- Anmelden, um Kommentare verfassen zu können
Zitieren, imitieren, klauen. Bekanntes aufgreifen, neu zusammensetzen, weiterentwickeln und aneignen. Das alles ist schon immer dem Wesen der Popmusik eingeschrieben. Das macht sie oft so unterhaltsam und prägt ihre Historie. Besonders augenfällig wird das bei diesen drei Alben, die gleichsam im Keller und auf dem Dachboden der Popgeschichte gewühlt und aus den angestaubten Fundstücken glitzernde neue Preziosen gemacht haben.
Der 23-jährige Amerikaner Aron Stornaiuolo nennt sich ganz hypermodern "aron!" – mit Ausrufezeichen. Trotz seines jungen Alters kennt er sich aber bereits gut aus mit den alten Meisterwerken des Great American Songbook, das die Jazz- und Roots-Standards der nordamerikanischen Kompositionskunst beheimatet.
Aber nicht nur das: Geboren und aufgewachsen in Charlotte, North Carolina, bekam der kleine Aron schon früh klassischen Gitarrenunterricht. Später dann studierte er Komposition an der University of North Carolina School of the Arts und tauchte in die musikalischen Welten von Bach, Chopin und Ravel ein.
Als Nächstes nahm er sich das Klavier vor, und schließlich ging es an die University of Miami, wo er Jazzgesang und Filmmusik studierte. Das Besondere: Diese Ausbildung samt Fundstücken von Bach bis Bacharach und Bolero bis Moon River ist bis heute in seinen Songs hörbar. Die klingen nach Jazz, Lounge und Indie-Pop, sind entspannt, catchy und federleicht – perfekte Pop-Kabinettstückchen, warm und eingängig, frech und freundlich!
Das Publikum wurde über Social Media aufmerksam
Etwas Besseres lässt sich zurzeit für die Kopfhörer in der Hängematte zum Mojito wohl kaum finden. Seine Plattenfirma schreibt, dieses Debütalbum "Too Close For Running" sei ein Werk, das "die Tradition klassischer Popsongs mit der Ästhetik einer neuen Generation" verbinde. Und diese Plattenfirma ist keine Geringere als das altehrwürdige Jazz-Label "Verve".
Wenn von Vorbildern die Rede ist, fallen Namen wie Cole Porter, Randy Newman, aber auch Brian Wilson oder Lennon/McCartney. Allerdings verharrt der junge Songwriter niemals in der Nostalgie, sondern übersetzt die überlieferten Einflüsse eben in eine moderne musikalische Sprache, ganz so wie geistesverwandte Künstlerinnen wie zum Beispiel Laufey, Mei Semones, Eloise, Tom Misch oder auch Norah Jones.
Folgerichtig kam der Erfolg auch nicht auf dem herkömmlichen Weg über klassische Medien und kleine Clubs. Vielmehr wurde das Publikum über Social Media auf aron! aufmerksam. Mit kurzen Performance-Videos eigener und fremder Songs auf Gitarre und Klavier erspielte er sich auf TikTok und Instagram Millionen von Views – Fundstücke eben, die sich über die Kanäle der sozialen Medien weiterverbreiteten.
Und auch die Texte funktionieren wie kleine Fundstücke aus dem Alltag: Es geht um Socken oder eine Tischreservierung - Beziehungsgeschichten, Beobachtungen und Ähnliches. Am Prägnantesten hat die Qualitäten von aron! vielleicht sein berühmter – und von ihm schwer beeindruckter – Musikerkollege John Mayer zusammengefasst: "Es ist einfach schön, Musik von einem Typen zu hören, der nicht nur eine Menge Akkorde kennt, sondern auch weiß, wie man sie zu einer Melodie formt."
"Too Close For Running" von aron! bei Spotify anhören
Neuentdeckung des Banjo
Kurt Wagner stammt aus Nashville und arbeitete früher als Parkettleger. Irgendwann ging dem notorischen Träger von Trucker-Caps und Kassengestell-Brillen die traditionelle Country & Western Music, deren Mekka und musikindustrielles Zentrum seine Heimatstadt Nashville war und ist, gehörig auf die Nerven. Vor allem der Hang zum starken Konservatismus bei Protagonist*innen wie Publikum widerstrebte ihm.
Also startete er mit seiner Band Lambchop ein Gegenmodell und versuchte sich in "Alternative Country". Sparsame, fast minimalistische Instrumentierungen, jazzige Harmonien, sehr zurückgenommene, fast zeitlupenhafte Songlinien, dabei aber extrem ausgefuchste Arrangements des bis zu 18-köpfigen Musikerkollektivs und natürlich Wagners charakteristischer, rauer, oft in rezitatives Sprechen fließender Gesang und seine sophisticated lyrics prägten in den ersten Jahren den Stil der Band.
