Ein Permakulturfeld inmitten von Äckern: In seinem Buch "Letzter Ausweg: Permakultur" zeigt Jonas Gampe Alternativen für die Landwirtschaft
In seinem Buch "Letzter Ausweg: Permakultur" zeigt Jonas Gampe Alternativen für die Landwirtschaft
Löwenzahn Verlag
Bauernproteste
Ist Permakultur die bessere Landwirtschaft?
Landwirte sind am Limit und protestieren gegen die Missstände in Politik und Nahrungsmittelwirtschaft. Jonas Gampe betreibt in Franken einen Schauhof für Permakultur. Er will zeigen, dass diese Art der Bewirtschaftung die Lösung für die Krise der Landwirtschaft sein kann
01.02.2024
6Min

Herr Gampe, was ist der Unterschied zwischen konventioneller Landwirtschaft und Permakultur?

Jonas Gampe: In der Permakultur orientieren wir uns so weit wie möglich an der Natur: Wir setzen Feldhecken, Baumreihen und Streuobst zwischen die Anbauflächen und versuchen, alles so zu kombinieren, dass unsere Felder zugleich Ertrag und die Leistungen eines funktionierenden Ökosystems erbringen: Wind bremsen, Klima mäßigen, Wasser speichern, reinigen und versickern lassen, Kohlenstoff binden, Humus aufbauen, Biodiversität fördern. Also ganz anders als die großflächigen Monokulturen in der konventionellen Landwirtschaft, aber auch in vielen Biobetrieben.

privat

Jonas Gampe

Jonas Gampe ist diplomierter Techniker im Garten- und Landschaftsbau und Permakulturdesigner. Er betreibt im fränkischen Taubertal den Permakultur-Schauhof Agrarbiotope, in Bischbrunn bei Marktheidenfeld einen Permakultur-Park sowie ein Beratungsbüro. Außerdem engagiert er sich in mehreren Vereinen wie dem Agrarwende e. V. und dem Verein Permakultur Institut. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Letzter Ausweg: Permakultur.".

Das klingt, als würde Fläche verloren gehen ...

Im Gegenteil. Mit Hecken und Bäumen, die "essbar" oder für die Holz- und Energiegewinnung nutzbar sind, gehen wir auch in die Höhe und nutzen den Raum sogar besser aus. Und so sind das Getreide oder Gemüse besser gegen Hitze, Trockenheit, Stürme, Hagelschäden oder Nährstoffmangel geschützt. Beides sind großenteils einjährige, anspruchsvolle Pflanzengruppen, die viele Nährstoffe brauchen.

Die Vorteile der Permakultur sind …?

Permakultur ist ein essbares Ökosystem, das sich selbst regeneriert. Sie ist langfristig stabil und erbringt höheren Ertrag und mehr Einnahmen, bei durchschnittlich geringerem Aufwand. Es sind weniger Maschinen nötig und man braucht weder künstlichen Dünger noch Pestizide.

Lesen Sie hier: Warum Bauern und Landwirte in Deutschland protestieren

Wie schafft man das?

Die Nährstoffe werden aus dem Ökosystem generiert, vor allem durch das Laub und Holz, das die Bäume und Sträucher abwerfen. Aber wir nutzen je nach Situation auch Techniken wie das Heubeet, bei denen Heu das angebaute Gemüse schützt und mit Nährstoffen versorgt, oder Mischkulturen aus Pflanzen, die sich gegenseitig stärken. Unsere Art des Anbaus fördert eine sehr hohe Artenvielfalt, durch die sich das System selbst reguliert. Dadurch kann man auf Pflanzenschutzmittel verzichten. Und weil man viel standortgerechter plant, ist weniger Aufwand nötig. Je nach Betrieb liegen die Ausgaben für Maschinen durchschnittlich nur bei zehn bis zwanzig Prozent von denen konventioneller Betriebe.

Warum sattelt dann kaum jemand um?

In den klassischen Ausbildungsgängen gibt es keine Berührung mit Alternativen. Die meisten Landwirte haben kaum Ahnung von den Tausenden nutzbaren Pflanzenarten, die möglich wären, sondern nur von den fünf bis zehn typischen Kulturen wie Weizen, Mais, Raps und Zuckerrübe. Bei laufendem Betrieb umzusteigen, ist dann anstrengend: Die Landwirte müssen selbst aktiv werden, Infos suchen und experimentieren, sofern sie keine Berater finden. In Deutschland gibt es kaum Betriebe, an denen man das lernen kann. Dazu kommt starker Lobbyismus. Der Bauernverband hört das Wort "Agrarwende" nicht gern, versucht, Vorstöße in die Richtung eher zu unterbinden. Davon profitieren die, die an Maschinen, Dünger und Pflanzenschutzmitteln verdienen.

Worauf muss man achten, wenn man Permakultur betreiben möchte?

Vor allem muss man zuerst den Standort gut untersuchen, planen und gestalten: Wie ist der Boden beschaffen? Ist er eher feucht oder trocken, sandig oder lehmig? Welches Klima herrscht vor? Welche Pflanzen und welches System passen? Das führt schnell weiter: Was und für wen produziere ich überhaupt? Wie vermarkte ich? Welchen Vertriebsweg wähle ich? In der Landwirtschaft sind die letzteren Fragen in der Betriebsplanung nicht Standard. Daher rühren auch viele der Probleme.

Inwiefern?

