"Ich halte die Erwartung für überschätzt, dass man aus Erlebnissen und Ereignissen des Scheiterns immer und grundsätzlich für einen besseren Fortgang des Lebens "lernen" kann" sagt Hans Ulrich Gumbrecht über die Liebe
David von Bassewitz für chrismon
Begehren im Alter
So liebt Hans Ulrich Gumbrecht
Geisteswissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht erzählt, wie man die Leidenschaft in der Ehe erhält, wie das Paar mit Eifersucht umgeht und was er von getrennten Schlafzimmern hält
Lena Uphoff
26.04.2026
6Min

chrismon: Wie erhält man die gegenseitige Anziehung in einer über dreißigjährigen Langzeitbeziehung?

Hans Ulrich Gumbrecht: Nichts finde ich erotisch anziehender als den – narzisstischen – Eindruck, dass meine Frau Lust auf Sex mit mir hat. Der große und oft exzentrische Psychoanalytiker Jacques Lacan hat einmal gesagt, dass vor allem die Wahrnehmung fremder Begierde, die auf unsere Körper gerichtet ist, die eigene Begierde weckt. Oft schreibe ich meiner Frau am Morgen, bevor ich das Haus verlasse, wie sehr mich ihre Brüste faszinieren – und während ich diese Worte schreibe, sehne ich mich nach diesen Objekten meiner Begierde.

Sie äußert sich nie ähnlich direkt und konkret, was ich am Anfang unserer Beziehung vermisst habe. Aber vielleicht hat sich ihr Schweigen für mich als eine nie aussetzende Motivation bewahrt, irgendwann einmal solche Worte zu hören.

Susanne Schleyer/akg-images

Hans Ulrich Gumbrecht

Hans Ulrich Gumbrecht (*1948 in Würzburg) gehört er zu den bedeutendsten und produktivsten Geisteswissenschaftlern der Gegenwart. Der emeritierte Stanford-Professor lebt in den USA. Sein autobiografisches Buch "Sepp. Mein Leben auf Halbdistanz" ist bei Suhrkamp erschienen.

Wann verliebten Sie sich in Ihre Frau?

Ich habe sie als Studentin in einem meiner Seminare kennengelernt, das sie belegen musste, um einen "Pflichtschein" zu bekommen, ohne dass sie das Thema – kastilische Literatur des vierzehnten Jahrhunderts – in irgendeiner Weise interessiert hat.

An den "einen" Moment der beginnenden Faszination kann ich mich nicht erinnern, aber ich weiß, dass ich am Ende des Semesters eine von ihr ausgehende körperliche Anziehung spürte, die mein Leben beherrschte und intensiver machte – und zugleich für mich als verheirateten Mann mit zwei Kindern ein existenzielles Problem war.

Nach der ersten gemeinsamen Nacht, die sich ebenso unvermeidlich wie zufällig ereignete, wusste ich, dass es kein "Zurück" und schon gar keine im Blick auf meine Situation "vernünftige" Lösung gab. In dieser Hinsicht hat es eine deutliche Schwelle gegeben, hinter der mein Leben zunächst zu einem Problemfall geworden war.

Welche Hürden musste Ihre Liebe überwinden?

Es war für meine Frau vergleichsweise leicht, sich ohne Streitigkeiten und wechselseitige finanzielle Ansprüche aus einer Studentenehe zu lösen, die eher aus Gewohnheit als aus Leidenschaft entstanden war. Ich dagegen hatte nicht nur zwei Kinder, sondern war dreizehn Ehejahre lang überzeugt gewesen, dass meine erste Frau und ich zu einer für uns erfüllenden Beziehung finden könnten.

Nachdem jene unvermeidliche Schwelle überwunden war und meine heutige Frau sich ohne Erwartung einer neuen Ehe hatte scheiden lassen, sagte ich ihr zunächst, dass ich meine erste Ehe erhalten – und endlich dort Leidenschaft finden wollte. So haben wir ein ganzes Jahr gelebt. Während einer Gastprofessur in Montreal, die ich ohne die Familie verbrachte, habe ich dann meine neue Liebe nach Kanada eingeladen – und seit dem Beginn jener Tage haben wir uns nie mehr getrennt. Aber so "richtig" diese grundsätzliche Entscheidung war, so sehr bin ich bis heute überzeugt, dass ich – vor allem im Interesse meiner ersten Frau und meiner beiden älteren Kinder – eine ehrlichere und rücksichtsvollere Form der Veränderung hätte finden müssen.

Was haben Sie aus Ihrer ersten Ehe gelernt?

Ich halte die Erwartung für überschätzt, dass man aus Erlebnissen und Ereignissen des Scheiterns immer und grundsätzlich für einen besseren Fortgang des Lebens "lernen" kann. Im Rückblick will ich sagen, dass es wahrscheinlich besser gewesen wäre, wenn meine erste Frau und ich uns eingestanden hätten, dass dreizehn Jahre des Wartens auf Erfüllung Symptom einer Beziehung waren, die unsere Erwartungen nicht erfüllen konnte.

