Demonstration in Minneapolis gegen die Einwanderungs- und Zollbehörde ICE
Demonstration in Minneapolis gegen die Einwanderungs- und Zollbehörde ICE am 25. Januar 2026. Ein Tag zuvor erschossen Bundesbeamte den US-Bürger Alex Pretti, einen 37-jährigen Intensivpfleger
Roberto Schmidt/AFP/Getty Images
ICE in Minneapolis
"Wir gehen durch die Hölle"
Razzien, Panik, Tote: In Minneapolis eskaliert der Einsatz des ICE immer weiter. Aber es gibt auch Hoffnung. Ein Pastor vor Ort erzählt, wie seine Gemeinde Tausenden bedrohten Menschen hilft
Sophie TiedemannPrivat
27.01.2026
7Min

Seit Wochen demonstrieren mehrere tausend Menschen in Minneapolis gegen die Einsätze der US-Einwanderungsbehörde ICE. Vergangenen Freitag schlossen Hunderte Geschäfte ihre Türen im Rahmen eines zuvor angekündigten Streiks. Wie ist die Atmosphäre in Minneapolis?

Sergio Amezcua: Wir, die Stadt Minneapolis und der Bundesstaat Minnesota, sind wütend auf die Bundesregierung. ICE-Beamte kommen in unsere Stadt, töten US-Bürger und misshandeln Einwanderer und Latinos. Wir gehen durch die Hölle. Das dauert inzwischen schon zwei Monate an. Seit Dezember militarisiert die Bundesregierung unseren Bundesstaat mit ihren Nazi-Aktionen. Kinder gehen nicht zur Schule, Kranke gehen nicht ins Krankenhaus, Menschen gehen nicht mehr arbeiten. Die größte Sorge momentan ist, dass die Vermieter beginnen, diese Menschen, auf die es ICE abgesehen hat, auf die Straße zu setzen. Dann haben wir obendrauf noch ein riesiges Obdachlosenproblem. Es ist eine humanitäre Katastrophe. Also ja, wir sind wütend. Und wir trauern. Denn die ICE-Agenten haben zwei unserer Bürger getötet, Renee Nicole und Alex. In den gesamten Twin Cities, also in Minneapolis und im benachbarten Saint Paul, wird ihrer gedacht.

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Sergio Amezcua

Sergio Amezcua ist Pastor in der Kirche Dios Habla Hoy (DHH) in Minneapolis. Er kommt ursprünglich aus Sinaloa, einem Bundesstaat im Westen Mexikos am Golf von Kalifornien. Amezcua ist Vater zwölfjähriger Zwillinge. Nach seiner Ordination im Jahr 2011 gründete er die DHH.

Am 7. Januar 2026 wurde Renee Nicole Good von einem ICE-Beamten erschossen, am 24. Januar Alex Pretti. Er hatte sich nach dem Tod von Good an Protesten beteiligt. Nachdem ein ICE-Beamter eine Waffe von seinem Hosenbund entfernte, die er legal bei sich trug, fielen mindestens zehn Schüsse auf den am Boden knieenden Mann. Die US-Einwanderungsbehörde ICE wurde 2003 gegründet, auch vor Trump gab es groß angelegte Abschieberazzien. Wann wurde Ihnen bewusst, dass es diesmal anders ist?

Ich glaubte zu Beginn von Donald Trumps Amtszeit, dass er tatsächlich hinter Kriminellen her sei, die unsere Städte unsicher machen. Dann sah ich, was in Los Angeles und in Chicago geschah, wo ICE-Beamte im Sommer und Herbst 2025 ebenfalls aggressive Razzien vornahmen. Zu Beginn der sogenannten "Operation Metro Surge" in Minneapolis sah ich Videos auf Social Media. Sie zeigten die Skrupellosigkeit der Beamten. Da wurde mir klar, dass das, was hier passiert, nicht normal sein kann. Ich bin dennoch davon ausgegangen, dass die ICE-Beamten vielleicht für zwei Wochen hier in Minneapolis bleiben würden.

Ihre Kirche, die Dios Habla Hoy (DHH), ist inzwischen die Schaltzentrale für Lebensmittellieferungen in ganz Minneapolis. Menschen, die sich aufgrund der Razzien nicht aus dem Haus trauen, können sich über einen Link registrieren und bekommen Einkäufe nach Hause geliefert. Wie hat diese Aktion angefangen?

Anfang Dezember, also zu Beginn der ICE-Operation, habe ich nicht lange nachgedacht, sondern einfach einen Link online gestellt. Unter diesem Link konnten sich Familien registrieren, die Angst hatten, in den Supermarkt zu gehen. Um 11 Uhr war der Link online. Um 19 Uhr hatten sich bereits 2000 Menschen registriert. Inzwischen sind wir bei fast 28.000 Menschen angelangt. Auch die Zahl der Freiwilligen wächst. Inzwischen fahren rund 4000 Menschen wöchentlich Lieferungen aus. Wir denken langfristig. Die ICE-Beamten werden hier bleiben, solange Donald Trump sie hier haben will.

