Sexualisierte Gewalt in der EKD
Pädosexualität ­wurde verharmlost
Sex mit Kindern? In der "Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche" fanden das manche früher ganz okay, hat der Historiker Klaus Große Kracht erforscht
Pädosexualität ­wurde verharmlost
Alexander Glandien
(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfreiAndreas Schoelzel
09.02.2024
5Min

Die "Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche" (HuK) setzt sich für Gleich­berechtigung ein und hat in den deutschen Kirchen viel bewirkt. Nun aber hat sie einen verstörenden Aspekt ihrer Geschichte aufarbeiten lassen: ihre fehlende Abgrenzung von Pädosexuellen.

Johann Hinrich Claussen für chrismon: Nicht jeder kennt die "Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche" (HuK). Warum ist sie eine wichtige Organisation?

Klaus Große Kracht: Die HuK entstand im Umfeld des Deutschen Evangelischen Kirchentags in ­Berlin 1977. Sie war zunächst ein loser Zusammen­schluss von schwulen Christen, darunter vor allem kirchlich Beschäftigte, die gegen ihre dienstrechtliche Diskriminierung durch die jeweilige Kirchenleitung sowie für ­einen Abbau antihomosexueller Vorurteile in Kirche, Politik und Gesellschaft insgesamt eintraten. Die HuK verstand sich als Teil der Kirche und als Teil der Schwulenbewegung. Sie hat erheblich dazu beigetragen, dass heute ein normales homosexuelles Leben möglich ist – auch in den Kirchen.

(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfreiAndreas Schoelzel

Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen, geboren 1964, ist Kultur­beauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Für chrismon schreibt er jede Woche den Blog "Kulturbeutel". Von ihm er­schien zuletzt: "Die seltsamsten Orte der Religionen: Von versteckten Kirchen, magischen Bäumen und verbotenen Schreinen" (C. H. Beck-Verlag, 2020) und zusammen mit Martin Fritz, Andreas Kubik, Rochus Leonhardt, Arnulf von Scheliha: "Christentum von rechts" (Verlag Mohr Siebeck, 2021). Außerdem ist er Autor des Podcast: "Draussen mit Claussen"
FZH/Claudia Höhne

Klaus Große Kracht

Klaus Große Kracht ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg und zugleich apl. Professor für Neuere und Neuste Geschichte an der Universität Münster. Er war Co-Leiter der Aufarbeitung des Missbrauchs im Bistum Münster (2020-2022)und hat 2023 die Haltung der HuK zur Pädosexualität erforscht.

Hat die HuK damit nicht auch dazu beigetragen, dass es weniger sexua­lisierte Gewalt gibt?

Sicherlich, denn in Zeiten, da man seine Homosexualität nicht offen und erwachsen ausleben konnte, bestand die Gefahr, dass das Unterdrückte sich andere, problematische Wege suchte. Da wurde ein homosexueller Katholik zölibatärer Priester oder ein Protestant gründete eine Pfarrhaus­familie, um die wahre sexuelle Orientierung auf andere Weise auszuleben. Es ist ein großer Fortschritt, dass dies heute ein viel geringeres Problem ­darstellt. Das ist auch ein Verdienst der HuK. Die Missbrauchsdebatte darf aber nicht auf das Thema Homosexualität enggeführt werden. Der weitaus ­größte Teil der Taten geht auf heterosexuelle Männer zurück.

Sie haben einen problematischen Aspekt in der Geschichte der HuK aufgearbeitet. Wie kam es dazu, und was war Ihr Auftrag?

Vor gut zwei Jahren hat der Vorstand der HuK mich als Mitarbeiter an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg gebeten, die Haltung des Vereins zu Fragen der Pädosexualität in den ersten 30 Jahren seines Be­stehens zu untersuchen. Wahrscheinlich sind sie auf mich gekommen, weil ich vorher an einer Studie über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche mitgearbeitet habe. Meine Ergebnisse wurden im Oktober 2023 auf einer Mitgliederversammlung der HuK vorgestellt und sind jetzt der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich. Die HuK hat mich sehr unterstützt durch eine Begleitgruppe, Hilfe bei der Quellensuche, die Vermittlung von Gesprächspartnern sowie die Übernahme von Reisekosten – auf meine Arbeit aber keinerlei Einfluss genommen.

Von heute aus ist es nicht zu verstehen, dass es so lange solch eine Nähe zwischen schwulen Aktivisten und pädosexuellen Lobbyisten gab. Wie erklären Sie sich das?

