Simulationsspiele
Mein Traktor, mein Flugzeug, meine Stadt
Der "Landwirtschaftssimulator 2022" liegt im Trend. In Zeiten von Bauernprotesten kann das Computerspiel verdeutlichen, wie wichtig die Landwirtschaft für unsere Gesellschaft ist. Der Youtuber Ansgar Blauth will mit dem Spiel für die Landwirtschaft sensibilisieren
Beim Landwirtschaftssimulator entscheidet der Spieler, welche Maschinen er kauft und was er sät. Beliebt ist, was bekannt ist
GIANTS Software
Tim Wegner
02.02.2024
6Min

Ansgar Blauth fährt mit seinem Mähaufbereiter weite Bahnen. Ein 15 Tonnen schweres Ungetüm, das mit abgesenkten Mähwerken tiefe Furchen in das Gras schneidet. Am Ende der Bahn lässt Blauth die Mäharme mit einem Tastendruck hochfahren, wendet die Maschine, und bewegt die Mäharme wieder hinab. So geht das Runde um Runde, während sich immer neue Grassilage-Streifen auf dem Feld auftürmen. Die Szene stammt aus Blauths Serie zum "Landwirtschaftssimulator 2022" (LS22), die der 26-Jährige auf seinem Youtube-Kanal "NPLAY" veröffentlicht.

Andreas Blauth

Ansgar Blauth

Ansgar Blauth hat nach seinem sozialwissenschaftlichen Studium einen unüblichen Schritt gemacht: Er wurde Youtuber. Auf seinem Youtube-Kanal "NPLAY" lädt er Videos zum "Landwirtschaftssimulator 2022" und anderen Simulationsspielen hoch. Blauth produziert auch Videos in der echten Welt: Auf seiner "Treckertour" besucht er landwirtschaftliche Betriebe mit einem großen Traktor. Vor Ort packt er kräftig mit an. Anfang Februar 2024 folgen Blauths Kanal über 530.000 Menschen.

Der LS22 ist ein klassisches Simulationsspiel. Diese Spiele wollen die reale Welt möglichst detailgetreu abbilden und Einblicke in bestimmte Berufe oder Tätigkeiten ermöglichen. Spieler können Polizeiuniform anlegen, in die Haut eines Bierbrauers schlüpfen, die Welt aus der Sicht einer Ziege erkunden oder sich im Satirespiel "BER Bausimulator" als erfolgloser Bauherr des Berliner Flughafens versuchen. Daneben gibt es komplexere Städtebauspiele wie "Cities: Skylines 2", in denen Spieler die Versorgung mit Strom, Wasser und den Aufbau von Verkehrsnetzen managen und sich um soziale Aspekte wie Bildung und den Kampf gegen Armut und Kriminalität kümmern.

Simulationsspiele sind beliebt. Ihr Absatz hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, allein der Landwirtschaftssimulator wurde laut Hersteller 30 Millionen Mal verkauft. Was macht den Reiz solcher Spiele aus? Und wie realistisch sind die simulierten Welten?

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Ansgar Blauth kann dazu viel sagen. Er beschäftigt sich seit Jahren mit Simulationsspielen, hat sie sogar zu seinem Beruf als Youtuber gemacht. Als Kind war Blauth fasziniert von großen Lkws, von Bussen und Bahnen. "Damals habe ich davon geträumt, all diese Fahrzeuge einmal zu steuern." Als Jugendlicher erfüllte er sich seinen Traum mit Simulationen von Baumaschinen und der Flughafenfeuerwehr sowie mit dem Landwirtschaftssimulator.

Ansgar Blauth steuert Trecker, Bagger und Züge: dank Simulationsspielen hat er die Auswahl

Blauth fing an, Videos von seinen virtuellen Fahrten zu machen. Mit immer größerem Erfolg. Heute folgen ihm rund 530.000 Menschen auf Youtube. Er investiert viel Zeit in die Planung und Bearbeitung seiner Videos und weiß, was bei seinen Zuschauern ankommt. "Spieler mögen Simulationsspiele, zu denen sie einen persönlichen Bezug haben. Wenn ich ein Video über einen U-Bahn-Simulator aus New York mache, schauen sich das wesentlich weniger Menschen an, als wenn ich ein Video über einen U-Bahn-Simulator aus Hamburg bringe", sagt er. Das zeige sich auch beim Landwirtschaftssimulator: Die in Deutschland am meisten verkauften Traktormarken würden besonders häufig im Simulator genutzt. Und die Grassilage-Ernte, eine der klassischen Feldarbeiten in Deutschland, sei unter den Spielern besonders beliebt.

