chrismon: Was ist Ihr Ehrenamt?
Jonathan Schramm: Ich bin Mentor für einen mittlerweile 16-jährigen Jungen. Das Programm ist für Kinder gedacht, die es nicht so einfach haben. Seine – sehr fürsorgliche – Familie kommt aus Togo, er hat drei Geschwister. Ich bin Eros' Ansprechperson, er kann mit mir über alles reden, muss mich nicht teilen. Und ich kann ihm mit meinem Netzwerk helfen. Zum Beispiel konnte ich ihm ein Praktikum in einem Abgeordnetenbüro vermitteln.
Jonathan Schramm
Was machen Sie zusammen?
Wir treffen uns regelmäßig und machen, worauf er Lust hat. Er geht gern in die Bibliothek. Wir spielen Karten, machen Ausflüge mit dem Tandemrad oder setzen uns einfach in ein Café und reden, über lockere Themen genauso wie ernste: die Klimakatastrophe, die letzten Klausuren oder Wahlen. Hin und wieder gehen wir auch ins Museum. Was wir nie machen: über Nacht verreisen und übernachten. Zum Schutz der Kinder ist das untersagt.
Wie wird man Mentor?
Es gibt ein Auswahlgespräch. Ich brauchte ein erweitertes Führungszeugnis und Referenzpersonen aus Familie, Freundeskreis und Beruf wurden abgefragt. Danach gibt es einen Einführungsworkshop, bei dem man Fragen loswerden kann. Beim ersten Treffen sind die Eltern und jemand vom Verein dabei. Am Ende unterzeichnet man feierlich einen Tandemvertrag. Ein Freitag, der 13. war das. Daran erinnert sich Eros gut und betont immer, dass der Tag so gar nicht zu uns als Tandem passt.
Warum haben Sie sich entschieden, Mentor zu werden?
In meinem Jurastudium haben wir oft über soziale Gerechtigkeit diskutiert und darüber, was man besser machen müsste. Irgendwann merkte ich, wie abstrakt das alles ist. Ich suchte etwas Konkretes. Über die Werbung für dieses Programm ist meine damalige Freundin gestolpert und sie hat mich zu einer Infoveranstaltung mitgenommen.
Und was treibt Sie jetzt an?
Ich kann nicht leugnen: die Bestätigung, die ich bekomme. Unsere Verbindung ist wechselseitig: Ich kann Eros unterstützen. Und er gibt mir so viel zurück. Es tut gut, zu wissen: Da freut sich jemand auf mich, ich werde gebraucht. Das ist das eine …
… und das andere?
Ich bin mittlerweile Strafrichter und sehe häufig, dass in den Lebensläufen vieler Beschuldigter in Kindheit und Jugend eine Stütze fehlte: manchmal Liebe, Bemühung oder Aufmerksamkeit. Manchmal aber auch nur hier und da organisatorische Hilfe oder ein gewisses Netzwerk, auf das Kinder und Jugendliche bauen und auf das sie sich verlassen können.
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Wie viel Zeit verbringen Sie mit Eros?
Früher wöchentlich einen Nachmittag. Jetzt seltener. Die Häufigkeit ist nicht ganz so wichtig wie meine Verlässlichkeit. Eros kann darauf bauen, dass ich für ihn da bin.
Was kann anstrengend sein?
Manchmal muss ich mich gegen die Familie abgrenzen: Die würde mich auch gern in Anspruch nehmen. Oder der kleine Bruder will mit. Da muss ich hart bleiben. Denn sonst würde sich Eros zurückgesetzt fühlen. Wir sind ein Zweier-Tandem und eben das steht im Vordergrund.
"Man sollte sich auf die Bedürfnisse des Kindes einlassen können, auch wenn man sich etwas anderes vorgestellt hat"
Jonathan Schramm
Was hätten Sie nicht gedacht?
Wie viel ich für mich mitnehme. Wie schnell und selbstverständlich Menschen eine Verbindung aufbauen und spüren. Wie unversehens und selbstverständlich man das Erwachsenwerden begleitet. Als wir uns kennengelernt haben, war Eros ein Kind. Jetzt ist er größer als ich.
Ein schöner Moment?
Da gab es so einige. Einmal rief Eros panisch an, wo ich bliebe. Er hatte sich im Tag geirrt. Das berührte mich: Es ist ihm nicht egal, ob unser Treffen stattfindet. Ich war zu der Firmung von Eros eingeladen. Das allein war für mich schon ein Zeichen, dass ich aus Sicht der Familie dazugehöre. Das sehe ich auch an den Fotos im Wohnzimmer: Dort hängen Fotos von Eros und mir ganz selbstverständlich zwischen den Familienbildern.
Es klingt, als wären Sie schon fast Teil der Familie …
In gewisser Weise, ja. Das ist häufig so, manche bilden ganze zwölf Jahre – von sechs bis 18 Jahren – ein Tandem. Die meisten bleiben auch danach weiter in Kontakt. Ich kann Interessierten nur Mut machen. Besonders Männer sind gesucht, neue Impulse und erlebte Verlässlichkeit geben gerade Jungs Halt. Im Moment haben wir 200 Tandems. Trotzdem ist der Bedarf hoch, gut hundert Kinder stehen aktuell auf unserer Warteliste.
Welche Eigenschaften sollte man mitbringen?
Offenheit, Kontinuität und Bereitschaft zur Beziehungsarbeit, manchmal dauert es anfangs etwas länger. Man sollte sich auf die Bedürfnisse des Kindes einlassen können, auch wenn man sich etwas anderes vorgestellt hat.
Eros war es zum Beispiel gar nicht so wichtig, aufwendige Ausflüge zu machen, wie ins Miniaturwunderland. Dafür erzählt er mir gern über Mangas – ein Interesse, das ich bislang nicht kannte. Aber das eröffnet mir Perspektiven, die mir sonst verschlossen blieben.