Und obwohl ich froh bin, dass ich mich damals für die Scheidung entschieden habe, weiß ich bis heute, wie viel Schmerz ich dadurch meinen älteren Kindern zugefügt habe. Mit diesem Bewusstsein und mit dieser Schuld muss ich leben – und manchmal befürchte ich, dass ich damit zu gut und zu leicht gelebt habe.

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Wie gehen Sie in Ihrer Ehe mit Eifersucht um?

Meine Frau hat mir nie Grund zur Eifersucht gegeben, obwohl sie dazu täglich Gelegenheiten gehabt hätte – und immer noch hat. Aber sie will nicht mit Ambivalenzen oder Unklarheiten leben – und dies ist ihr, zumindest seitdem wir uns kennen, immer gelungen.

Ich dagegen habe meiner Frau Grund zur Eifersucht gegeben und einige Ambivalenzen verschwiegen. Sie hat mich mit diesen Verhaltensweisen und ihren Konsequenzen konfrontiert, was dazu geführt hat, dass ich seit zwanzig Jahren keine Probleme mehr für unsere Ehe und für mich veranlasst habe. Uns ist durchaus bewusst, dass in dieser Hinsicht eine Asymmetrie in unserer Ehe besteht. Ihre Intensität, Dauer und Schönheit ist meiner Frau zu verdanken – und dies sage ich nicht als Kompliment, sondern als nüchterne Feststellung.

Sie machten als Literaturwissenschaftler international Karriere, sind aber auch Vater von vier Kindern. Wie gut haben beide Rollen zusammengepasst?

Da ich lebenslang überzeugt war, mangelnde intellektuelle Begabung nur durch permanenten und maximalen Fleiß kompensieren zu können, habe ich meinen Kindern beileibe nicht die Zeit gewidmet, auf die sie einen berechtigten Anspruch hatten – und an der ihnen wohl wirklich gelegen war.

Ich wäre gern ein besserer Vater gewesen. Meine Kinder gaben sich mit dem Glauben und der Formulierung zufrieden, dass ich ihnen zwar nicht genug von meiner Präsenz gab, aber dass die wenigen Stunden meiner Gegenwart eine besondere Intensität hatten. Ich bin glücklich, dass ich heute zu meinen beiden Töchtern und meinen beiden Söhnen starke und sehr individuell ausgeprägte Beziehungen habe, aber ich sage mir auch, dass ich dies eigentlich nicht "verdient" habe – wenn man Liebe denn je "verdienen" kann.

"Ich möchte jede Minute in der Nähe des Körpers sein, den ich begehre"

Hans Ulrich Gumbrecht

Welchen Ratschlag zum Thema Liebe geben Sie Ihren Kindern?

Am Ende meines Lebens habe ich weder den Eindruck noch den Anspruch, irgendjemandem Ratschläge "fürs Leben" zu geben. Ich habe weiterhin von Tag zu Tag hinreichend Probleme, mein eigenes Leben so zu führen, dass ich die Tage nicht mit schlechtem Gewissen beenden muss. Drei meiner Kinder leben in schönen, stabilen und leidenschaftlichen Beziehungen, zwei von ihnen haben Kinder. Aber ich denke, sie haben sich nicht an ihre Eltern – und schon gar nicht an mich – als Orientierung gehalten. Denn ich bin überzeugt, dass man nur individuell ein glückliches Leben finden kann.

Getrennte Schlafzimmer – ja oder nein?

Für mein eigenes Leben ist mir das gemeinsame Schlafzimmer und das gemeinsame Bett wichtiger, als ich es wirklich erklären kann – und auch meiner Frau, die andererseits keine Präferenz für getrennte Schlafzimmer hat. Neben seinem erotischen Potenzial wird das gemeinsame Bett wohl auch zu einem Ritual und einem Vollzug elementaren Vertrauens. Und ohnehin kann es ein Symbol und ein Konvergenzort der verschiedensten Dimensionen von Nähe sein.

Auf was haben Sie in der Liebe verzichtet?

Ich möchte jede Minute in der Nähe des Körpers sein, den ich begehre, und in der Nähe der Intelligenz, die mich unterhält. Hingegen braucht meine Frau ab und an halbe oder ganze Stunden, in denen sie allein ist. Ich habe gelernt, dass dahinter für sie eine Lust des Alleinseins steht – und nicht das Gefühl, "genug oder zu viel von mir zu haben".

Weil ich sie liebe, muss ich also manchmal auf ihre Gegenwart verzichten. Zu sagen, dass ich mich daran im Lauf der vielen Jahre gewöhnt habe, wäre nicht ehrlich genug. Aber natürlich ist ein Verzicht auf die Erfüllung eigener Vorzüge ein Teil von Liebe – auch wenn ich gelegentlich das Gefühl habe, dass der Wert von Verzicht in der Liebe - nicht von Verzicht außerhalb der Liebe - heute allzu laut und allzu vernünftig gefeiert wird.

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