Filmszene "Ehe im Schatten"
Filmszene mit Ilse Steppat und Paul Klinger. Der Film hatte in allen vier Berliner Sektoren gleichzeitig Premiere
Kurt Wunsch / DEFA-Stiftung
Berlinale
Ein Film, der im Gedächtnis blieb
Wieder ist Berlinale - welche Filme werden wir noch lange erinnern? Für die Mutter unseres Kolumnisten war es ein Nachkriegsfilm: "Ehe im Schatten" aus dem Jahr 1947
(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfreiAndreas Schoelzel
13.02.2026
3Min

Es ist wieder Berlinale. Und wieder stellt sich die Frage, welcher der vielen, zu vielen Filme einen bleibenden Eindruck hinterlassen und auch nach dem großen Kinofest ein Publikum finden wird. Die Mehrheit wird sicherlich bald vergessen sein. Aber welche Filme bleiben überhaupt in Erinnerung? Nur die viel geschauten und finanziell erfolgreichen? In Wirklichkeit haften sie auch nicht lange im Gedächtnis.

Vor kurzem bin ich auf den erfolgreichsten Film der deutschen Kinogeschichte gestoßen. Niemand kennt ihn mehr, obwohl er es wert ist, erinnert zu werden. Er heißt nicht – wie man vermuten würde – "Der Schuh des Manitu" und ist auch keine Komödie, im Gegenteil.

Die erste Karl-May-Persiflage hatte "nur" 11,7 Millionen Zuschauer. Der Film, den ich meine, hatte 12 Millionen. Er heißt "Ehe im Schatten" (man kann ihn sich auf YouTube anschauen). 1947 lief er in den Kinos aller Besatzungszonen. Wenn man bedenkt, wie viele Kinos damals zerstört waren; und hinzunimmt, dass viele Menschen gerade ganz anderes im Sinn hatten, als sich einen ernsthaften, bitter-traurigen Film anzusehen, ist das ein irrsinniger Erfolg.

"Ehe im Schatten" erzählt – nach einem wahren Fall – die Geschichte einer sogenannten "Mischehe" in der gerade zugrunde gegangenen NS-Diktatur. Ein Schauspieler ist mit einer jüdischen Schauspielerin verheiratet; im NS-Regime kann sie im Unterschied zu ihm die Karriere nicht fortführen, sondern muss in einer Rüstungsfabrik arbeiten; er hält weiterhin zu ihr, aber sie lebt sehr zurückgezogen; als er sie doch einmal zu einer Premiere mitnimmt, wird sie erkannt; am nächsten Tag wird er ins Propagandaministerium gerufen und vor die Alternative gestellt, sich von ihr zu trennen oder an die Front geschickt zu werden; beides würde ihren Tod bedeuten; er antwortet mit der Frage: "Kennen Sie eigentlich Menschenwürde?"; dann fährt er nach Hause zu seiner Frau, und die beiden trinken einen Kaffee mit Gift.

Der Regisseur Kurt Maetzig hat "Ehe im Schatten" auch zum Gedenken an seine Mutter gedreht, die als rassistisch Verfolgte in den Suizid gegangen ist.

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Wie bin ich auf dieses Melodram gestoßen? In den schriftlichen Hinterlassenschaften meiner Mutter, die vor über 20 Jahren verstorben ist, hatte ich etwas gesucht und war auf ein Blatt gestoßen, das ich vorher es nicht beachtet hatte. Es ist Papier von schlechter Qualität, von beiden Seiten mit Schreibmaschine beschrieben, darauf das Datum "Juni 1948". Meine Mutter, Erika Dose, war damals 18 Jahre alt. In dieser Zeit hat sie Abitur gemacht.

Auf diesem Blatt hat meine Mutter einen Aufsatz über "Ehe im Schatten" geschrieben. War es eine Hausaufgabe, ein Referat? War sie mit der Klasse im Kino gewesen? War dies eine kinematografische Umerziehungsmaßnahme gewesen? Oder hatte sie sich den Film allein und aus freien Stücken angesehen? Ich weiß es nicht.

Ausführlich erzählt meine Mutter die Geschichte des Films nach. Am Ende versucht sie eine Deutung: "Die Vergangenheit ohne Beschönigung dargestellt zu haben – allein durch das Menschliche überzeugend – ist das Verdienst dieses Berichts über das Schicksal einer Mischehe."

In der Tat, meiner Mutter ist es – das verstehe ich erst jetzt so richtig – gelungen, nach dem Zweiten Weltkrieg neu anzufangen, weil sie die NS-Vergangenheit nicht nur hinter sich gelassen, sondern sich mit ihr beschäftigt hat. Der Film "Ehe im Schatten" scheint ihr dabei geholfen zu haben.

Welcher Film der diesjährigen Berlinale wird bei seinen Zuschauern einen solchen Eindruck hinterlassen, dass sie zu einer Einsicht gelangen wie zum Beispiel dieser: "Man muss sich erst über die Vergangenheit klar geworden sein, ehe man Neues beginnen kann"?

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Kolumne

Johann Hinrich Claussen

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur