Arm und Reich im Museum
Begehbare Ungleichheit
Kunst eröffnet neue Perspektiven auf Altbekanntes. Jakob Schwerdtfeger über Ausstellungen, die Probleme der Gegenwart im Museum greifbar machen
Jana Sophia Nolle: "Blue Blanket I"
Installationsansicht Jana Sophia Nolle: "Blue Blanket I", 2024 © VG Bild-Kunst, Bonn 2025, Foto: Jens Gerber
Pierre Jarawan
11.02.2026

Direkt am Frankfurter Mainufer befindet sich ein echter Geheimtipp: das Museum Giersch. In dieser Villa ist nicht nur eine sehenswerte Gemäldesammlung, sondern auch ein Holzfußboden, der so wunderbar knarzt, dass es einem wohlige Schauer über den Rücken jagt. Anfang 2025 war ich hier in einer Ausstellung zum Thema Wohnen. Passend dazu wurde das ganze Museum wie eine WG gedacht, und da die besten Partys immer in der Küche stattfinden, durfte man sogar in die Museumsküche. Allerdings gab es dort Limonade und Kaffee statt lauwarmes Billigbier.

Besonders beeindruckt hat mich eine Installation der Berliner Künstlerin Jana Sophia Nolle, die 1986 geboren wurde und sich viel mit sozialen Fragestellungen beschäftigt. Im Museum Giersch hatte sie einen Ausstellungsraum eingerichtet wie ein bildungsbürgerliches Wohnzimmer inklusive Designmöbeln und nach Farben sortierten Reclam-Büchern. Hier stimmte jedes Detail, selbst die gut bestückte Hausbar, die dezente Kunst an den Wänden und die obligatorische "FAZ" auf einem Beistelltisch. Alles strahlte aus: Dies ist der Wohnort von Menschen, die Rollkragenpullover und Sakkos mit Lederflicken an den Ärmeln tragen.

Doch mitten im Raum stand eine irritierende Anordnung an Gegenständen, nämlich die nachgebaute Behausung einer obdachlosen Person. Die Tüte voller Pfandflaschen, der Einkaufswagen zur Beförderung der wenigen Habseligkeiten und die zerfranste Decke – all das wirkte angesichts des umgebenden Wohlstands maximal bedrückend. Selten habe ich so einen krassen Kontrast von Arm und Reich gesehen. Hier knallte Behaglichkeit auf bittere Not, und das in einer Drastik, die ins Mark ging.

Erst kürzlich berichtete die Tagesschau, dass 2024 über eine Million Menschen in Deutschland wohnungslos waren. Gleichzeitig haben hierzulande die fünf reichsten Familien mehr Vermögen als die ärmere Hälfte der Bevölkerung. Ein paar Leute besitzen also mehr als 42 Millionen Menschen oder in anderen Worten: Wow, ist das unfair!

Diese bestürzenden Fakten sind allerdings schwer vorstellbar und emotional kaum greifbar. Nolle macht die gesellschaftliche Schere hingegen direkt erlebbar, indem sie das schicke Wohnzimmer und die improvisierte Schlafstätte realitätsnah arrangiert. Man kann die ungleiche Verteilung von Wohlstand plötzlich selbst betreten und sich darin bewegen. Was bleibt, ist ein Gefühl der Beklemmung.

Es ist eine große Stärke der Kunst, dass sie neue, berührende Zugänge zu wichtigen Themen der Gegenwart bieten kann. Auch das Klima ist ein Bereich, über den wir andauernd erschreckende Statistiken lesen. Und doch lassen uns die Zahlen oft kalt. Das Wiener Leopold-Museum hat daher einen kreativen Ansatz entwickelt: Um die Klimakrise zu veranschaulichen, wurden 15 Werke schief gehängt, und zwar um die jeweilige Gradzahl, die an den gemalten Orten als Erwärmung droht.

Nach dem Motto: Ein paar Grad machen einen großen Unterschied – in der Temperatur und an der Museumswand. Als jemand, der schiefe Bilder gar nicht erträgt, hat mich diese Aktion direkt gepackt. Kunst findet also nicht fernab unseres Alltags statt, sondern reflektiert unsere Zeit. Sie ist wie ein Um-die-Ecke-Gucker, der uns andere Perspektiven eröffnet.

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