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Vor kurzem habe ich ein Konzert von Brad Mehldau, dem großen Jazz-Pianisten, erlebt. Er spielte zusammen mit der Big Band des Hessischen Rundfunks in der Hamburger Elbphilharmonie. Es war eine reine Freude. Denn die Freude, die die Musiker am gemeinsamen Spiel hatten, teilte sich dem Publikum unmittelbar mit. Es klang lange nach. Das lag neben der musikalischen Qualität auch daran, dass Mehldau so sympathisch wirkte.
In den Tagen danach habe ich, wann immer möglich, viel Brad Mehldau gehört, um seine Musik besser kennenzulernen und die Erinnerung an das Konzerterlebnis wachzuhalten. Und ich habe mich mit seinen Gedanken und Ideen beschäftigt, die er über einen Newsletter veröffentlicht.
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Viele große Jazz-Musiker haben eine spirituelle Neigung. Der Saxophonist und Theologe Uwe Steinmetz hat vor einiger Zeit darüber ein sehr lesenswertes Buch geschrieben ("Jazz und Spiritualität"). Mich hat an Mehldaus Reflexionen vor allem angesprochen, wie er konventionelle Gegenüberstellungen unterläuft und überwindet.
"Mir scheint, dass der Glaube unsere Vernunft keineswegs untergräbt, sondern vielmehr maßgeblich dazu beiträgt, sie anzutreiben. Meiner eigenen Erfahrung nach entsteht wahrer Glaube – so paradox es auch klingen mag – durch ständiges Hinterfragen."
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In gleicher Weise öffnet er sich für ferne religiöse Traditionen, ohne die seiner Herkunftskultur aufzugeben. Er weiß um ihre Unterschiede und versucht doch, sie zu verbinden. "Ich orientiere mich an der biblischen Ausrichtung auf den Glauben. Gleichzeitig interessiere ich mich sehr für religiösen Synkretismus, da ich selbst ein Synkretist bin. Mein eigener Glaube ist geprägt von buddhistischen, vedantischen und yogischen Schriften sowie von der Bibel. Es gibt grundlegende Unterschiede zwischen diesen religiösen Traditionen, vielleicht am deutlichsten in der Natur der göttlichen Präsenz. Grob gesagt ist der abrahamitische Gott ein transzendenter Gott, der von uns getrennt ist, während in vielen der indischen religiösen Traditionen diese göttliche Präsenz oft immanent ist – überall, sogar in uns selbst. Doch natürlich ist das keineswegs schwarz-weiß: In der mystischen Tradition des Christentums gibt es Beschreibungen eines eher immanenten Gottes, dem wir in unserer direkten Erfahrung in dieser Welt begegnen und der auch in uns wohnt. Ebenso gibt es im indischen spirituellen Bereich eine Vielzahl von frommen Glaubensformen und Praktiken, die sich an eine eher transzendente Gestalt richten."
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Religion hat für Mehldau viel mit Lesen, Bildung und gedanklicher Auseinandersetzung zu tun. Aber auch dem Beten widmet er sich. Es ist für ihn eine unverzichtbare spirituelle Übung und Haltung. Es verweist ihn auf einen letzten Grund, lässt ihn seine eigenen Grenzen einsehen, seine Bedürftigkeit anerkennen und richtet ihn auf andere Menschen aus.
Zum Glauben gehört für Mehldau unmittelbar die Liebe. Ein Glaube, der bei sich bleibt, bringt keine Frucht, wie er im Anschluss an den Jakobusbrief im Neuen Testament schreibt. Darin liegt eine ethische Herausforderung, die unverzichtbar ist, damit der Glaube nicht etwas Ästhetisches bleibt (was dem Künstler Mehldau natürlich auch viel bedeutet). Darin liegt aber nicht nur eine große Aufgabe, sondern es ist auch eine Quelle der Hoffnung.
"Hier ist meine Arbeitsdefinition von Glauben: Glauben ist die Überzeugung, dass das Gute auf lange Sicht siegen wird, dass es eine Kraft des Guten in der Welt gibt, die das Böse überwindet. Diese Kraft ist die Liebe. Nach meinem Verständnis ist es daher durchaus möglich, einen starken Glauben zu haben und gleichzeitig ein überzeugter Atheist zu sein. Ich bin keiner. Doch wenn ich hier über Glauben schreibe, wende ich mich auch an Atheisten aller Couleur. Die gemeinsame Grundlage ist die Liebe… Liebe ist gelebter Glaube."
Hier argumentiert Mehldau nun entschieden biblisch:
"Es gibt tatsächlich ein Gesetz der Liebe. Es ist dasjenige, das Christus uns gab, als er gefragt wurde, welches das größte Gebot im Gesetz sei: ‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Verstand. Das ist das größte und erste Gebot. Und ein zweites ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.‘ (Matthäus 22,37–40)‘
An diesem Punkt allerdings ist Mehldau nicht mehr der Verbinder und Versöhner, sondern drängt auf nötige Unterscheidungen und Abgrenzungen. Denn was er über den Glauben als Liebe schreibt, ist gar nicht so selbstverständlich oder gar harmlos, wie es beim ersten Lesen wirken mag. Angesichts der politischen Lage in seiner Heimat, den USA, zeigt sich darin fast so etwas wie ein Akt des Widerstandes gegen die herrschende Macht und ihre christlich-nationalistische Ideologie.
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"Mitgefühl ist keine ausschließlich liberale, linke oder progressive Tugend. Das größte Versagen des Trumpismus besteht darin, dass er die Liebe als Wert aufgibt. Deshalb wird er langfristig niemals ‚gewinnen‘, denn er lebt von den Dämpfen des Hasses und der Angst. Liebe ist universell. Hass mag ebenfalls universell sein, aber er ist zweitrangig. Er mag kurzfristig gewinnen, doch Hass ist ein Parasit der Liebe. Liebe ist primär. Ein Versagen des Trumpismus ist die törichte Vorstellung, dass Mitgefühl eine Art Schwäche sei. Liebe ist nicht schwach. Die Kraft der Liebe siegt, und sie ist am stärksten, wenn sie durch Hass herausgefordert wird."
Es könnte sein, dass Mehldaus religiöse Hoffnung vernünftiger und realistischer ist als die politisch-militärischen Strategien der Regierung seines Heimatlandes.


