Mein Ältester gehört zur Gen Z, die beiden Jüngeren schon zur Gen A. Und ich, Jahrgang 1976, bin Generation X. Von X zu Z, das kann ein echt weiter Weg sein. Eine gewisse Distanz zwischen Eltern und ihren heranwachsenden Kindern ist ganz normal, zumal sich die Gespräche zwischen Kindern und Eltern in diesem Alter häufig auch darin erschöpfen, dass der Nachwuchs doch bitte Geschirr und dreckige Wäsche selbst runterbringen soll. Das war bei mir auch nicht anders, als ich jung war.
Kann ich als Vater überhaupt nachvollziehen, was die jungen Menschen, was meine Kinder derzeit umtreibt? Ich will es versuchen.
Angehörige der Gen Z rufen für den 31. Oktober zu bundesweiten Protesten auf. Für manche ist das der Reformationstag, für Kinder und Familien schlicht Halloween.
Aber für viele Menschen scheint es in diesem Jahr ein Datum zu sein, vor dem sie sich fürchten. Ich habe noch nie so viele Menschen über angekündigte Demonstrationen reden hören wie diesmal.
Warum also haben Menschen Angst, wenn junge Menschen protestieren und demonstrieren, obwohl die Jugend sehr, sehr gute Gründe hat? Klar, Aufnahmen wie die aus dem französischen Limoges, wo das historische Rathaus in Brand gesetzt wurde, machen auch mir Angst. Die Polizei verdächtigt einen Linksradikalen der Brandstiftung.
Generalverdacht auf Menschen mit Migrationserfahrung
In privaten Gesprächen unter Eltern und beim Sport nehme ich wahr, wie eine Art Generalverdacht auf jungen Menschen mit Migrationserfahrung liegt. Nach dem Motto: Die werden plündern, sobald sich die Chance ergibt! Jochen Kopelke, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, spricht von "jungen Krawallmigranten, die Bock auf Gewalt gegen die Polizei haben".
Ich denke bei diesen Worten an Schulveranstaltungen des Frankfurter Gymnasiums, das meine Kinder besuchen. Ein großer Teil der Kinder und Jugendlichen dort hat eine Migrationsgeschichte. Viele von ihnen dürften in Deutschland geboren sein. Wenn ich an ihre Gesichter denke, frage ich mich: Fühlen sie sich in Deutschland gesehen und zugehörig, wenn sie Aussagen wie die von Kopelke hören?
Mir kommt auch ein Zitat von Manuel Hagel (CDU) in den Sinn, er ist Innenminister in Baden-Württemberg. Er sagte Jüdinnen und Juden Schutz zu. "Der Samstag ist Sabbat. Jüdinnen und Juden sollen ihn in Frieden feiern können. Für uns gilt: Gebet vor Gebrüll." Wer demonstrieren wolle, dürfe dies, müsse das aber friedlich tun. "Wo Protest zum Deckmantel für Hass wird, handeln wir."
Lesetipp: Demonstrieren für Anfänger: So geht's
Ich will doch stark hoffen, dass ein Innenminister qua Amt immer und an jedem Tag jüdisches Leben schützt! Was soll dieses Geraune eines Innenministers? Ruft es nicht erst recht die Geister auf den Plan, die man nicht haben will? Werden all die Warnungen zur selbsterfüllenden Prophezeiung, beschwören sie am Ende die Gewalt herauf, vor der so eifrig gewarnt wird? Wie wäre es stattdessen mal mit Empathie den jungen Menschen gegenüber, statt sie unter Generalverdacht zu stellen?
Schüren Politiker gezielt Ängste?
Als Vater frage ich mich, ob Politikerinnen und Politiker lieber Ängste schüren, um sich als entschlossene Macher zu inszenieren, statt sich der Generation meiner Kinder zuzuwenden. Steht gar ein kühles Kalkül dahinter, weil 40 Prozent der Wählerschaft über 60 Jahre alt sind, Tendenz steigend? Glaubt man, in dieser Bevölkerungsgruppe eher damit punkten zu können, vor der Jugend zu warnen, als den Älteren zuzumuten, dass sie zugunsten der Jugend auf Privilegien verzichten müssen, etwa bei der Rente?
Mit der Initiative "Gen Z regelt" rufen Angehörige der Jahrgänge 1997 bis 2012 zu Protesten auf. Ich lese erst einmal nichts Radikales in den Forderungen. "Wohin wir auch schauen, sehen wir Krisen und kaum eine Perspektive für uns", heißt es in einem Positionspapier. "Wir fordern eine Politik, die in Bildung, soziale Sicherheit, Gesundheit, Klimaschutz und bezahlbares Leben investiert, statt bei der jungen Generation zu sparen. Wir wollen mitbestimmen, wenn über unsere Zukunft entschieden wird", heißt es auf der Homepage. Angeprangert werden zum Beispiel kaputte Schulen, der Investitionsstau in diesem Bereich beträgt fast 70 Milliarden Euro.
