Westfälischer Friede von 1648: Lehren für den Ukraine-Krieg
Nie müde werden, Verhandlungen zu fordern
Auch wenn der Friede chancenlos scheint, dürfen wir nicht aufhören, ihn zu erhoffen. Im Dreißigjährigen Krieg schien alles aussichtslos. Und doch brachten am Ende Verhandlungen den Frieden.
Annette Kurschus
Justine Lecouffe/Inky Illustration
Präses der ev. Kirche Westfalen, Annette KurschusBarbara Frommann
24.10.2023

Jeder Trottel kann einen Krieg anfangen, und wenn er ihn einmal gemacht hat, sind selbst die Klügsten hilflos, ihn zu beenden." Das ist kein ­Zitat eines Pazifisten, die Einsicht stammt vom sowjetischen Staatschef Nikita Chruschtschow. Was dieser in der Kubakrise sagte, lässt Wladimir Putin gegenwärtig – gut 60 Jahre später – bittere Realität werden.

Wie beendet man Kriege? Klugheit reicht nicht. Was braucht es noch? Regen und Pumpernickel zum Beispiel. Diese westfälischen Spezialitäten stehen für die unmögliche Möglichkeit, mitten im Krieg über den Frieden zu verhandeln. "Hoch liegt der Dreck an den Straßenrändern, häufig sieht man sogar dampfende Misthaufen. Unter einem Dach wohnen Bürger und trächtige Kühe, und mit stinkenden Böcken auch noch die borstige Sau. Wir aber saßen praktisch direkt neben dem Ochsen und bekamen zur Stärkung nichts als schlieriges Schwarzbrot vorgesetzt. Gott sei’s geklagt, es gibt hier kaum anderes als Regen und Pumpernickel", schrieb der päpstliche Gesandte Fabio Chigi über ­seinen Aufenthalt beim Friedens­kongress vor 375 Jahren in Müns­ter. Am 24. Oktober 1648 wurden nach fünf Jahren mühsamen Verhandelns die Friedensverträge unterschrieben, die den Dreißig­jährigen Krieg beendeten. Der Westfälische Friede von 1648 war ein echter Schwarzbrotfrieden.

Der Dreißigjährige Krieg machte Europa zum Leichenhaus. Mit einem regionalen Streit hatte er begonnen und wuchs sich zu einem internationalen Konflikt aus. Die in sich verfeindete christliche Religion gehörte zu den ersten Opfern dieser Gewaltorgie. Zugleich feuerte sie bis zuletzt die Kriegsherren an. Ein dunkles Kapitel der europäischen Religionsgeschichte!

Es zeigt, wie anfällig der Streit um die Wahrheit für den Machtmissbrauch ist, auch und gerade der Streit um Glaubenswahrheiten. Über erschreckend lange Zeit war die europäische Christenheit unfähig zu begreifen, wie wahnhaft es ist, den Glauben mit Kanonen durchsetzen zu wollen. Ganz überwunden ist dieser Irrsinn nicht.

Präses der ev. Kirche Westfalen, Annette KurschusBarbara Frommann

Annette Kurschus

Annette Kurschus ist Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutsch- land (EKD). Zudem ist sie Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen und Heraus­geberin von chrismon.

Kriegsmüdigkeit machte die Feinde schließlich bereit, zu verhandeln. Der Kontinent war verwüstet, die Kräfte waren erschöpft, und es lag klar zutage: Hier konnte niemand mehr gewinnen. So begannen, während weiter verzweifelt und blutig gekämpft wurde, die Verhandlungen. Delegationen aus ganz Europa trafen sich in Münster und Osnabrück, zwei westfälischen Nestern, die samt ihrer Verbindungswege entmilitarisiert wurden. Denken wir also nicht gering von scheinbar mickrigen Anfängen!

Die damaligen christlichen Konfessionen mussten mit dem Westfälischen Frieden darauf verzichten, die eigene Vorstellung überall in Europa verwirklicht zu sehen. Drei Einsichten sind nötig: Wir müssen unser reli­giöses und politisches Vormachtstreben aufgeben. Wir müssen die Rechte von Minderheiten wahren. Wir müssen Kompromisse schließen.

Der Westfälische Friede ist kein Modell, um den Krieg in der Ukraine zu beenden. Aber er lehrt: Auch wenn Verhandlungen unmöglich scheinen, dürfen wir nicht aufhören, sie zu fordern. Auch wenn der Friede chancenlos scheint, dürfen wir nicht aufhören, ihn zu erhoffen.

