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Wenn ich Kunst richtig schön finde, halte ich den Anblick nicht lange aus. Es überwältigt mich. Ich gehe dann aus dem Raum, atme durch und komme ein paar Minuten später wieder. Bei dem "Selbstbildnis mit roter Mütze" der Künstlerin Ottilie W. Roederstein habe ich das geschlagene fünf Mal gemacht. Immer wieder bin ich in den Saal zurück gedackelt. Die Museumsaufsichten müssen gedacht haben, es wäre Murmeltiertag. Die stechenden Augen auf dem Gemälde ließen mich einfach nicht los. Diese Frau gewinnt jedes Blickduell! Ihr linkes Auge, in dem sich das Licht bricht, ist unfassbar detailliert gemalt, es ist der perfekte Quadratzentimeter auf einer Leinwand. Wie kann es sein, dass viele Menschen von dieser großartigen Künstlerin noch nie gehört haben?
Ottilie W. Roederstein war Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts sehr erfolgreich und geriet danach in Vergessenheit. Sie war eine eigenwillige Künstlerin mit einem ungewöhnlich modernen Lebensstil. 1894 malte sie ihr "Selbstbildnis mit roter Mütze" und es war eine Ansage! Entschlossen schaut die Malerin aus dem Bild heraus wie eine Türsteherin, die sagt: "Sorry, heute nicht." Es ist das erste Selbstbildnis von Roederstein, das sie öffentlich zeigte. Heute befindet sich das Werk im Kunstmuseum Basel. Mit dem roten Barett auf ihrem Kopf spielt Roederstein auf Porträts alter Meister an. Zum Beispiel Rembrandt malte sich mit dieser Art Mütze, die schräger auf seinem Kopf saß als Caps bei Rappern in den 90ern. Roederstein reiht sich damit in die Kunstgeschichte ein, selbstbewusst betont sie ihren Status als eigenständige Künstlerin.
Das war zu dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit. Künstlerinnen wurde lange eine ernstzunehmende Fähigkeit abgesprochen. So schrieb der Kunstkritiker Karl Scheffler 1908: "Der Mann steigert seine Natur, wenn er Künstler wird, die Frau verrenkt sie." Das klingt, als würden Frauen beim Malen Twister spielen. Um ernsthaft künstlerisch tätig zu werden, brauchte es eine akademische Ausbildung. Davon waren Frauen in Deutschland bis 1919 ausgeschlossen. Auch das Aktstudium galt für Frauen lange als unschicklich. Dabei ist es enorm wichtig, den Körper komplett studieren zu können, wenn man ihn malen will. Stellt euch mal vor, ihr wollt einen Baum malen und seinen Aufbau verstehen, aber ihr dürft den Baum nur malen, wenn er voller Blätter ist. Die Royal Academy in London etwa ließ Künstlerinnen erst 1893 zum Aktzeichnen zu. Frauen durften nun endlich mitmachen, allerdings nur bis 17 Uhr. Danach hatte die Gleichberechtigung wieder Feierabend. Solche Benachteiligungen machten es für Frauen extrem schwierig, ihre künstlerischen Fähigkeiten voll zu entwickeln.
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Ottilie W. Roederstein wollte sich mit dieser Ungleichbehandlung nicht abfinden. Sie wurde 1859 in Zürich geboren und lebte nach einer Zwischenstation in Berlin zeitweise im weltoffenen Paris. Hier ging sie trotz der gesellschaftlichen Vorbehalte dem Aktstudium nach. 1885 lernte sie ihre Lebensgefährtin Elisabeth Winterhalter kennen, mit der sie bis zu ihrem Tod zusammenblieb. Beide Frauen machten zusammen Bergtouren, teils über 3000 Meter. Das Bergsteigen war damals eine absolute Männerdomäne, Frauen waren hier nicht vorgesehen. Aber auch in diesem Bereich setzte sich Roederstein gegen gesellschaftliche Konventionen durch, denn sie wollte nicht nur in der Kunst hoch hinaus.
Jakob Schwerdtfeger ist Kunsthistoriker und Comedian. Alle Auftritte unter www.jakob-schwerdtfeger.com