Werden die Freiwilligen auf mögliche Konfrontationen mit ICE-Beamten vorbereitet?

Wir bieten Workshops an. Darin geht es vor allem darum, friedlich und deeskalierend zu bleiben. Unsere Freiwilligen sind allesamt US-Bürger, viele von ihnen sind ältere Einwohner von Minneapolis. Sie lassen sich nicht so leicht einschüchtern. Außerdem haben wir viele Talente im Team: Sie helfen uns bei der Koordination, der gesamten Logistik und der Sicherheit unserer Fahrer. Bislang kam es zwar zu Fällen, in denen ICE-Beamte unsere Fahrer in ihren SUVs verfolgt und belästigt haben. Größere Eskalationen blieben aber aus. Für uns steht fest, dass wir diese Bewegung weiter aufbauen wollen – auch, wenn die ICE-Operation irgendwann beendet ist. Wir müssen sicherstellen, dass so etwas nicht noch einmal in Minneapolis passiert. Abgesehen davon helfen wir nicht nur Einwanderern. Wir als Kirche sind auch für US-Bürger da, die ihre staatlichen Leistungen verloren haben oder für Veteranen, die von der US-Regierung ignoriert werden. So ein ICE-Einsatz kostet sehr viel Geld. All das könnte die Trump-Regierung deutlich sinnvoller investieren.

Wer fühlt sich Ihrer Gemeinde, der Iglesia Dios Habla Hoy, zugehörig?

Wir sind zu etwa 90 Prozent Latinos. Die Hälfte ist hier geboren. Die andere Hälfte sind Einwanderer aus verschiedenen hispanischen Herkunftsländern. Wir haben auch einige weiße US-Amerikaner, vielleicht 10 Prozent. Der Rest setzt sich aus anderen ethnischen Gruppen zusammen. Insgesamt sind etwa zwölf verschiedene Nationen bei uns vertreten. Unsere Gottesdienste finden auf Englisch und Spanisch statt. Wir sind eine nicht konfessionelle evangelikale christliche Kirche. Letztendlich geht es uns darum, Frieden und Versöhnung zu predigen. Wenn etwas nicht gerecht zugeht, erheben wir unsere Stimme. Das ist unsere Verantwortung.

Sie selbst bezeichnen sich als konservativ und als Patriot, sind vor 24 Jahren aus Mexiko in die Vereinigten Staaten eingewandert. Gibt es Meinungsunterschiede innerhalb Ihrer Gemeinde zur aktuellen Trump-Politik?

Ehrlich gesagt gibt es gerade keine Zeit zum Diskutieren. Momentan ist jeder auf irgendeine Weise involviert. Hier geht es um Menschenrechte – und darauf können wir uns einigen. Außerdem geht unsere Lebensmittelaktion längst über die Kirchenmauern hinaus. Vorher sind vielleicht 500 bis 600 Menschen regelmäßig in die Gemeinde gekommen. Jetzt sind es Tausende. Es ist eine größere Bewegung, für die diese Kirche der Ausgangspunkt war. Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und Glaubensrichtungen, übrigens auch viele Atheisten, kommen in der Kirche Dios Habla Hoy zusammen, um einander zu helfen. Die LGBTQ-Community ist ebenfalls sehr involviert. Das zeichnet Minneapolis aus. Wir schützen unser schönes Minneapolis vor externen Provokateuren und möchten verhindern, dass sie unsere Stadt niederbrennen. Wir wollen, dass die Bundesregierung endlich von hier verschwindet.

Gehen Sie nicht auch ein hohes Risiko ein, wenn Sie als mehrheitlich von der Latino-Bevölkerung besuchte Kirche jetzt sehr im Rampenlicht stehen?

Wir ernähren Menschen, wir greifen niemanden an. Und wir sagen die Wahrheit und sprechen darüber, was derzeit auf den Straßen unserer Stadt passiert. Als Latino-Kirche sind wir doch ohnehin im Visier der Bundesregierung. In der Vergangenheit hat das die afroamerikanische Gemeinschaft durchgemacht, die japanische Minderheit, die Jüdinnen und Juden. Jetzt sind wohl wir an der Reihe. Die Regierung und die weißen Rassisten in ihren Reihen wollen die Mehrheit im Land nicht verlieren. Also lautet das Motto: so viele Latinos deportieren wie möglich. Die ICE-Beamten in Minneapolis lauern Menschen auf, wenn sie aus dem Gottesdienst kommen. In ihren verdunkelten SUVs fahren sie um das Kirchengelände herum. Sie schikanieren uns. Niemand unternimmt etwas dagegen.

