich besuchte Bekannte, die in einem kleinen Dorf im Spreewald leben. Sie sind sehr engagiert, bringen sich in den dörflichen Alltag und das Miteinander ein. Sie sind aufgeschlossen für unterschiedliche Lebensentwürfe und mögen rechtsorientierte Politik nicht. Bei ihnen zu Hause ist ein Kommen und Gehen, Menschen begegnen sich dort, sie helfen einander oder treffen sich auf einen gemeinsamen Kaffee und gehen dann ihrer Wege.
Ich erzählte ihnen, dass ich an auffällig vielen Grundstücken im Spreewald Transparente einer Bürgerinitiative gesehen habe, die fordert, den Spreewald zu erhalten, statt ihn verwildern zu lassen. Der Spreewald in seiner jetzigen Art mit den vielen Kanälen und Fließen und seiner einzigartigen Pflanzenvielfalt wurde über Jahrhunderte von seinen Bewohnern angelegt und entwickelt. Werden nun bestimmte Regionen des Spreewaldes sich selbst überlassen, hätte dies Auswirkungen auf den gesamten Spreewald und umliegende Regionen. Ob die Fließe dann noch so erhalten bleiben würden, wäre fraglich. Auch ein Baumsterben wird befürchtet.
"Demokratie ist also mehr als nur "die Politik". Nur über die Parteien lässt es sich eben leichter schimpfen"
Meine Bekannten teilen die Forderungen der Bürgerinitiative. Auf meine Nachfragen hin schilderten sie mir, dass sie gar nicht mal die politischen Akteure als Hauptverursacher einordnen. Sie meinen, die Probleme entstünden in der Verwaltung, in den Behörden. "Dort entscheiden sie am Schreibtisch, ohne sich mit uns zu unterhalten, nach unserer Erfahrung zu fragen." Es wächst eine Unzufriedenheit, die anscheinend weniger etwas mit "der Politik" zu tun hat, sondern mit anderen Prozessen und anderen Personen. Demokratie ist also mehr als nur "die Politik". Die Lebenszufriedenheit der Menschen ist nicht nur von politischen Vertretungen abhängig. Aber über die Parteien lässt es sich eben leichter schimpfen.
Und wie ist es in eurer Dorfgemeinschaft?, fragte ich meine Bekannten. Unterhaltet ihr euch mit den Nachbarn, in den Dorfvereinen, in der Freiwilligen Feuerwehr, über Politik? "Nicht viel, eher über den konkreten Alltag hier bei uns im Dorf. Was zu tun ist, wo gehandelt werden müsste", sagten sie. Ich hakte nach, wollte wissen, wie das ist, wenn es verschiedene politische Überzeugungen gibt. "Ich weiß bei den meisten, wen sie gut finden, wen sie wählen. Ändern kann ich das nicht wirklich." Ich fragte nochmal nach, was das für den Umgang miteinander bedeutet, wenn es so grundsätzlich verschiedene Meinungen und Haltungen gibt. "Wir leben hier miteinander, wir helfen uns gegenseitig, selbstverständlich." Und nach einer Pause: "Letztlich sind wir hier alle durch das Wasser miteinander verbunden."
Über diesen Satz denke ich seitdem viel nach. Was verbindet uns miteinander in der Gesellschaft? Wenn wir derart verschieden politischen denken und handeln? Welche Verbindung wollen wir für die Zukunft schaffen? Wie werden wir Demokratie verstehen und leben? Mit allen und für alle, miteinander und füreinander? Sicher ist, Demokratie sind wir alle.