Unsere drei Kinder besuchen eine junge Schule. Alles ist noch neu. Aber die Toiletten sind manchmal so dreckig, dass sie wenig trinken, um nicht in der Schulzeit aufs Klo zu müssen. Außerdem ist die Schule nur eine Interimslösung, die aus allen Nähten platzt. Versprochen war ein Neubau, von dem aber nichts zu sehen ist.
Steigende Lebenshaltungskosten treiben die jungen Menschen ebenfalls auf die Straße. Zu Recht. Der Ökonom Marcel Fratzscher hat erst dieser Tage vorgerechnet, dass die Preise heute gut ein Fünftel über dem Niveau von 2020 liegen. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hat ergeben, dass die Einkommen des ärmsten Zehntels von 1995 bis 2020 gerade einmal um vier Prozent gestiegen sind, die des reichsten Zehntels um etwa die Hälfte. Noch krasser sieht es bei Vermögen aus. Die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung besitzen etwa 67 Prozent des gesamten Privatvermögens.
Ich kenne keine einzige Familie, die sich allein durch Fleiß und ein gutes Einkommen eine Wohnung oder ein Haus kaufen konnte. Ohne eine Schenkung oder ein Erbe hat es niemand geschafft. Das führt dazu, dass sich die Vermögensverhältnisse in unserer Gesellschaft zementieren, während Forderungen nach höheren Erbschaftssteuern oder einer Vermögensabgabe regelmäßig als "Neiddebatten" abgetan werden.
Die Bundesschülerkonferenz distanziert sich
Ich finde, das Papier der Gen Z-Protestierenden ist inhaltlich ziemlich zahm. Etwas ratlos hinterlässt mich nur der Punkt Wehrpflicht und Musterung. "Wir sollen für Kriege ausgebildet werden, über die wir nie mitentschieden haben." Klar. Aber Wladimir Putin hat auch mich nicht gefragt, als er die Ukraine überfiel. Dass Milliarden in Aufrüstung fließen, stört mich aber auch. Vor allem, weil das oft als nicht zu hinterfragender Sachzwang gilt und es kaum Debatten darüber gibt, wie viele Waffen es denn sein müssen, während bei den Ärmsten am Wohngeld und womöglich am Unterhaltsvorschuss gekürzt werden soll.
Natürlich verunsichert es mich, wenn sich die Bundesschülerkonferenz von den Protesten am 31. Oktober distanziert. "Wir sehen aufgrund undurchsichtiger Organisationsstrukturen die Gefahr, dass die ernstzunehmenden Anliegen junger Menschen zum Spielball politischer Instrumentalisierung und Polarisierung werden können."
Aber: Gemeinsam mit anderen Gruppen ruft die Dachvereinigung der Schülerinnen und Schüler für den 20. November zu eigenen Protesten auf. Und das ist gut so. Die jungen Menschen verlieren die Hoffnung auf eine gute Zukunft. Wer will es ihnen verübeln angesichts der Probleme, die wir haben? Und wer weiß, ob sich die Warnungen vor Gewaltexzessen vor dem 20. November nicht auch wieder ritualisiert wiederholen?
Ich hoffe, dass am Samstag alles friedlich bleibt. Gewalt ist durch nichts zu rechtfertigen, und wer vorhat, die Proteste als Vorwand für Plünderungen oder dergleichen zu missbrauchen, möge sich schämen. Wenn mich die Bilder des Wochenendes Lügen strafen, weil es doch Ausschreitungen gab, sehe ich alt aus.
Aber ich bin zutiefst irritiert, mit welchem Misstrauen wir jungen Menschen begegnen. Mehr noch: Klimaschutz, Gerechtigkeit, faire Chancen für alle – als Vater frage ich mich, ob das nicht Themen sind, die nicht nur unsere Kinder auf die Straße treiben sollten. Sondern uns Eltern und die Großeltern gleich mit.
Übrigens: Ich habe versucht, den Ältesten, unser Gen Z-Kind, auf die Proteste anzusprechen. Und nicht nur auf schmutzige Wäsche. Das war nicht leicht. Er flüchtete sich in Zynismus. "Es wird sich ohnehin nichts ändern", meint er. Was für ein trauriger Satz!





