kaputter Tischtennisball
Auch im Sport kann Vertrauen ausgenutzt werden
Amir Mukhtar/Gettyimages
Missbrauch
"Weil niemand einschreitet"
Ist eine Berührung okay oder nicht? Auch im Sport kann es zu Missbrauch und Übergriffen kommen. Wie ein Tischtennisverein seine Mitglieder sensibilisiert hat, genau hinzusehen, um Kinder und Jugendliche zu schützen
Tim Wegner
13.11.2023
4Min

Die Aktionswoche "Schieb den Gedanken nicht weg!" soll auf die Gefahr von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aufmerksam machen. Sie haben im Tischtennisverein eine schlechte Erfahrung gemacht, daraus aber gelernt – und gelten nun als Positivbeispiel, an dem sich andere Sportvereine orientieren können. Was war los bei Ihnen?

Julien Jahn: Wir hatten einen Trainer, der sehr aktiv war im Jugendbereich. Eine Spielerin wechselte seinetwegen zu uns. Sie war damals 16 Jahre alt, sehr talentiert und trainierte bald schon bei den Damen mit. Mit 18 Jahren machte sie ein Freiwilliges Soziales Jahr im Verein. Ich war ihr Betreuer. In dieser Zeit kam sie auf mich zu und sagte: "Ich habe Angst."

Warum?

Es gab Berührungen, die aus Sicht der jungen Frau nicht angemessen waren. Der Trainer hatte ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Und dann entstand Druck, weil der Trainer argumentierte, dass er Nachteile erleide, wenn sie jemandem von dem Verhältnis erzähle. Sie hatte Angst davor, was passiert, wenn sie jemandem davon berichtet. Ich konnte diese Angst in ihren Augen sehen. Das war 2018.

Julien Jahn

Julien Jahn, Jahrgang 1993, fing mit zehn Jahren an, Tischtennis zu spielen. Mit 16 wurde er Trainer.
Tim Wegner

Nils Husmann

Nils Husmann ist Redakteur und interessiert sich besonders für die Themen Umwelt, Klimakrise und Energiewende. Er studierte Politikwissenschaft und Journalistik an der Uni Leipzig und in Växjö, Schweden. Nach dem Volontariat 2003 bis 2005 bei der "Leipziger Volkszeitung" kam er zu chrismon.

Wie ging es Ihnen, nachdem Sie erfahren hatten, dass etwas nicht stimmt?

Für mich war das schockierend. Ich war befreundet mit dem Trainer. Es kam aber nicht überraschend. Ich hatte zu viele Sachen geschehen lassen und nichts gesagt – und zu oft weggeguckt.

Wann, bei welchen Gelegenheiten?

Ich bekam mit, dass der Trainer sich zur Spielerin auf die Luftmatratze legte, als wir für ein Turnier in einer Sporthalle übernachteten. Er suchte die Nähe zu Spielerinnen. Umarmungen gingen meistens von ihm aus. Es gab auch Gerüchte um ihn.

Wie alt war der Trainer damals?

Knapp zehn Jahre älter als die Spielerin, Ende 20.

Als Außenstehender weiß man nicht: Was ist einvernehmlich, wie viel Nähe ist gewünscht …

Das stimmt. Aber heute weiß ich: Man muss die Menschen darauf ansprechen, Öffentlichkeit schaffen. Missbrauch wird möglich, weil niemand einschreitet. Vor allem, wenn ein Machtgefälle besteht. Die Spielerin war abhängig von ihrem Trainer, sie wollte sportlich weiterkommen und schnell bei den Damen Fuß fassen.

Welche Lehren haben Sie und der Verein aus dem Vorfall gezogen?

