Musikmarkt
Die Beatles würde es heute nicht mehr geben
Ein Musikmagazin aus England, ein YouTuber aus den USA und eine unbequeme Frage: Warum klingt Popmusik heute so austauschbar? Eine Spurensuche mit Hoffnungsschimmer
Foto der Beatles
Die Beatles, circa 1964 (v.l.nr.: Paul McCartney, George Harrison, Ringo Starr, John Lennon)
Mark Hayward Archive/Getty Images
(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfreiAndreas Schoelzel
05.06.2026
3Min

Es gibt noch Menschen, die Musik-Zeitschriften lesen. Ich gehöre zu ihnen. Besonders gern lese ich das englische "Mojo", das mein Bruder abonniert hat. Wenn er das neue Heft gelesen hat, schickt er es mir. Dann lese ich mit Freude über neue Alben, vor allem aber genieße ich sorgfältig recherchierte und fein geschriebene Geschichten über meine alten Heldinnen und Helden.

Manchmal aber beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Diese Zeitschrift ist ebenso wie die anderen, verbliebenen Musikzeitschriften eine ziemlich nostalgische Angelegenheit. Die Mehrheit der Artikel und Cover widmet sich alter, sehr alter Rock-, Soul- und Popmusik. Gibt es nichts Aktuelles, das an die Beatles, David Bowie, Marvin Gaye, Bob Dylan, Joni Mitchell, The Smiths oder The Cure heranreicht?

Nun bin ich längst in einem Alter, in dem ich versucht bin, nur noch die Musik meiner Jugend zu hören und Neues gar nicht erst wahrzunehmen. Aber es gibt tiefere Gründe, warum Pop-Musik es heute schwerer hat als früher. In den Musik-Zeitschriften liest man leider wenig darüber. Aber ich habe in der letzten Zeit einige YouTube-Clips des Musikers und Produzenten Rick Beato gesehen, die mir Aufklärung verschafft haben. Ein schönes Erlebnis war dies nicht – eher so, als ob der Inhaber eines modernen Fleischverarbeitungsbetriebs einem erklärt, wie Würste wirklich gemacht werden – sie wollen dann nicht mehr recht schmecken. Aber man versteht den heutigen Markt besser.

Beato stellt einfache Fragen und gibt darauf schlüssige Antworten. Zum Beispiel: Warum gibt es zwar immer wieder neue Einzelkünstler, aber viel weniger erfolgreiche Bands? Das hat einen technischen und einen finanziellen Grund: Früher konnte man nur dann Musik machen, wenn man genug Leute zusammen hatte, die die jeweiligen Instrumente beherrschten. Heute muss man nicht mehr verzweifelt Bassisten oder Schlagzeuger suchen, weil man sich deren Part leicht und schnell aus dem eigenen Laptop besorgen kann. Das ist nicht nur bequemer – all die berüchtigten Band-Querelen fallen aus –, sondern natürlich auch kostengünstiger und lukrativer. Ein einzelner Star lässt sich leichter aufbauen und über eine längere Zeit vermarkten als eine Musik-Gruppe.

Lesetipp: Jeden Monat empfiehlt chrismon aktuelle Alben

Das führt zu einer zweiten Frage, die Beato stellt und beantwortet: Warum stammen so viele der neuen Pop-Stars aus Familien, die sehr wohlhabend oder fest im Business verwurzelt sind? Früher waren Pop, Rock, Soul und Rap mit Aufstiegsversprechen verbunden. Mit einer Handvoll erfolgreicher Songs konnte man der Armut und Ödnis von Ghettos und Arbeitersiedlungen entkommen.

Zumindest konnte man es versuchen, weil die Lebenshaltungskosten niedrig waren, es billige Übungsräume gab. Wer heute in London oder New York mit Gleichgesinnten Musik machen will, braucht ein solides Auskommen. Das alte Modell "ein bisschen für den Lebensunterhalt jobben und hauptsächlich Musik machen" funktioniert schon wegen der Mieten nicht mehr. Zudem ist es viel zu schwer geworden, mit Musik nicht nur ein Publikum zu finden, sondern Geld zu verdienen. Natürlich bieten Social Media oder YouTube neuartige Möglichkeiten, bekannt zu werden. Aber für die wenigsten entwickelt sich daraus ein stabiles Einkommen. Zudem gehen die Plattenfirmen weitaus weniger Risiken ein. Das heißt, man braucht heute viel mehr als früher selbst Geld und Verbindungen, um überhaupt anfangen zu können.

So muss man die Teams angesagter Song-Schreiber, Hit-Produzenten und Sound-Experten bezahlen können – die allerdings auch für die anderen Stars schreiben, weshalb aktuelle Hits ziemlich austauschbar klingen.

So wird der Platz für originelle, eigensinnige, widerspenstige Bands oder Einzelkünstler immer enger. Es gibt also strukturelle Gründe – technischer Fortschritt und wirtschaftlicher Abstieg – dafür, dass ich gewollt-ungewollt vor allem die alten Sachen höre. Die Beatles, das Maß aller Dinge in der populären Musik, wären heute kaum mehr möglich. Könnte es heute eine neue Punk-Bewegung geben?

Allerdings hilft es auch nicht, in Kulturpessimismus zu versinken. Man muss nur geduldiger suchen und genauer hinhören. Dann begegnet man einer ebenso bemerkenswerten wie erfolgreichen Künstlerin wie Billie Eilish oder Kevin Morby, dessen neues Album ich gerade sehr genieße.

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Kolumne

Johann Hinrich Claussen

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur