- Anmelden, um Kommentare verfassen zu können
Die Aufarbeitung einer Schuld-Geschichte sollte auch eine künstlerische Seite haben. So führt die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in den Kirchen nach und nach zu neuen Kunstwerken in und vor Kirchengebäuden.
Mit dem großen Wort "Aufarbeitung" werden verschiedene Schritte zusammengefasst. Der Augsburger Theologe und Trauma-Seelsorger Andreas Stahl hat sie wie folgt aufgeführt: 1. Unterstützung der Opfer, 2. Ahndung der Taten, 3. Fallverstehen und Systemanalyse, 4. Prävention, 5. gesellschaftliche Diskussion, 6. Theologisches Nachdenken und 7. Gedenken.
Mir geht es jetzt um den siebten Schritt: die Erinnerung und das Gedenken. Sie kann dadurch eine sichtbare Gestalt annehmen, dass ein öffentliches Zeichen aufgerichtet wird, ein "Denkmal". Das ist eine große Herausforderung und führt zu intensiven Debatten. Wir kennen dies von den Denkmälern für die Opfer der NS-Diktatur: zunächst für die Juden, dann für Menschen mit Behinderungen, Sinti und Roma, Homosexuelle, Zwangsarbeiter – und es ist noch kein Ende in Sicht. Langsam entstehen nun auch Kunstwerke für die Betroffenen von sexualisierter Gewalt in den Kirchen.
Lesetipp: Sie konnte gut ins Leben kommen - trotz des Missbrauchs
In der Krypta des Münchner Doms ist seit einem Jahr "Heart" von Michael Pendry zu sehen: eine Metallskulptur, die ein aufgebrochenes, goldenes Herz darstellt und so an Schmerz wie auch an Mitgefühl erinnert.
Eine lokale Initiative der Pfarreiengemeinschaft Allach-Untermenzing (München) hat einem – anonymen – Künstler ermöglicht, eine Skulptur auf dem Kirchgelände aufzustellen, die verschiedene Symbole – ein Kinderspielzeug, ein Kreuz, ein Schloss – zu einem kritischen Kommentar verbindet.
Im Passauer Dom wurde vor kurzem die Holzskulptur "Lichtblick" von Andreas Kuhnlein vorgestellt. Sie stellt eine schwangere Frau dar, die Ausschau hält. Sie soll, so der Künstler, Hoffnung und Zuversicht mitten in der Aufarbeitung verbreiten.
Am Paderborner Dom soll ein Gedenkort entstehen. Den Wettbewerb hat der Entwurf "Memory" von Christoph Brech gewonnen. In einer Kapelle "steht ein großer Tisch mit 25 quadratischen, drehbaren Feldern – ähnlich dem bekannten Memory-Spiel. Die Rückseiten gleichen einander, die verdeckten Seiten zeigen Texte, Bilder, Fotos oder Collagen – gestaltet und erweitert von Betroffenen. Wer ein Feld umdreht, bringt ihre Perspektiven ans Licht", steht in der Ankündigung. Ein weiteres Symbol findet sich in den drei Fenstern der Kapelle: Ein krähender Hahn soll daran erinnern, wie Petrus seinen Meister verraten hat, aber auch die Hoffnung auf das Licht eines neuen Tages vorstellen.
Schon 2022 haben die Evangelische Brüdergemeinde Korntal und ihre Diakonie drei metallene Buchstaben-Skulpturen von Gerhard Roese mit den Titeln "Hoffnung", "Vertrauen" und "Respekt" auf ihrem Gelände aufgestellt. Sie sollen "ein öffentliches Zeichen der Warnung und Wegweisung" sein.
Lieber irritieren als abschließen
Mit einem Urteil über diese ersten Versuche will ich vorsichtig sein. Ich müsste sie direkt vor Ort betrachten und mit Betroffenen über sie sprechen. Aber wohl ist mir nicht. Zum einen stellen sich mir schlicht Fragen nach der künstlerischen Qualität: Wenn ein Kunstwerk einen vorher festgelegten Inhalt transportieren soll, kommt es selten zu einer freien Gestaltung und überzeugenden Ideen.
Zum anderen macht mich die bemühte Zwiespältigkeit dieser Werke unruhig: Sie sollen an ein Unrecht erinnern und zugleich Hoffnung stiften. Kann das gut gehen? Bei einigen hatte ich den leisen Verdacht, dass durch ein großes Denkmal aus Holz oder Metall eher etwas abgeschlossen als angestoßen werden sollte.
Weit mehr hat mich eine künstlerische Aktion angesprochen, die Susanne Wagner auf dem Katholikentag im Mai 2026 begonnen hat. Sie hat an die Fassaden mehrerer katholischer Gebäude rote "Schmerzpunkte" angebracht: "Das Zeichen Schmerzpunkt entsteht durch eine rot gesprühte Markierung über einem Umhängekreuz. Entfernt man das Kreuz, zeichnet es sich als Leerstelle innerhalb der roten Markierung ab." Wagners leuchtend rote Punkte mit dem kleinen, weißen Kreuz darin sind nicht so inhaltlich überladen, beziehungsweise schein-eindeutig, wie die erwähnten Denkmäler. Sie setzen einen Punkt im öffentlichen Raum und überlassen das Weitere den Passanten, die sich von ihnen irritieren lassen.
Mir scheint, dass die künstlerische Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in den Kirchen mehr Zeit braucht. Wir sollten sie uns nehmen und zunächst für temporäre Experimente nutzen.