Paul Gerhardt, einer der bedeutendsten ­Liederdichter des deutschsprachigen Protestantismus, hat den Dreißigjährigen Krieg erlebt und nie aufgehört, ­gegen die Hoffnungslosigkeit anzudichten. Am 24. Oktober vor 375 Jahren dichtete er: Gott Lob! Nun ist erschollen / Das edle Fried- und Freudenwort, / Daß nunmehr ruhen sollen / Die Spieß und Schwerter und ihr Mord.

Wann werden die Menschen in der Ukraine so singen können? Gott gebe, sie müssen nicht so lange warten, wie Paul Gerhardt damals warten musste.

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Wenn die Ratsvorsitzende der EKD Verhandlungen für Frieden in der Ukraine fordert und dies nicht nur wie eine recht billige Moralübung erscheinen soll, dann ist es nicht zu viel verlangt, zu skizzieren, wie solche Verhandlungen aussehen könnten. Am Verhandlungstisch müßten alle sitzen, die von einer europäischen, wie auch globalen, Friedensordnung abhängig sind. Das Problem ist: Wenn es um die Bedingungen des Kriegsendes geht, geht es
gleich-
zeitig um die Bedingungen des Friedens danach. Niemand ist gehindert, schon heute zu sagen, wie ein Friede aussehen müsste, um Bestand zu haben.
Welche Rolle soll das Recht spielen, die Sicherheitsinteressen einer Atommacht und deren Anrainerstaaten, das Selbstbestimmungsrecht der Völker, die Verrückbarkeit von Grenzen. Wir sind halt nicht mehr im 17.
Jahrhundert. Etwas Besseres zu finden, als die bisherige Friedensordnung ist schwer.
Womöglich war ihr einziger Mangel, dass sie weitgehend unbewaffnet und damit ungeschützt war. Was Krieg ist, lässt sich leicht definieren. Aber wer ihn beenden will, muss den Frieden definieren. Die Frage ist also nicht, "Wie beendet man einen Krieg?" Die Frage ist, wie man den Frieden beginnt.
Ja, Paul Gerhardt musste lange warten, aber das genannte Lied hat er am Beginn der Friedenszeit gedichtet.

Fred Klemm

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Schon DER SPIEGEL beleuchtete seinerzeit die fatale, aber stark ausgeprägte Neigung der monotheistischen Religionen
zur Anwendung von Gewalt. Hier in Europa in den letzten 2000 Jahren vornehmlich der Katholischen: 30-jähriger Krieg, Kreuzzüge (Gottfried von Bologne, der Putin Papst Urbans), Deutscher Ritterorden,
jetzt also Kyrill II, dem sein Handlanger Putin willfährig die Hand küsst, nicht wahr?

Wie die Moskauer Orthodoxie sich von der in Byzanz getrennt hatte, hat die Kiewer Orthodoxie sich 2019 von der Moskauer getrennt: Das sollte, wie man sieht, ihnen gut nicht bekommen.
Die Wiederherstellung des Kiewer Rus – von der Krim bis hoch nach Norwegen - (Kiew ist ja bekanntlich das Jerusalem des Nordens - Sicht von Konstantinopel aus - bzw. des Ostens aus römischer Sicht) ist offensichtlich das erklärte Ziel
dieses modernen Kreuzzuges des Kyrill I., dem Inhabers des rechten Glaubens und der von seinem Gott gegeben geglaubten Macht und Rechtfertigung.

Weder die Evangelische Kirche in Deutschland noch der Katholische Bischof in Rom haben bisher auch nur ein einziges Wort gegen den Kriegstreiber Kyrill erhoben.
Warum das so ist, lohnt das Nachdenken.

Fest steht:
Den Westfälischen Frieden haben Menschen gemacht, und dafür wurde Gott von P. Gerhard gelobt?
Der Gott, der doch die 30 Jahre vorher bei allen Kriegsparteien voll mit im Rennen war?
Erstaunlich, was Glaube so alles bewirken kann.
Herr Putin jedenfalls hat die Glaubensgewissheit, in den Himmel zu kommen, das walte Kyrill!
Das ist es, was ich glaube.