Die HuK kümmerte sich um die Interessen schwuler Männer. Aber es gab ein Anliegen, das sie mit Pädosexuellen verband: der Kampf gegen den § 175 des Strafgesetzbuches, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. Der Paragraf war zwar bereits 1969 und 1973 novelliert worden, so dass Sex zwischen voll­jährigen Männern straffrei gestellt wurde. Homosexuelle Kontakte zu Minderjährigen standen aber weiterhin unter Strafe. Dabei galt für Mädchen das Schutzalter von 14 Jahren. Diese Unterscheidung verstieß gegen den Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes. Die Schwulenkampagne gegen den § 175 war daher seit den frühen 1970er Jahren gleichbedeutend mit dem Kampf für eine Absenkung des Schutzalters für einvernehmlichen gleichgeschlechtlichen Sex. Das er­gab eine Nähe zu einer damals hoch­aktiven Pädo-Lobby, obwohl ­diese ganz anderes im Sinn hatte.

Lesen Sie hier: Wie ein Pädophiler nicht zum Täter werden will

Warum grenzte sich die HuK nicht von Pädosexuellen ab?

Bei vielen Mitgliedern der HuK – wie überhaupt in der Schwulenbewegung – fehlte schlicht das Verständnis dafür, dass es zwischen Kindern und Erwachsenen keinen einvernehmlichen Sex geben kann, weil das Verhältnis zueinander immer extrem asymmetrisch ist. Das haben viele Progressive damals nicht ­wahrhaben wollen. Eine Art "Pädosexualität light" hat für die HuK bis Mitte der 1990er Jahre daher im Bereich des Möglichen gelegen. Es gab bei ihr ­also wie in der ganzen westdeutschen Schwulenbewegung eine Gemengelage aus Solidaritätsempfinden mit den Pädosexuellen als strafrechtlich verfolgter Minderheit einerseits und einem Missbehagen gegenüber ­pädosexuellen Praktiken, die einem fern­lagen, andererseits. Ähnliches gilt aber auch für heterosexuelle ­Aktivisten der "sexuellen Revolu­tion", die meinten, sie würden die gesellschaftliche Emanzipation dadurch vorantreiben, indem sie alle Formen von sexuellen Grenzen bekämpften.

Ein Name sticht besonders hervor: Helmut Kentler. Welche Rolle hat er gespielt?

Kentler, 1928–2008, war eine der bedeutendsten Stimmen der deutschen Sexualpädagogik zwischen den 1970er und 1990er Jahren. Er hat viel für die Anerkennung der Homosexualität – insbesondere in der evangelischen Kirche – getan. Über viele Jahre war er engagiertes Mitglied der HuK mit großem Einfluss. Am Anfang seiner Karriere war er bei kirchlichen Einrichtungen angestellt. Heute ist sein Name jedoch aufgrund seiner Nähe zu pädophilen Kreisen in Misskredit ge­raten. In unverantwortlicher Weise hat er Pädosexualität verharmlost, etwa wenn er sagt: "Tatsächlich aber ist nicht der Sexualverkehr, sondern der Straßenverkehr schädlich für Kinder." Skandalös und im Grunde kriminell war ein von ihm initiierter "Modellversuch", schwer erziehbare Jugendliche bei – zum Teil vorbestraften – pädosexuellen Männern unterzubringen.

War er selbst ein Täter?

Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass er im Umgang mit seinen ­eigenen Adoptiv- und Pflegekindern Grenzen verletzt hat.

1997 hat sich die HuK eindeutig von Pädosexualität distanziert. Wie kam es dazu?

Dazu bedurfte es mehrerer Anstöße von außen. Einer kam im Sommer 1994 aus den USA, wo die International Lesbian and Gay Association (ILGA), die internationale Dachorganisation der Schwulen- und Lesbenbewegung, einen Unvereinbarkeitsbeschluss gefasst hatte. Denn nur so konnte sie von der UN als Partnerorganisation anerkannt werden. Damit setzte sie Schwulenorganisationen in Deutschland unter Zugzwang. Ein zweiter Anstoß kam von Feministinnen und lesbischen Aktivistinnen. Frauen waren in der Homosexuellenbewegung lange unterrepräsentiert. Aber sie machten den schwulen Männern sehr deutlich, dass es einvernehmlichen Sex ­zwischen Männern und Kindern nicht geben kann. Alice Schwarzer wäre hier zu nennen. Diese Frauen stellten – auch vor dem Hintergrund eigener Missbrauchserfahrungen – eine Art feministisch inspiriertes Gegenwissen gegen die männlich dominierte Sicht auf kindliche Sexualität in den Expertenkulturen der Wissenschaft, Behörden, Medien und Parteien dar. Drittens gab es aber auch linke Sexualwissenschaftler wie Günter Amendt, die klarstellten: "Pädosexualität ist sexueller Missbrauch." Dies wurde 1997 dann endlich auch zur Position der HuK.

Lesen Sie hier über die "ForuM-Studie" zu sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche

Welches Fazit ziehen Sie aus Ihrer Forschung?

Die HuK hat Bleibendes für die Gleichstellung von Schwulen und Lesben in der Gesellschaft und in den Kirchen geleistet. Aber sie hat zu lang gebraucht, um sich von pädo­sexuellen Interessen- und Unterstützergruppen in aller Deutlichkeit abzugrenzen. Beides widerspricht sich und gehört doch zusammen. Deshalb ist es mir wichtig, dass wir in der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt eine Balance finden. Einerseits muss Unrecht klar benannt und ­entschlossen bearbeitet werden. Andererseits sollten wir uns das Recht bewahren, zu ­differenzieren und Widersprüche auszuhalten. Historische Forschung kann dazu einen Beitrag leisten.

Die Studie "Homo­sexuelle und Kirche (HuK), Helmut Kentler und der lange Weg zur Abgrenzung von ­sexualisierter Gewalt gegenüber Kindern (1977 bis 1997)" untersucht die Diskurse und die Art der politischen Willensbildung innerhalb des Vereins. Die 36 Seiten kann man hier herunterladen.

Infobox

Was ist Pädosexualität?

Pädophilie ist eine ­sexuelle Neigung, bei der sich eine Person von Kindern mit einem ­vorpubertären Körper angesprochen fühlt. Der Begriff beschreibt nur die Neigung, nicht die tatsächlich ausgelebte Sexualität. Ein pädophiler Mensch muss nicht zum Täter werden. Kommt es ­jedoch zu sexuellen Handlungen mit Minderjährigen, spricht man von Pädo­sexualität. ­Kinder und Jugendliche, denen das angetan wird, leiden häufig ihr ganzes Leben darunter.

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... wird nach meiner Beobachtung in der ev. KIRCHE als Stärke empfunden. Von jeder Kanzel kommt eine andere Weisheit, wieviel Kirchen gibt es, die sich alle auf die Bibel berufen? Beliebigkeit ist keine Stärke des Glaubens. Sie könnte es sein, wenn da nicht die wachsweiche Moral und der Mantel des Mißbrauchs, der heimliche Wunsch nach unstillbarer Erfüllung, nach Macht über Andere, nach Reichtum, Ehre und Anerkennung wäre. Und dann ist da noch das esoterische Glücksgefühl als weltliche Schwester des Glaubens. Die krude Mischung aus Emotionen, undefinierbaren Ängsten und der infantilen Hoffnung auf das endlich zu erwartende Paradies ist ein individuelles unlösbares Rätsel. Bitte Abschied nehmen von noch so schönen, aber letztlich doch "unmenschlichen" (weil nicht erfüllbaren) Illusionen. Einem Pädophilen muss nicht bewusst werden, dass er eine das Unrecht beherbergernde Person ist. Sowenig wie Gier, Hass und Brutalität ausgerottet werden können.

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Zitat: "Welches Fazit ziehen Sie aus Ihrer Forschung? Die HuK hat Bleibendes für die Gleichstellung von Schwulen und Lesben in der Gesellschaft und in den Kirchen geleistet. Aber sie hat zu lang gebraucht, um sich von pädo­sexuellen Interessen- und Unterstützergruppen in aller Deutlichkeit abzugrenzen. Beides widerspricht sich und gehört doch zusammen. Deshalb ist es mir wichtig, dass wir in der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt eine Balance finden. Einerseits muss Unrecht klar benannt und ­entschlossen bearbeitet werden. Andererseits sollten wir uns das Recht bewahren, zu ­differenzieren und Widersprüche auszuhalten. Historische Forschung kann dazu einen Beitrag leisten".

AW: Unerträglich dieses Zitat. Differenzieren bis alles zeredet ist. Wo bleibt, dass die Kirche nahezu 30 (!) Jahre dem Leid zugesehen hat? Das war kein Missverständnis. Das war Duldung, das war Zustimmung, das war unter der gleichen Decke! Und jetzt dieses Fazit als verschrobene Rechtfertigung nach dem Motto: "Es widerspricht sich und gehört doch zusammen". So lauten Wiederholungs-Absichten! Christen als Schänder und sich dann noch als die "Guten" bezeichnen lassen. Unerträglich diese verqueere Rechthaberei um jeden Preis. Selbst um den des Wohls von Kindern. Der Widerspruch ist auszuhalten. Die Kinder und Vergewaltigten mussten den Widerspruch zwischen der Christlichen Nächstenliebe und der sexuellen Gier aushalten. Das ist das Fazit.

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