Angehende Landwirte lernen Strategien, die oft nur in großen Betrieben noch effizient funktionieren: mit großen Maschinen auf großen Flächen viel Masse generieren, um die niedrigen Marktpreise auszugleichen. Aber das lässt sich auf Betriebe mit kleineren Flächen nicht übertragen: Im Großbetrieb läuft der riesige Traktor vielleicht 3000 Betriebsstunden pro Jahr– in einer kleinen Landwirtschaft nur 50.

Sie meinen, auch die großen Betriebe sind zum Scheitern verurteilt?

Die Kosten für Sprit haben sich verdoppelt, für den Phosphatdünger nicht zuletzt seit dem Krieg in der Ukraine vervielfacht. Die Böden sind ausgelaugt. Die Betriebe sind von Subventionen abhängig und jede Veränderung des Fördersystems oder der Politik wird zur Bedrängnis. Das System ist in sich nicht rentabel.

Permakultur kann auf diese Probleme eine Antwort sein?

Wenn wir mit unserem Beratungsbüro landwirtschaftliche Projekte begleiten, haben wir den Anspruch, dass sie eigenständig funktionieren – auch weil Permakultur nicht gefördert wird. Wir überlegen nachhaltige Möglichkeiten einer direkteren und regionaleren Vermarktung mit entsprechenden Gewinnen.

... Das heißt: zu teuren Biopreisen für die Verbraucher.

Gar nicht! In der üblichen Wertschöpfungskette erhalten Landwirte nur einen Bruchteil vom Endpreis. Der Rest landet bei den Händlern und unter anderem im Transport und der Lagerung. Wir streben langfristige Kooperationen mit viel kürzeren Wertschöpfungsketten an. Dadurch sind die Preise für die Verbraucher oft sogar niedriger – aber die Gewinnbeteiligung für den Landwirt um 300 bis 700 Prozent höher. Das Ökosystem unseres Agrarbiotopehofs im Taubertal zum Beispiel ist so beschaffen, dass er deutlich geringere Mengen produziert als Betriebe, die Großhändler für den Weltmarkt beliefern. Statt zwei Kulturen haben wir dafür hundert. Das passt zur Nachfrage in der Region. Wir vertreiben unter anderem Abokisten – und die sind ausgebucht. Wir müssen mehr selbst organisieren, nehmen aber auch hundert Prozent der Wertschöpfungskette mit.

Dann müsste jeder Landwirt auch Händler und Transportunternehmer werden?

Ein häufiger Einwand. Aber das muss nicht sein. Es hängt von den Gegebenheiten vor Ort ab. Kleine, regionale Kooperationen können sinnvoller sein. In solidarischen Landwirtschaften initiieren das sogar die Verbraucher als Interessengruppe. Oder regionale Händler. In der Permakultur gibt es kein Schema F, das gilt für alle Bereiche.

Die aktuellen Bauernproteste haben gezeigt, wie groß der Unmut mit der Gesamtsituation ist. Wie ist Ihr Blick darauf?

Mit politischen Vertretern zusammenzuarbeiten, ist so wenig zielführend, dass wir es gar nicht mehr machen. In der Permakultur planen wir Systeme, die 100 Jahre lang tragen. Regierungen konzentrieren sich auf Lösungen, die kaum länger halten als die Legislaturperiode. Es gäbe Tausende Verbesserungsmöglichkeiten.

Was wären die zwei wichtigsten?

Erstens: Fördersysteme grundsätzlich vereinfachen und sinnhafter gestalten. Wegen eines kleinen Formfehlers ringen wir zum Beispiel seit zwei Jahren um einen Zuschuss für eine Hackschnitzelheizung, der uns schon zugesagt war. Das Fördervolumen betrug 30.000 Euro. Jemand, der darauf wirklich angewiesen wäre, würde sich allein durch die mehrjährige Wartezeit existenzbedrohend verschulden. Zweitens: Das Fachwissen in Politik und Behörden ist gering. Das macht Entscheidungen anfällig für Lobbyismus.

Ihre Agrarbiotope sollen als Schaubetrieb beweisen, dass Permakultur im großen Rahmen eine ernsthafte Alternative ist.

Ja. Wir zeigen bewusst verschiedene Modelle. Von aktuell zwölf Hektar nutzen wir einen halben sehr intensiv mit Nuss- und Obstbäumen, Beeren, Kräutern und Gemüse – dafür ist eine Arbeitskraft nötig. Auf die übrige Fläche verteilen sich Waldgartenkonzepte, die ausschließlich aus essbaren Bäumen und Sträuchern bestehen, Agroforstsysteme mit Getreidefeldern und Wiesen für Tierhaltung, in unserem Fall Hühner. Dazu: Forstwirtschaft, die fit für den Klimawandel ist. Wir haben trockene Südhänge, schattige Nordhänge und ebene Höhenlagen, so dass wir künftig sogar verschiedene Klimabereiche aufzeigen können.

Ich bin Landwirt und will umzusteigen. Die Felder sind analysiert, die Planung ist gemacht. Wie geht es weiter? Wie lange dauert der Prozess?

Das kommt auf den Plan und die Geldmittel an. Bei Agroforstsystemen, in denen wir Getreide mit Baumreihen kombinieren, kann der Umstieg in einem Jahr passieren. Er kann sich aber auch zehn bis zwanzig Jahre hinziehen, indem man jedes Jahr einen Hektar umstellt. Wir haben bisher mehr als 300 Projekte begleitet, davon etwa 50 gewerbliche. Ich kann sagen: Eine Lösung gibt es für alle.

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