Sasa Stanisic
Saša Stanišić fordert uns auf, den Geschichten der anderen zuzuhören
Melina Mörsdorf/laif
Motivation
Du hast etwas zu sagen!
Dass jemand an ihn glaubte, erlebte Saša Stanišić als Kind. Warum das viele bräuchten, wie das gehen könnte, schreibt er in dieser Ermutigung. Ein Auszug aus seinem neuen Buch
Saša StanišićKatja Sämann
18.12.2025
6Min

Es gibt kein Wort für den Vorgang, wenn ein Kind zum ersten Mal eine Geschichte in einer Sprache, die nicht seine erste ist, lesen und begreifen kann.

Es gibt kein Wort für das Gefühl, das ein Kind empfindet, wenn es zum ersten Mal in einer Sprache, die nicht seine erste ist, die eigene Geschichte erzählen darf. In der Geschichte lebt das Kind in einem Land, in dem seine erste Sprache nur von wenigen gesprochen wird. Auf dem Schulweg begegnen ihm Orks. Und es ist jemand da, der die Geschichte liest und fragt: "Hast du noch eine? Vielleicht ohne Orks?"

Saša StanišićKatja Sämann

Saša Stanišić

Saša Stanišić wurde 1978 in ­Višegrad (im früheren Jugoslawien) geboren und flüchtete 1992 mit seinen Eltern nach Deutschland. Seine Erzählungen und Romane wurden in über 40 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Familie in Hamburg.

Ich war dieses Kind, und es war ein Deutschlehrer, der meinen ersten zaghaften Textversuchen auf Deutsch mit jener Frage begegnet ist. Er ermutigte mich, noch mehr zu erzählen – und auf Deutsch. Einem der Texte traute er sogar zu, dass er auch andere interessieren könnte. Er ließ dieses Gedicht in einer Deutschstunde lesen und interpretieren. Die Botschaft an mich lautete: Auch wenn dein Deutsch nicht gut ist, du hast etwas zu sagen.

Das Gedicht handelte von Heimatverlust und traurigen Ungewissheiten des Lebens in einem neuen Land – einem neuen Leben. Die deutsche Sprache war in diesen 45 Minuten, in denen Fatih aus der Türkei gut fand, wie sich nichts reimte, und Verena aus Dossenheim den Kontrast interessant zwischen dem Unvertrauten des Geflüchtetenalltags und dem ihr Vertrauten der Natur und Siavash erzählte, sein Onkel habe auch fliehen müssen, aus dem Iran – die deutsche Sprache war nicht mehr nur mein lahmes Kommunikationspferd, sondern machte, Lyrik geworden, sichtbar, wer ich war und was mir wichtig war, was mich beschäftigte.

Die Klasse sprach über den Jugoslawienkrieg und die Nöte der Geflüchteten, und ich, mittendrin, fühlte mich: vollständig. Als sei ich bis zu dem Augenblick jemand gewesen, dessen Leben mit magischer Tinte geschrieben worden war, und nun ließ ein Lehrer, ließ ein Gedicht, ließ Kunst, ließen meine Mitschüler die Schrift sichtbar werden.

Worte fürs Wichtige gefunden zu haben und jemanden, der meine Wortfindung begleitete, ermutigte mich, weiterzu­machen. Ich schrieb bald schon weniger über Krieg oder über unser prekäres Leben in Deutschland und mehr über Pubertät, Liebe und diese Dinge. Die sogenannte fremde Sprache, das Deutsche, wurde mir, Metapher für Metapher, weniger fremd. Etwas zu können, lässt es nicht mehr fremd sein.

Einen solchen Deutschlehrer in ihrem Leben gibt es ­für die wenigsten.

Es gibt ein Wort im Deutschen, es heißt: Sprachlosigkeit. Das Wort beschreibt die Unfähigkeit zu ­kommunizieren. Diese ist meist von kurzer Dauer; das Entsetzen legt sich, die Fassung wird wiedererlangt.