"Für viele ist es so, dass Milch, Fleisch und Brot einfach aus dem Supermarkt kommen"

In den meisten Videos ist Blauth beim Spielen des LS22 zu sehen. Er habe darüber seine Begeisterung für die Landwirtschaft entwickelt, sagt er. Aber eine Ausbildung zum echten Landwirt sei für ihn nie infrage gekommen. Denn als Youtuber braucht er sich nicht auf eine Branche festzulegen. Zwischendurch stellt er in Videos Bus- und Straßenbahn-Simulatoren oder den "Autobahnpolizei-Simulator 3" vor. Statt nur Trecker zu fahren, kann Blauth so in alle möglichen Fahrzeuge einsteigen – teils auch in echt. In manchen Videos fährt er auf einer Baustelle echte Muldenkipper und Bagger oder steuert einen Regionalzug – oft auf Einladung von Firmen, die Blauths Popularität im Netz für Werbezwecke nutzen.

Wer in LS22 in die Rolle des Bauers schlüpft, kann viel über Produktionsketten lernen. Ein Bauernprotest wegen gestrichener Subventionen ist nicht vorgesehen

Vielleicht ist ihm die richtige Landwirtschaft aber auch einfach zu mühsam. Die hat Blauth inzwischen auf seiner jährlichen "Treckertour" kennengelernt. Für das Format, das aus seinen LS22-Videos entstanden ist, hat er extra einen Lkw-Führerschein gemacht. In den Videos fährt er mit einem Traktor durch Deutschland und besucht verschiedene Landwirtschaftsbetriebe.

Einige der Höfe, die Blauth auf seiner Tour besucht, gehören Zuschauern seiner LS22-Videos. Vor Ort macht er sich beim Ackerbestellen die Hände schmutzig, diskutiert mit einem Weinbauer über die Merkmale einer gesunden Rebe oder fährt – genau wie im Simulator – mit dem Mähaufbereiter über das Feld und schneidet Gras. In den Videos berichten Landwirte aus ihrem Alltag. Kritische Themen wie die existenzielle Bedrohung durch den Klimawandel oder wegfallende Agrarsubventionen kommen dabei nicht zur Sprache. Spaß und die Arbeit mit Maschinen sollen im Vordergrund stehen. Ansgar möchte Verständnis für die Branche wecken und zeigen, dass hinter einfachen Waren oft komplexe und teure Produktionsketten stecken. "Für viele ist es so, dass Milch, Fleisch und Brot einfach aus dem Supermarkt kommen", sagt er.

Auf Blauths virtueller Farm ist das Grasfeld mittlerweile fertig gemäht. Mit Traktor und Ladewagen fährt Blauth die Spuren des Mähaufbereiters nach und nimmt die Grassilage-Streifen auf. Über einen zuvor am Ladewagen installierten Tank führt er dem frisch aufgenommenen Felderzeugnis Siliermittel zu. So kann er den Grassilage-Ertrag erhöhen. Mehrere Fuhren muss Blauth machen, bis er alles auf seinem Hof in ein offenes Keilsilo verfrachtet hat. Die Grassilage soll als Brennstoff für eine Biogasanlage dienen, die der Youtuber in einer späteren Folge bauen wird.

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Giants Software, das Studio hinter dem Landwirtschaftssimulator, brachte 2008 den ersten Teil der LS-Reihe heraus: "Damals waren Simulationsspiele noch eine Nische", sagt Martin Rabl, Head of Marketing & PR bei Giants Software. "Die Idee war, dass wir dem Spieler mit einer frei erkundbaren und dreidimensionalen Welt größtmögliche Freiheit bieten." Dieses Feature macht auch heute noch den Landwirtschaftssimulator aus. Der Spieler allein entscheidet, welche Felder beackert und welche Saat ausgebracht wird, welche Maschinen gekauft werden und in welche Produktionsketten er investieren möchte. "Das hat den Nerv der Zeit getroffen", sagt Rabl.

