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Immer wieder mal schicken mir Menschen etwas zum Lesen oder Anschauen, die keine professionellen Theologen, Autoren oder Künstler sind. Und oft bieten diese Werke neue Denkansätze. So las ich neulich das Buch des Juristen und ehemaligen hohen Hamburger Verwaltungsbeamten Jann Meyer-Abich. Im Ruhestand hat er sich einem zentralen Problem der Religions- und Ideengeschichte, aber auch der aktuellen Weltpolitik, gewidmet: der fatalen Sehnsucht, die Feinde auszulöschen.
Auf knapp über 200 Seiten stellt Meyer-Abich beispielhaft epochale Auslöschungsprojekte vor: den Terror der Französischen Revolution, den ersten Kreuzzug im 11. Jahrhundert, die Verfolgung der Katharer im mittelalterlichen Südfrankreich, die Ermordung des europäischen Judentums durch das nationalsozialistische Deutschland. Außereuropäische Genozide lässt er außen vor.
Er strebt keine Vollständigkeit an, sondern will mit diesen Beispielen etwas Grundsätzliches zur Diskussion stellen, nämlich die Frage, ob Genozide einen religiösen Kern haben. Allerdings sind seine Beispiele sehr unterschiedlich – auch hinsichtlich der Quellenlage. Über die modernen Menschenvernichtungen wissen wir inzwischen gut Bescheid. Was das Mittelalter angeht, kommen wir über Vermutungen kaum hinaus.
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Da es ihm um den Glutkern von Menschenvernichtungen geht, widmet sich Meyer-Abich ausführlich der Geschichte der Landnahme und der Auslöschung der Kanaanäer, wie sie im Buch Josua des Alten Testaments aufgeschrieben ist. Ehrlich gesagt, ich habe nach meinem Studium nur noch selten in dieses Buch geschaut. Damit stehe ich nicht allein, die evangelische Theologie und Kirche insgesamt widmen sich dieser Erzähltradition kaum. Dafür gibt es Gründe.
Das Buch Josua erzählt, wie es nach dem Tod von Mose weiterging. Dieser hatte das versklavte Volk Israel befreit, aus Ägypten heraus- und durch die Wüste geführt. Das Gelobte Land konnte er selbst nicht mehr betreten. Der göttliche Auftrag an seinen Nachfolger Josua bestand nun darin, das Land Kanaan zu erobern und zur Heimat der Israeliten zu machen. Das beinhaltete den Genozid an allen, die bisher dort lebten. Das war ein Befehl Gottes: Alle in Kanaan vorhandenen Lebewesen, Menschen und Nutztiere, seien vollständig auszurotten.
Das Buch Josua erzählt, wie dies geschieht. Die Rechtsgrundlange dafür findet sich im 5. Buch Mose, wo es heißt, dass Israel an den Stätten, die ihm von Gott zugedacht wurden, "nichts am Leben lassen darf, was Atem hat" (5. Mose 20,16). Denn, so Meyer-Abich: "Der eifersüchtige Jahwe, dessen Alleinverehrung entscheidender Inhalt des mit seinem Volk geschlossenen Bundes ist, fürchtet die Ansteckung seines Volkes durch die fremden Götter des Landes, insbesondere durch Familiengründungen mit den auch durch ihren Polytheismus attraktiven Töchtern oder Söhnen Kanaans." Dem Ziel, die äußeren Feinde auszulöschen, entspricht übrigens die Maxime, die inneren Feinde – Abweichler und Aufrührer – zu vernichten.
Das Buch Josua mag ein Buch des Schreckens sein, ein historischer Bericht ist es nicht. Nach allem, was wir heute wissen können, ist Israel nicht von außen nach Kanaan gekommen, sondern dort selbst in einem langen, komplexen, unkriegerischen Prozess entstanden. Die Erzählungen von Exodus, Wüstenwanderung und Landnahme sind nachträgliche Projektionen. Wahrscheinlich wurden sie in der Zeit geschrieben, nachdem das Königreich Israel vernichtet und die Oberschicht ins Exil verschleppt worden war, vielleicht auch nach dem Exil. Es ist die Imagination eines absoluten Israel – geträumt von einem geschlagenen, verletzten, wehr- und machtlosen Volk.
Die Geschichte der Landnahme ist ein Stück Literatur. Das ist aber kein Grund zur Entwarnung und Beruhigung. Denn als religiöser Text hat diese Erzähltradition lange gewirkt und ist noch heute einflussreich.
Man sollte sich mit ihr beschäftigen, weil sie ein fatales Muster aufweist: Die berechtigte Sehnsucht nach Erlösung kann in die imaginierte oder realisierte Auslöschung aller Feinde umkippen. Diese besitzt einen religiösen Charakter, wenn mitten in der Geschichte ein absoluter Zustand hergestellt werden soll: Das ganze Land gehört uns, es gibt keine Feinde mehr, wir sind für immer in Sicherheit, alle glauben an unseren Gott. Aber es gibt in der Geschichte keine absoluten, endgültigen Momente, alles ist immer im Fluss, alles ist Vielfalt und Gegensatz. Deshalb ist die Sehnsucht nach einer absoluten Erlösung hier auf Erden ebenso vergeblich wie gewaltträchtig.
Das Alte Testament ist eine Bibliothek, die viele Bücher enthält – nicht nur Josua und 5. Mose. Für Christen schließt sich das Neue Testament an, dessen Kern die Botschaft Jesu von der Gottes- und Nächstenliebe ist (an dessen Ende sich aber die Offenbarung des Johannes befindet, die apokalyptische Gewaltträume enthält).
Wer sich mit dem ganzen biblischen Erbe beschäftigt, wird ein Ringen um ein wahres und gutes Gottesbild sowie ein Streiten um die rechte Moral wahrnehmen. Die Bibel selbst erfordert es, dass wir mit ihr kritisch umgehen. Wer sie liest (und zugleich die aktuellen Nachrichten verfolgt), wird einsehen, dass es in dieser Welt keine endgültigen Lösungen oder Erlösungen geben kann und darf.
Wir werden unsere Feinde nicht los, sondern müssen lernen, mit ihnen zu leben: Mal müssen wir ihnen Grenzen setzen, sie zurückdrängen und uns verteidigen, mal sollten wir mit ihnen verhandeln und versuchen, aus ihnen Gegner zu machen, mit denen man Kompromisse schließen kann.
Dabei sollten wir nicht vergessen, dass nicht nur wir uns von Feinden bedroht sehen, sondern auch andere uns als feindselig erleben. Schließlich sollten wir bedenken, dass über allen Menschen ein Gott ist, der uns und die anderen erträgt und der es dennoch regnen lässt über Gerechten und Ungerechten – solange die Erde sich dreht.
PS: Der Kulturbeutel macht eine Woche Pause und erscheint wieder am 15. Mai.