Wie wirken sich die ICE-Razzien auf Ihre Gottesdienste aus?

Natürlich will in solch einer Situation niemand mehr in den Gottesdienst kommen. Ich habe einen Rückgang der Sonntagsbesucher um 70 Prozent. Dabei geht es mir noch gut. Es gibt Kirchen, die ihre Gottesdienste ganz schließen mussten, weil niemand mehr kam. Sie sind komplett auf Onlinegottesdienste umgestiegen. In kirchlichen Gemeinden in Minneapolis ist die Sorge groß, die Mieten oder Hypotheken für die Gebäude nicht mehr bezahlen zu können. Viele Spenden fallen weg – entweder, weil es überhaupt keine Gottesdienste mehr gibt oder weil die Besucher ausbleiben.

Gehen Sie in Ihren Predigten auf das ein, was auf den Straßen von Minneapolis passiert?

Wir erwähnen es, aber immer in einer Weise, bei der wir Friedensstifter sind. Wir hassen unsere Regierung nicht, wir hassen die Beamten nicht. Sie sind auch Menschen. Wir beten für sie, wir beten sogar für den Präsidenten. Aber wir erheben unsere Stimme, um den Menschen zu sagen, dass das, was sie tun, falsch ist. Es ist blanker Rassismus im Namen von Patriotismus. Und das muss aufhören. In meiner letzten Predigt habe ich außerdem Renee Nicole und Alex gedacht.

Das Heimatschutzministerium beruft sich ebenfalls auf das Christentum. Ein auf Instagram gepostetes Video zitiert etwa aus Jesaja 6,8: "Wen soll ich senden? Wer soll unser Bote sein? Hier bin ich, sende mich!" Dazu sieht man schwer bewaffnete Einsatzkräfte, die sich aus Hubschraubern abseilen und Masken aufziehen. Mit solchen Inhalten rekrutiert ICE neue Mitarbeitende. Was denken Sie darüber?

Das Christentum hat zwei große Gebote. Das erste: Liebe den Herrn, deinen Gott, mit ganzem Herzen und ganzer Seele. Das zweite ist genauso wichtig wie das erste: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Die ICE-Beamten verletzen beide Gebote. Das ist meine Ansicht. Unsere Gemeinde tut, was Jesus in dieser Situation tun würde. Er würde nicht schweigen. Er würde den Menschen helfen, die sich selbst nicht helfen können.

Vergangenen Freitag versammelten sich Hunderte Menschen zu einem interreligiösen Gottesdienst in der Synagoge Temple Israel in Minneapolis. Sie sprachen sich gemeinsam für die migrantischen Communitys der Stadt aus. Dutzende religiöse Führungspersonen wurden außerdem bei Protesten am Flughafen von Minneapolis festgenommen. Sie hatten Fluggesellschaften dazu aufgerufen, "ICE aufzufordern, seinen Einsatz im Bundesstaat sofort zu beenden." Gibt es weitere Beispiele, wie verschiedene religiöse Gemeinden zusammenarbeiten?

Tatsächlich war ich vor wenigen Tagen in einem Onlinemeeting mit 2500 Glaubensführern aus dem ganzen Land. Wir planen derzeit eine große Veranstaltung in einem Stadion in Minneapolis. Es soll ein großes Lobpreis-Treffen werden. Fest steht bislang: Wir werden dort das Leben von Renee Nicole und Alex ehren.

Schlagzeilen machte auch die Festnahme des fünfjährigen Liam Conejo Ramos. ICE-Beamte griffen ihn auf, als er gerade von der Vorschule nach Hause kam. Er sollte an der Haustür klopfen, um zu überprüfen, ob jemand zu Hause war. Den Agenten sei es lediglich um den Vater der Familie gegangen, sagte eine Sprecherin des Heimatschutzministeriums. Vater und Sohn werden inzwischen in einer Familienzelle in Texas festgehalten.

Ich kenne die Familie nicht persönlich, aber wir waren nach dem Vorfall telefonisch in Kontakt. Ich habe mich bei Anwälten, Stadtbeamten und der Polizei erkundigt, was man tun kann. Dann übernahmen die Verantwortlichen des Schulbezirks. Liam ist aber kein Einzelfall. In den vergangenen zwei Wochen wurden mehrere Minderjährige inhaftiert. Dazu muss man wissen: Die gesamte Familie von Liam gibt an, sie sei legal eingereist. Sie befindet sich im laufenden Asylverfahren. Sie sind also nicht undokumentiert. Aber diese Bundesregierung respektiert das Gesetz nicht.

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