In den jugoslawischen Sprachen gibt es das Wort nicht, man behilft sich mit einer Phrase: nemam rije ˇ Ci – "Ich ­habe keine Worte". Ich glaube, das trifft die ­Situation vieler Geflüchteter besser, die in einer neuen Sprache und einem unbekannten Leben zurechtzukommen versuchen. Die Sprachlosigkeit ist nicht kurzfristiges Ringen um Worte, sondern ein Zustand.

Meine Mutter hatte dafür sogar ein eigenes Bild. Die Flucht und die erste Zeit in Deutschland hätten sich für sie angefühlt, als würde sie auf einer riesigen Brache stehen und rufen, aber nur diejenigen, die ebenfalls auf der Brache herumgeistern, könnten sie hören. Die anderen stünden außerhalb und reagierten nicht: die Deutschen. Die Brache – das Worte-nicht-Haben –, das war die zähe Erfahrung der Hilflosigkeit, dass kaum etwas von dem, was sie sagte, etwas bewirkte. Etwas leichter machte. Die Brache, sagte meine Mutter, war eine konstante Unwegsamkeit.

Die Sprachlosigkeit bedeutete, übersehen und übergangen zu werden, obwohl man sich Mühe gab und vorankommen wollte, auch nachdem man die Sprache gelernt hatte. Die anderen hatten keine Worte, weil sie zum Dialog nicht bereit waren.

"Die anderen hatten keine Worte, weil sie zum Dialog nicht bereit waren"

Wenig Sprache bedeutet wenig Teilhabe. Am Schaffen von Alltag, am Erschaffen von Kultur, an gesellschaftlichen Prozessen. Aber auch mit mehr Sprache braucht es jemanden, der zuhört und dir Chancen gewährt. Die Wohnsituation, der Aufenthalt, die Bildungsbedingungen und die berufliche Perspektive – viele Probleme der ­migrantisch prekären Lebenslagen werden nicht kleiner, nur weil man sie kommunizieren kann.

Es ist also wichtig, nicht nur Worte zu haben, sondern auch jemanden, der sich in deine Lage versetzen kann. ­Idealerweise jemanden, der das Leben auf der Brache kennt, sie bereits durchquert hat. Eine Dolmetscherin in der Geflüchtetenunterkunft, die sich erinnert, wie es sich für sie selbst angefühlt hat, keine Worte zu haben, ver­mittelt anders als jemand, der nur übersetzt (wobei man froh sein kann, wenn man überhaupt eine Dolmetscherin hat). In einem utopischen System ist Repräsentation in ­allen Lebensbereichen selbstverständlich – von Sozialarbeit über Behörden bis hin zu Politik und vor allem Kultur als einem Ort der Begegnung und Darstellung. Die Anliegen der "Brachenmenschen" werden dort nicht als ­Einzelfälle verhandelt, da sie von Beginn an strukturell berücksichtigt werden und mit mehr Geduld sowie Wohlwollen gegenüber Neuankömmlingen gerechter verhandelt.

Wer die Brache in der Mehrheitssprache erklären kann, hat sie meist schon verlassen. Der Weg ist lang, der Sprach­erwerb kein Selbstläufer, erst recht nicht in Stadtvierteln, in denen die Mehrheitssprache nicht in der Mehrheit ist.
Das freie, kreative Erzählen, so war es bei mir, kann während der Zeit des Spracherwerbs wie ein Ventil ­wirken, um Druck abzulassen und Sorgen oder auch Wut zu ­formulieren und gleichzeitig sprachlich selbstbewusster zu werden. Es beflügelt, Wörter zu finden für die Wörter im Kopf – für das Papier, für die anderen.

Saša Stanišić: Mein Unglück beginnt damit, dass der ­Stromkreis als Rechteck ­abgebildet wird. Eine Ermutigung. Luchterhand, 160 Seiten, 22 Euro.