Die negativen Seiten der Landwirtschaft werden dabei bewusst ausgeblendet: "Die Realität ist oft stressig und von Rückschlägen geprägt", sagt Rabl. "Trifft ein Landwirt eine falsche Entscheidung, können daran Existenzen zerbrechen." Die moderne Landwirtschaft ist von Trockenperioden und Dürren geprägt, die Branche befindet sich im Konkurrenzkampf. Im Spiel floriert der eigene Betrieb hingegen schnell, es gibt genügend Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten. Preisdumping und Ernteausfälle kommen nicht vor. "Der LS22 ist kalkulierbarer als die echte Welt", sagt Rabl. "Es macht Spaß zu sehen, wie der eigene Hof wächst und gedeiht."

Kalkulierbarer als die echte Welt: in "Cities: Skylines 2" geht es um Bildung, Kriminalitätsbekämpfung, Müllabfuhr und Wachstum. Klimawandel und Wirtschaftskrisen kommen nicht vor

Bei anderen Simulationsspielen sei das ähnlich: "In ‚Cities: Skylines‘ besteht die Herausforderung darin, dass deine Stadt immer größer wird." Globale Krisen, der Niedergang von ganzen Wirtschaftsstandorten kämen in der Städtebausimulation nicht vor. "Stell dir das vor: Unternehmen und Einwohner flüchten aus deiner Stadt und du hast keine Möglichkeit, etwas dagegen zu unternehmen – das würde doch keinen Spaß machen", sagt Rabl.

Je größer der Hof im Landwirtschaftssimulator wird, desto weniger Zeit bleibt dem Spieler letztlich für die eigentliche Feldarbeit. Immer neue Produktionsketten wollen erschlossen, neue Fahrzeuge und Gerätschaften angeschafft werden. Weil das irgendwann zu viel Aufwand für eine einzige Person wird, lassen sich im LS22 Mitarbeiter einstellen. Mit zunehmender Spielzeit rücken so Feld- und Erntearbeiten in den Hintergrund, während das Management des eigenen Hofes immer komplexer wird. Manch ein Landwirt eines großen virtuellen Betriebs macht sich aber dennoch gern hin und wieder virtuell die Hände schmutzig und steigt in den Mähaufbereiter, auch wenn er es eigentlich nicht mehr müsste – das ist dann Simulationsromantik pur.

Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe 2/2024 des "JS-Magazins", dem evangelischen Magazin für junge Soldaten und Soldatinnen.

Infobox

Die Entwickler des "Microsoft Flight Simulator 2020" (MSFS20), der dieses Jahr mit dem MSFS24 einen Nachfolger bekommt, haben sich viel Mühe gegeben: Die mit Satellitenbildern und Künstlicher Intelligenz generierte Spielwelt entspricht einem Modell der Erde im Maßstab eins zu eins. Jeder Berg und Wald, jede Stadt und Straße auf der Erde sind im MSFS20 zu finden. Auch das Wetter wird auf Grundlage von meteorologischen Daten in Echtzeit simuliert. Selbst Piloten nutzen das Spiel, um ihre Lieblingsrouten unter verblüffend echten Bedingungen nachzufliegen. Der virtuelle Flug von Frankfurt nach New York dauert wie in echt über acht Stunden.

Funktionale Cockpits für unterschiedliche Flugzeugmarken zu entwickeln, war dabei besonders schwierig. In den Cockpits der Maschinen kann man sich in der "First Person"-Perspektive frei bewegen. Jeder Knopf, jedes Display und jede Lampe ist detailgetreu platziert. Doch auch im MSFS20 sind der Realität Grenzen gesetzt. Einige Schaltflächen sind nicht funktional, etwa die zur Einstellung des Kabinendrucks oder die für Anschnallhinweise. Der Bordcomputer des Airbus-Passagierflugzeugs A320 hat im Spiel zwar viele realistische Funktionen, kommt aber nicht ganz an das Original heran. Welche Unterschiede es zwischen der Simulation und der Realität genau gibt, hat unter anderem der Youtube-Kanal "AeroNewsGermany" gezeigt, der von einem Piloten einer großen deutschen Fluglinie geführt wird.

Der MSFS20 ist so komplex, dass Anfänger nicht umhinkommen, die vielen Flugunterstützungen zu nutzen, die das Spiel bietet. So übernimmt es zum Beispiel automatisch die Kommunikation mit Fluglotsen, bereitet das Flugzeug zum Starten und Landen vor und steuert die Schubregelung. Es gibt auch ein umfangreiches Tutorial, das Spieler während verschiedener Missionen in die Kunst der Luftfahrt einführt. Der Lernerfolg zeigt sich dadurch, dass Spieler immer weniger Unterstützung benötigen.

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