Wir haben ein Schutzkonzept entwickelt. Im Zentrum steht, dass wir offen kommunizieren. Jede und jeder darf etwas sagen, ohne dafür verurteilt zu werden. Wir schulen schon unsere Jugendtrainerinnen und -trainer, damit sie etwas unternehmen, wenn ihnen etwas auffällt, das sie für unangebracht halten. Es gibt Vertrauenspersonen im Verein, mit denen man reden kann. Missbrauch baut sich auf, passiert meistens nicht von heute auf morgen. Es geht erst um ein Vertrauensverhältnis. Danach wird Druck aufgebaut. Wir machen allen im Verein klar, dass das Wort "Nein!" gilt. Ich gehe auch selbst mit ganz anderen Augen durch die Welt als früher, auch auf Turnieren und auch mit Blick auf andere Vereine, die vielleicht kein Schutzkonzept haben.

Was kann das zum Beispiel bedeuten?

Dass ich mit offenen Augen durch die Hallen gehe. Wenn mir Sachen auffallen, beobachte ich eine Weile, ob wirklich etwas komisch ist. Wenn das so ist, hole ich eine zweite Meinung ein. Erst dann gehe ich auf die Person zu und sage zum Beispiel: "Hey, mir ist aufgefallen, dass du deine Spielerin gerade umarmt hast. Ich hatte den Eindruck, dass sie das nicht so wirklich gewollt hat." Mir ist es wichtig, dass die Menschen sich bewusst werden, wie sie handeln. Nicht jeder mag berührt werden. Dass man so was ansprechen darf, ist uns im Verein sehr wichtig.

"Wir wollten alle beteiligen"

Ist es aufwendig für Vereine, ein Schutzkonzept zu erstellen?

Das hat man selbst in der Hand. Bei uns war es aufwendig, aber wir wollten die Mitglieder beteiligen und haben mit dem Regionssportbund und einer unabhängigen Fachstelle zusammengearbeitet. Die Landessportbünde unterstützen und helfen bei solchen Schutzkonzepten. Das macht mehr Arbeit, weil man viele Gespräche führen muss. Aber es lohnt sich.

Gab es Widerstand in Ihrem Verein?

Nein. Alle Mitglieder, die aktiv mitgewirkt haben, waren froh darüber, sich einbringen zu können. Deshalb rate ich dazu, die Mitglieder ins Boot zu holen. Wenn man ein Konzept hat, ist das auch ein Schutz für die Trainerinnen und Trainer, die einen Rahmen und Klarheit haben, was erlaubt ist und was nicht. Am Ende können sich alle geschützt fühlen, vor allem auch die Spielerinnen und Spieler. Das ist für viele eine große Motivation, sich einzubringen.

Man merkt Ihnen auch nach fünf Jahren noch an: Diese Geschichte nagt an Ihnen.

Ich bin ein Mensch, der nicht vor Problemen davonläuft. Einfacher wäre es gewesen wegzusehen. Oder mich nicht von der Aktion "Nicht wegschieben" ansprechen zu lassen, denn es gibt immer Menschen, die sagen: "War doch alles nicht so schlimm." Aber ich bin Trainer geworden, weil ich Leuten einen sicheren Raum bieten möchte. In Deutschland gibt es leider auch viele Fälle von häuslicher Gewalt. Ich möchte, dass Kinder in Not eine Anlaufstelle haben. Dafür sind Vereine da.

Wie geht es der Frau, die sich Ihnen 2018 anvertraut hat?

Soweit ich weiß, geht es ihr gut. Sie ist nicht mehr bei uns im Verein, das war für sie der folgerichtige Schritt.

Trotz alledem sind Sie weiter voll mit dabei im Verein. Wie halten Sie Ihre Freude am Sport aufrecht?

Meine Freude rührt aus der Jugendarbeit. Und unsere Jugendlichen sind super, viele sind schon als Trainer unterwegs und helfen den Jüngsten. Mir bot der Sport einen großen Halt, als ich klein war. Ich bin Scheidungskind. Mein Vater zog aus, als ich neun Jahre alt war. Später hatten wir keinen Kontakt mehr. Der Verein war meine Chance, Gefühle rauszulassen. Ich möchte etwas zurückgeben und den Verein sicherer machen. Und auch Kindern, die woanders keine Chance bekommen, die Möglichkeit geben, Sport zu treiben. Jeder, der möchte, kann kommen!

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