Die ganz große Hilfe war ich noch nie beim Umziehen. Die Oberarmmuskeln wenig trainiert, der Rücken schwach, dafür der Hang zur Ungeschicklichkeit stark. Dabei durchaus das grundsätzliche Bedürfnis zu helfen und nicht dumm rumzustehen wie ein falsch zusammengeschraubtes Ikea-Regal. Also hab ich es immer wieder versucht: beim Umzug zu helfen.
Am unsinnigsten war vor 25 Jahren der Versuch, im achten Schwangerschaftsmonat wenigstens Kleinteile zu transportieren. Ich wollte mich unbedingt nützlich machen: Besteckkorb in die neue Wohnung bringen, zwei Tassen und fünf Teebeutel fürs erste Frühstück in den eigenen vier Wänden, bloß nichts Schweres tragen.
Leider war der einzige Parkplatz vor der neuen Wohnung eng, mein Riesenbauch verhinderte beim Einparken einen "Schulterblick" – zack, krachte ich gegen einen Laternenmast. Von dem Blechschaden, den ich damit verursachte, hätte man ein Jahr Brunch im Café finanzieren können. Bis heute steht diese Laterne schief vor meinem Fenster, ein Mahnmal des Scheiterns.
Es folgten Umzüge von Freunden, bei denen ich hoch motiviert anreiste, aber aus unerfindlichen Gründen starken Brechdurchfall bekam – so dass sich die anderen um mich kümmern mussten statt um die Kisten. Meine glamouröseste Performance war zweifellos der Umzug meiner Mutter vom Elternhaus am Bodensee ins betreute Wohnen in Stuttgart.
Ging alles gut. Aber bis heute behauptet meine Mutter, ich hätte damals die falschen Sachen eingepackt. Immer wenn in der Seniorenwohnung ein Glas zerbricht oder eine Tasse von Rollator fällt, sagt sie: "Da hätte Ursula ja auch mehr einpacken können." Ich stimme jedes Mal zu. Wirklich, das macht mir nichts: Ich spiele gerne die große Niete beim Thema Umziehen.
Inzwischen sind eigentlich alle an Ort und Stelle: Mutter ist gut angekommen. Ich bleibe in meiner Wohnung. Die Kinder haben genug McFit-gestählte Kumpels. Aber als neulich der Sohn aus der WG in die erste eigene Mietwohnung zog, wurde ich noch mal schwach. Mein Motiv diesmal nicht: Ich werde dringend gebraucht. Sondern: Wenn der Sohn schon mal Lust hat, was mit seiner Mutter zu unternehmen – wer würde da Nein sagen?
"Mir aber kamen die Tränen. Vor Scham und vor Schmerzen"
Ursula Ott
Zumal es sich um ein Teilprojekt handelte: Die schweren Möbel waren bereits aufgebaut, es ging nur noch um Topfpflanzen. Er hatte bei Kleinanzeigen ein Angebot gefunden, 25 Pflanzen aus einem Nachlass. Geschenkt. Wie überhaupt alles, was er in seine neue Wohnung stellte, geschenkt war: Herd, Waschmaschine, Sofa, eine alte Biertheke – faszinierend, wie die jungen Leute das schaffen. Einrichten für null Euro. Ich glaube, ich – die zuletzt allein für ein Sofa vierstellig investiert hatte - wollte wenigstens einen Nachmittag lang eintauchen in diese Junge-Leute-Lebenskunst.
Es fing super an. Wir fuhren mit meinem alten Auto in eine Reihenhaussiedlung am Rande der Stadt. Ein älterer Herr, der das Haus seines verstorbenen Freundes räumte, stand schon auf der Treppe, fing sofort an, wuchernde Buntnesseln und riesige Yuccapalmen in mein kleines Auto zu wuchten. Während ich den Herrn in ein Gespräch über die schmerzhafte Sterbegeschichte des Freundes verwickelte, lud der Sohn unauffällig den einen oder anderen allzu spießigen Gummibaum wieder aus, am Ende fuhren wir quietschvergnügt einen Dschungel aus 32 Pflanzen durch Köln.
Doch dann passierte es. Beim Ausladen sagte ich: "Die Leichteren kann ich auch …", zack, fiel mir eine Bromelie samt Übertopf auf den Fuß. Der Sohn, der meine Ungeschicklichkeit kennt, machte viele Worte, dass bestimmt schon ein Riss im Übertopf und ich gar nicht schuld sei … mir aber kamen die Tränen. Vor Scham und vor Schmerzen. Ich fuhr sofort zum Unfallarzt, denn ich hatte erst neulich den Vorderfuß gebrochen, als ich zu Hause über einen Teppich gestolpert war. Der Arzt sagte die entscheidenden Worte: "Das mit dem Umziehen und Schleppen, das lassen Sie jetzt mal."
Sollten Freunde oder Kinder mich künftig noch mal um Hilfe fragen, sage ich: Bitte nichts tragen. Lasst mich labern und Pizza kaufen für die Helfer. Und wenn es euch hilft: Lasst mich schuld sein, wenn nachher alles blöd war. So einen Sündenbock, den braucht es unbedingt bei größeren Projekten. Das übernehme ich gern.