Kort Borcherding

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Sehr geehrte Frau Kurschus,
in Ihrem Beitrag in Heft 10.2023 schreiben Sie „ …trafen sich in Münster und Osnabrück ,zwei westfälischen Nestern“….
Osnabrück ist kein westfälisches Nest. Wenn schon so benannt, dann ein niedersächsisches Nest.
Mit freundlichem Gruß
Barbara Fehr

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Das Statement von Frau Kurschus lässt jemanden, der gerne eine geistige Hilfestellung von der Vorsitzenden seiner Kirche zu dem sehr schwierigen Thema "Krieg in der Ukraine" erwartet hätte, völlig unbefriedigend zurück. Stets den Weg der Verhandlungen zu fordern ist, ist absolut richtig und selbstverständlich Aber was ist zu tun, wenn der Angreifer, den Weg der Verhandlungen absolut nicht will? Wie kann man Putin auch nur ein Wort glauben, wenn er auch schon seine Unterstützer rücksichtslos aus dem Weg räumt, wenn es nach seinem Willen sein muss? (Prigoschin).
Beim Lesen des Statements muss ein unvoreingenommener Leser den Eindruck gewinnen, dass Frau Kurschus alle unangenehmen Fakten zum Krieg in der Ukraine gedanklich aus dem Weg räumt. Beim Krieg in der Ukraine geht es Putin darum, die Ukraine zu unterwerfen. In Wahrheit fürchtet er eine demokratisch organisierte Ukraine, weil dies unweigerlich einen negativen Einfluss auf sein Imperium ausüben würde. So gesehen verteidigen die Ukrainer mit ihrem Einsatz auch die Werte unserer westlichen Demokratie. Und deshalb ist es notwendig, die Ukraine mit allen Mitteln zu unterstützen, auch mit militärischen Mitteln – leider.
Wir vermissen schon seit langem eine klare Stellungnahme meiner evangelischen Kirche in diesem Sinne.
Sven und Helga Andersen

Antwort auf von Sven und Helga… (nicht registriert)

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Die AW v. Fr. Kurschus ist ein Armutszeugnis in Richtung totaler Pazifismus und Toleranz der Intoleranz. Schicksalsergeben liefert sie sich und letztlich auch das Christentum dem "Bösen" aus. Wenn Du mich versklaven, mich umbringen, die Welt (warum dann nicht auch das Klima?) zerstören willst, dann will ich Dich nicht daran hindern. Aber bitte rede vorher mit mir, damit ich dann Petrus sagen kann, dass ich vom Bösen das Gute gewollt und wie edel ich gedacht habe.
Die eigene Naiivität macht die Fratze des Bösen zur Grinse. Kommen dann Bedenken, wird zur Nachverhandlung per "prigoschinieren" mit dem Ergebnis des Flugzeugabsturzes eingeladen.

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Ist da was zu Q U E R?
Münster ist nicht vergleichbar. 2 Seiten, auf Dauer gleichstark, hatten einen 100-fachen Fronten und Zermürbungskrieg, von dem jeder wußte, dass er ihn nicht gewinnen konnte. Und dazwischen noch die Fürsten. Aus gleichen Gründen haben auch die Kolonialmächte und später die Russen und dann alle anderen den Krieg in Afghanistan beendet. Im nahen Osten wird aus gut geölten Kassen bezahlt und die Lieferanten (Iran, Katar, u. A.), lassen von Einfältigen einen Stellvertreterkrieg führen. Mit mehr Bildung (kann man nicht haben, wenn sie aus dem Auswendiglernen des Koran besteht) hätten die Palästinenser schon längst in Israel zumindest Gleichberechtigung erzielt. Aber sie liessen sich ja aus dem Gefühl der Rache zu gerne und zu lange von ihren "Freunden" in Ghettos kasernieren, um als 5. Kolonne und potentielle Terroristen den Arabern bei Bedarf dienen zu können. Sie waren und sind die Vorhaltung für die Öl-Oligarchen. Israel konnte dem bisher nur standhalten, weil sie auch über eine internationale (USA) Solidarität verfügen. Ausserdem sind sie technisch/militärisch und organisatorisch überlegen, weil sie seit 1933 bis heute vom Intelligenz-Import aus der Welt, Europa und ganz besonders aus Deutschland profitieren. So ist ihr Widerstand zu einem erheblichen Teil auf die besseren Bildung zurückzuführen. Haben Sie schon mal in den letzten 100 Jahren von einem technischen muslimischen Nobelpreis oder von bedeutenden Erfindungen von arabischen Universitäten oder Privaten gehört? Folglich bleibt denen nur die Rache um ihr Sellbstwertgefühl zu pflegen

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