Christliche Zivilcourage
Wo gibt es einen Paul Gerhardt heute?
Von Donald Trump konnte der evangelische Dichter Paul Gerhardt noch nichts wissen. Doch seine Worte gegen Tyrannei, gegen Lügen und Hass sind aktueller denn je. Vielleicht eine Vorlage für einen Protestsong?
Paul Gerhardt in einem Holzstich um 1880: Er war kein Revolutionär - aber widerständig, wenn es gegen Tyrannei und Hassreden ging.
akg-images /picture alliance
(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfreiAndreas Schoelzel
24.04.2026
3Min

In den vergangenen Tagen haben viele eigentlich kirchenferne Kommentatoren über Papst Leo gestaunt und sich über seine christliche Zivilcourage gefreut.

Wo die meisten politischen Anführer dieser Welt darauf bedacht waren, den US-amerikanischen Präsidenten nicht zu verärgern, sagte der machtloseste von ihnen, was zu sagen war.

Zum Beispiel, dass Frieden besser ist als Krieg und dass man mit militärischen Mitteln allein weniger erreicht als mit Verhandlungen und internationalem Recht. Dabei blieb er im Tonfall ruhig und klar in seiner Rolle. So zeigte er, was christliches Denken und Reden politisch vermag, ohne parteipolitisch zu werden.

Das hat viele überrascht. Sie scheinen vergessen zu haben, dass die Washingtoner Bischöfin Mariann Edgar Budde von der episkopalen Kirche bei ihrer Predigt zur Amtseinführung vorgemacht hatte, wie es gehen kann. Sie hatte damals sogar mehr Mut aufbringen müssen, denn sie sagte ihre Botschaft dem Präsidenten direkt ins Gesicht.

Deutsche Bischöfinnen und Bischöfe haben keine globale Reichweite, deshalb sollte man von ihnen keine vergleichbaren Interventionen erwarten.

Zum Ersatz möchte ich an ein kaum bekanntes Gedicht des bedeutendsten christlichen Dichters aus Deutschland erinnern, dessen 350. Todestag in diesem Jahr begangen wird. Von Donald Trump konnte Paul Gerhardt noch nichts wissen, aber wenn man die folgenden Verse liest, kommen einem zwangsläufig aktuelle Bezüge in den Sinn.

Was trotzest du, stolzer Tyrann,
dass deine verkehrte Gewalt
den Armen viel Schaden tun kann?
Verkreuch dich und schweige nur bald!

Gerhardt wendet sich in seinem Gedicht nicht bloß gegen die militärische Gewalt von Tyrannen. Fast noch wichtiger erscheint ihm, wie sie die Wahrheit verletzen:

Die Zunge, dein schädliches Glied,
du falscher verlogener Mund,
tut manchen gefährlichen Schnitt,
schlägt alles zu Schanden und wund.

Die Zunge ist eine ebenso gefährliche Waffe wie das Schwert. Denn wer mit Macht Lügen verbreitet, zerstört die Grundlagen einer guten politischen Ordnung. Die Herrschaft des Rechts wird dann unmöglich:

Was unrecht, das sprichst du mit Freuden,
was recht ist, das kannst du nicht leiden.

Das geht noch einige Strophen so weiter – Überlänge ist ein bekanntes Problem barocker Poesie. Dann schließt das Gedicht mit dieser entschlossen-hoffnungsfrohen Strophe.

Trotz sei dir, du trotzender Kot!
Ich habe den Höchsten bei mir;
wo der ist, da hat es nicht Not,
und fürcht ich mich gar nicht vor dir.

Paul Gerhardt war kein Revolutionär, nicht einmal ein liberaler Demokrat. Er lebte wie selbstverständlich in der monarchisch-ständischen Ordnung seiner Zeit. Über diesen engen Rahmen hat er politisch nicht hinausgedacht. Aber als seinem Gewissen verpflichteter Theologe nahm er sich das Recht, seinem absolutistischen Landesherrn zu widersprechen, wenn er die Freiheit des Glaubens und die Selbstbestimmung der Kirche bedroht sah.

Und er widersprach ihm öffentlich, auch wenn ihm dies persönlich zum Schaden gereichen sollte. Von dieser Haltung zeugt dieses Gedicht. Es richtet sich nicht konkret gegen diesen oder jenen Herrscher, sondern ist eine allgemeine Aktualisierung des 52. Psalms und dessen genereller Kritik tyrannischen Willkürherrschaft.

Es fordert keine politische Reform oder Revolution, aber es bezeugt, dass Wahrhaftigkeit, Rechtmäßigkeit und Friedfertigkeit politische Prinzipien bleiben müssen. Den trotzigen Mut, den es dafür braucht, gewinnt es aus einem tiefen Gottvertrauen.

Vielleicht sollte man diesem Gedicht eine schöne Melodie auf den Leib schneiden, damit wir in diesem krisengeplagten Paul-Gerhardt-Jahr auch ein christliches Protestlied zu singen haben.

Infobox

Das ganze Gedicht können Sie hier nachlesen.

Die Kommentarfunktion ist nur noch für registrierte Nutzer verfügbar. Um einen Leserkommentar schreiben zu können, schließen Sie bitte ein Abo ab, schreiben Sie uns eine Mail an leserpost@chrismon.de oder diskutieren Sie auf Instagram, Facebook und LinkedIn mit.

Kolumne

Johann Hinrich Claussen

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur