Illustration von Paul Gerhardt vor Narzissen und Tulpen mit einem Buch in der Hand. Im Hintergrund sind Ruinen, Flammen und leidende Menschen zu sehen
Laura Breiling
Kirchenlieder
"Ich selber kann und mag nicht ruhn"
Paul Gerhardt schrieb "Geh aus, mein Herz" in einer Zeit, in der die Menschen Trost und Aufmunterung dringend brauchten
Portrait Anne Buhrfeind, chrismon stellvertretende ChefredakteurinLena Uphoff
27.05.2026
3Min

Vom barocken "Dichterpfarrer" stammen einige der schönsten Lieder im Gesangbuch, bildhaft und ermutigend. Viele Protestanten wissen: Paul Gerhardt hatte ein schweres Schicksal. Vier Kinder sind ihm gestorben und dann auch seine Frau, im Alter von 46 Jahren, nach nur 13 Ehejahren.

Früher Kindstod, die Erfahrung, dass einem die Liebsten sterben – für die Menschen im 17. Jahrhundert war das nichts Ungewöhnliches, aber wohl genauso schrecklich wie für uns. Paul Gerhardt hat auch seine Eltern früh verloren, er wuchs bei gut situierten Verwandten in seiner Geburtsstadt Gräfenhainichen auf, 30 Kilometer südwestlich von Wittenberg. Onkel und Tante schickten ihn auf ein strenges Elite-Internat, die Grimmaer Fürstenschule. Da durften die Schüler auch außerhalb des Unterrichts nur Latein sprechen, auf dem Lehrplan standen Religion, Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Musik und Astronomie. Und Dichten: das Um- und Nachdichten antiker Texte. Der Schüler war fleißig und begabt, aber, so scheint es, kein Überflieger.

Es folgte das Studium, Theologie in Wittenberg, rund vierzehn Jahre. Da ging es ihm wie vielen Studenten: Er musste sich den Lebensunterhalt selbst verdienen. Gerhardt unterrichtete die Kinder des ersten Pfarrers der Wittenberger Stadtkirche. Und er begann, Lieder zu schreiben.

Das 17. Jahrhundert war eine Epoche des Singens, der Lieder, der frommen Poesie – auch während der Pest und mitten im Dreißigjährigen Krieg. Der begann, als Paul Gerhardt elf Jahre alt war, und wütete in Wellen. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, als der Krieg vorbei war, als Gerhardt seine erste Pfarrstelle annahm (1651) und heiratete (1655), war die Bevölkerung im damaligen Brandenburg um die Hälfte geschrumpft, Städte waren verbrannt, Dörfer verfallen, Felder lagen brach, viele Menschen waren Seuchen zum Opfer gefallen, viele andere hungerten.

Die Menschen suchten Trost in den Liedern von Paul Gerhardt

Große Not, große Sorgen auf der einen Seite, Lebenshunger auf der anderen: Die Menschen bewunderten das höfische Zeremoniell und die Gärten des Adels. Sie bewunderten und ahmten nach, wo sie es konnten. Sie besangen "Narzissus und die Tulipan" – ausgerechnet Tulpen, die zu Anfang des Jahrhunderts ein Vermögen kosteten und in den Niederlanden die erste Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte ausgelöst hatten.

Die Menschen suchten Trost in der Schönheit und der Natur und in den Liedern von Paul Gerhardt. "Befiehl du deine Wege" gilt bis heute als das große Trostlied: "Hoff’, o du meine Seele, hoff’ und sei unverzagt. Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer jagt, mit großen Gnaden rücken." Aber auch Ermutigung und Gotteslob waren gefragt – "Wach auf, mein Herz, und singe".

"Dein Wort sei meine Speise, bis ich gen Himmel reise": Paul Gerhardt war schon 44 Jahre alt, aber noch nicht verheiratet, als er seine erste Pfarrstelle antrat, in Mittenwalde. Sechs Jahre später, kurz nach dem Tod der ersten Tochter, die nur ein halbes Jahr alt wurde, zogen die Gerhardts nach Berlin. Paul Gerhardt wurde Pfarrer an der Nikolaikirche.

Er muss ein guter lutherischer Pfarrer gewesen sein, ein guter Seelsorger und durch seine Lieder bald über die Grenzen Berlins hinaus bekannt (die Stadt hatte nach dem Dreißigjährigen Krieg nur mehr 6000 Einwohner). Denn als er – wie viele Kollegen – in Konflikt mit dem Kurfürsten geriet, der reformierten Glaubens war, unterstützte ihn seine Gemeinde mehr als andere. Zuallererst protestierten die Handwerker, als Paul Gerhardt sein Amt verlor: "Unser geliebter Prediger und Seelsorger soll uns entzogen werden."

1668 nahm Paul Gerhardt, inzwischen Witwer, eine Stelle in Lübben an, wo er bis zu seinem 70. Jahr in bescheidenen Verhältnissen lebte. Nach dem Tod seiner Frau hat Paul Gerhardt wohl überhaupt nicht mehr gedichtet, jedenfalls sind keine Lieder aus dieser Zeit überliefert.

Für seinen Ruhm sorgten andere – die Komponisten und Liedersammler, die seine wunderbaren Lieder in die Welt trugen.

Infobox

Zum 350. Todestag des Dichters am 27. Mai 2026 finden zahlreiche Veranstaltungen statt, so etwa in Lübben im Spreewald, wo Paul Gerhardt bis zu seinem Tod wirkte.

Buchtipp: Claudia Wasow-Kania, Konrad Klek: 50 Blicke auf Paul Gerhardt. Leben und Streit, Werk und Wirkung. Evangelische Verlagsanstalt. 184 Seiten, 19 Euro.

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