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Abgehaktes Leben
Elbphilharmonie besucht, New York City gesehen, so könnte eine moderne „Löffelliste“ aussehen. Nur, was nutzt es, wenn Leben so durchgeplant wird und Tod und Sterben immer im Blick bleiben. Ein Plädoyer für mehr „Absichtslosigkeit“ im Leben und gegen To-do-Listen.
24.04.2023

Vorlagen für persönliche „Löffellisten“, also Listen zum Aufschreiben, was man noch erleben möchte, bevor man den Löffel abgibt, kann man heute bequem downloaden, wahlweise mit Blümchen und Mandalas verziert, meist mit Platz für zehn Erlebnisse. Solche „Bucket -Lists“, wie sie im Englischen heißen, sind spätestens seit dem Film „Das Beste kommt zum Schluss“ mit Jack Nicholson und Morgan Freeman populär.

Die Favoritenpläne der Hauptdarsteller des Films, Fallschirmspringen und Großwildjagd, würden es sicherlich nie auf meine persönliche „Löffelliste“ schaffen, das reizt mich nun wirklich gar nicht. Aber ich habe schon überlegt, ob es beispielsweise Orte gibt, die ich gerne sehen oder wiedersehen mag.

Was ich noch machen will, bevor ich sterbe…

Grundsätzlich ist mir jedoch eine solche Löffelliste ziemlich fremd. Ich mag mein kommendes Leben nicht auf diese Weise planen, gegliedert von Punkt eins bis zehn. Und was mache ich eigentlich, wenn ich meine Löffelliste abgearbeitet habe, kann ich die Liste dann irgendwo abgeben? Und was bedeutet eine nicht abgearbeitete Liste, wenn ich plötzlich beim Autounfall sterbe? Habe ich dann mein Leben verpasst, versagt?

Etwas weniger kritisch sehe ich die internationale Kunstaktion, bei der oft in Zusammenarbeit mit der örtlichen Hospizbewegung Tafeln in verschiedenen Innenstädten aufgestellt wurden, auf denen Menschen den Satz beenden konnten: „Was ich noch machen will, bevor ich sterbe…“ Hier geht es nicht um eine Planung kommenden Lebens, sondern um einen kurzen Gedanken, eine Erinnerung, eine Anregung, die Sterblichkeit ins Leben zu holen, ein modernes „Memento Mori“. Eine Hilfestellung, bewusst zu leben, darüber nachzudenken, was mir wirklich wichtig ist.

Aber auch das ist vermutlich eher etwas für gesunde Menschen. Ich bin durchaus froh, wenn das Thema Sterben in meinem Leben gerade nicht so präsent sein muss und mich keiner plötzlich auf dem Marktplatz mit der Nase drauf stößt.

Warum soll ich „abschiedlich“ leben?

Manche Aktionen, die uns den Tod bewusst machen wollen, finde ich in dieser Hinsicht fast schon übergriffig, etwa wenn ein Sarg zum Probeliegen angeboten wird. Probeliegen im Sarg: Ausstellung will Angst vor dem Tod nehmen | BR24

Eine solche Aktion banalisiert, was Tod und Sterben wirklich bedeuten; es geht um mehr als um ein weiches Kissen.

Und ich frage mich: Warum soll ich denn überhaupt so abschiedlich und anspruchsvoll leben lernen und nicht einfach in den Tag hinein? Warum soll ich mir Pläne machen, verzierte Löffellisten, um nicht zu vergessen, was ich eigentlich im Leben will? Weiß ich denn wirklich im Voraus, was mir wichtig ist? Sind solche Punkte auf Löffellisten wirklich das bessere Leben oder nicht einfach nur schön originell?

Wenn es überhaupt etwas Gutes an der Situation schwerer Krankheit gibt, dann ist es aus meiner Sicht die Absichtslosigkeit des Lebens. Ich muss nichts mehr tun. Wenn ich faul auf der Couch liege, obwohl ich körperlich zu einem Spaziergang in der Lage wäre, dann ist es eben so. Von nichts und niemandem muss ich mich antreiben lassen, auch nicht von mir selbst.

Ich kann mich aus jeder Konkurrenz heraushalten und muss keine To-do-Listen abhaken, seien es auch noch so schöne und originelle Löffellisten mit gemalten Orchideen. Und das ist doch gut so. 

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In der Zeit, in der wir in der Welt sind, dürfen wir wirken. In die eine oder in die andere Richtung. Nur auf sich selbst schauen und Erlebnissen hinterher zu hecheln- mir reicht das nicht.
Neulich habe ich ein Wohnmobile gesehen, auf dessen Kühlerhaube große Eisbären prangten. Hinten drauf der obligatorisch Spruch: Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum. Wie schräg ist das denn ?

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