Geschichten von Jugendlichen, die ich gelegentlich betreuen darf, erzählen vom Schulstress und Zukunftsangst, sie stellen Identitätsfragen, widmen sich der ­Selbstfindung. Scheitern ist ein geläufiges Unhappy End. Das gilt im Übrigen auch für Texte von Kindern ohne ­Migrationshintergrund.
Es wird aber auch viel geträumt, und manche ­Geschichte erzählt vom Glück. Vom Verlassen der Armut, vom plötzlichen Auftauchen des vermissten Vaters und auch vom gehaltenen Elfmeter im entscheidenden Spiel. Diese Stoffe lesen sich wie Fabeln mit menschlichen Protagonisten, denn sie handeln vom Siegen against all odds. Nur wird am Ende nicht der Drache niedergerungen, sondern eine deutsche Behörde.

"Das Glück verdanke ich nicht dem Zufall, sondern, einzelnen Menschen"

Saša Stanišić

All diese Geschichten sollten breiter gelesen werden, damit auch diejenigen aus ihnen etwas lernen können, die gerade für migrantische Jugend nur pauschale Vorurteile übrighaben. Die meisten werden aber die Außenwelt nie erreichen.

Andere werden gar nicht erst erzählt. Manche ­Erzähler abgeschoben, bevor sie überhaupt loserzählen können. Mir selbst wäre das beinahe widerfahren. Jetzt berichte ich – gegen ein Honorar! – vom unwahrscheinlichen Glück, dass das nicht der Fall war.

Das Glück verdanke ich nicht dem Zufall, sondern, dort, wo ich mit meinen eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten nicht weitergekommen wäre, einzelnen Menschen. Sie sorgten mit ihrem Einsatz dafür, dass Menschen in Not nicht Glück haben müssen, um zu etwas mehr Glück zu finden.

Eigentlich ist es einfach: Werden bedürftige Kinder und Jugendliche früh und nachhaltig gefördert, werden sie an Kulturangebote unkompliziert herangeführt und darin begleitet, selbst Kunst zu schaffen, so kann deren gesamte Bildungsbiografie positiv beeinflusst werden ­sowie ihr Verständnis für gesellschaftliche Prozesse und demokratische Werte gestärkt. Das weiß man und hat ­dafür trotzdem permanent "zu wenig Geld".

Es gibt kein Wort für alle Wörter.

Es gibt kein Wort für das Glänzen in den Augen eines dankbaren Kindes.
Kultur und Kunst sind nicht schmückendes Beiwerk, sondern Grundlage gesellschaftlicher Teilhabe. Gerade ­jenen Menschen, die oft unsichtbar bleiben, geben sie Sprache, Bilder und Räume, um sich und ihre Welt zu ­zeigen. Ein Theaterstück, ein Roman, ein Lied können hinter Türen schauen, die Politik und Bürokratie gern verschlossen halten. Alle Kulturpraktiken erschaffen ­hinter diesen Türen auch Orte der Begegnung, an denen das ­Eigene mit dem Anderen in Austausch treten kann. Das findet in Deutschland leider viel zu wenig statt – wir reden lieber übereinander statt miteinander.

Lesetipp: Konzerte und Theater für armutsbetroffene Menschen - so geht's mit der Initiative "Kulturtafel"

Ohne interkulturelle Dialoge führen wir Selbstge­sprä­che. Damit sich das ändert – damit jeder von uns, ­unabhängig von Herkunft, Religion oder Aufenthalts­status, gehört wird, müssen wir uns alle noch stärker dafür einsetzen, Strukturen und Orte zu schaffen, in denen die Geschichten einen Platz haben. Und wir müssen stets bereit sein, zuzuhören. Es gibt zwar kein Wort für alle Wörter, aber jede gehörte und verstandene Stimme ist eine Lücke weniger und macht diesen Satz vollständiger.

Infobox

Leseraktion ab 2. Januar 2026: Wer hat an dich geglaubt?

Der Deutschlehrer, der zum Schreiben motiviert hat. Die Leichtathletiktrainerin, die Talent geweckt hat. Die Oma, der Patenonkel, die Verständnis hatten. Mancher Erfolg wäre nie eingetreten, wenn nicht jemand ihn herausgekitzelt hätte.

Wie war das bei Ihnen? Wer hat an Sie geglaubt? Und können Sie davon etwas weitergeben?

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