Später wurde zuerst mit Soul-Einflüssen, dann immer mehr mit Elektronik, Drumcomputer-Beats, Autotune und sich auflösenden Songstrukturen experimentiert. Erklärtes Ziel von Texter, Komponist und Mastermind Kurt Wagner und Lambchop: sich immer wieder neu erfinden.
Genau das ist ihm mit seinem neuen Album wohl am allerbesten gelungen. Das Schema, aus Altem etwas Neues zu entwickeln, wird hier auf die Spitze getrieben, inspiriert von einem Fundstück. Die Geschichte geht so: Vor zwei Jahren fuhr Wagner zu einer Tankstelle. Im Autoradio lief da ein alter Song, der ihn begeisterte. "Ein simples Lied", sagt er, "ein Banjo hielt einen einzigen Akkord, dazu sangen ein paar Stimmen. Atemberaubend. Wunderschön."
Ein paar Tage lang versuchte er herauszufinden, was das für ein Stück war. Ohne Erfolg. Dabei aber kam er einer Musik auf die Spur, die längst vergessen ist, bis heute aber einen großen Einfluss auf Country und Folk in den USA hat: Er stieß auf die Liedform des "Lining out", entstanden in britischen Kirchen des 19. Jahrhunderts. Ein Vorsänger, "Clerk" genannt, gab eine Melodie und einen Text vor, die Gemeinde wiederholte das. Durch Auswanderer gelangte dies in die USA und floss in Musikströmungen wie Gospel, Country, Folk und vor allem auch Bluegrass ein.
Für Kurt Wagner stand fest: Die nächste Neuerfindung von Lambchop sollte den Geist dieser Musik aufgreifen. Es brauchte also zuerst einmal ein Banjo. "Ich bin kein großer Fan dieses Instruments", gibt Wagner zu. Alleine schon die große Rolle, die es in der herkömmlichen Country Music spielt, ließ ihn bislang Abstand halten. Und trotzdem versuchte er, sich damit anzufreunden: "Denn wenn man es sich zugesteht, die eigenen Vorurteile zu überwinden, wird man dadurch belohnt, neue Facetten zu entdecken." Gesagt, getan.
Wagner fragte dazu allerdings nicht irgendjemanden an, sondern ausgerechnet Justin Vernon von Bon Iver - einen ähnlichen Nerd, wie er selbst einer ist. Und der sagte sofort zu. Die Gemeinde schließlich wird von einem Chor, besser gesagt von zwei Chören ersetzt. Zu hören sind auf dem Album mit dem schönen Namen "Punching The Clown" zwei Ensembles - eines aus Eau Claire, Wisconsin, mit sechs Stimmen, eines aus London mit zwölf. Diese singen allerdings nicht im Hintergrund, sondern sind beständig im Dialog mit Kurt Wagners Stimme und einander.
Was mit diesem reduzierten Setting (Banjo, zwei Chöre, hier und da Gitarre oder Piano und absichtliche Störgeräusche) herauskommt, klingt dermaßen opulent, betörend, verstörend und überwältigend, dass man sich dem emotionalen Sog kaum entziehen kann. Und obwohl sie eigentlich auf einem derart alten Fundstück beruht, klingt diese Musik vollkommen neuartig und doch irgendwie vertraut. Neuerfindung geglückt!
"Punching The Clown" von Lambchop auf Spotify anhören
Im Fundbüro
Auch Tokunbo Akinro hat sich auf die Suche begeben. Zuerst einmal nach besonderen Orten, um ihre Songs zu schreiben. Das hat bei ihr schon Tradition. Die Stücke für ihr neues Album sind zum Beispiel in einem Baumhaus und einem Zimmer mit Meerblick an der Nordsee entstanden. Orte, an denen die Singer-Songwriterin der Natur begegnen und sich so in ihr Schreiben versenken kann.
Doch sie hat noch mehr gefunden: einzelne Puzzleteile ihres Lebens mit all seinen Gegensätzen, die sich doch zu einem Ganzen zusammenfügen. Erinnerungen und Erzählungen. Dabei geht es zum Beispiel um kulturelle Zerrissenheit. Bis zu ihrem zehnten Lebensjahr wuchs die Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers im Heimatland ihres Vaters auf, bevor sie mit ihren Eltern nach Deutschland zog und schließlich einige Jahre später bei einem einjährigen Gastaufhalt in den USA eine weitere geliebte Familie fand.
Aber es geht auch um sozialkritische Beobachtungen anhand ihrer eigenen Biografie. Zum Beispiel die gesellschaftliche Benachteiligung von Frauen oder die bange Frage nach der Zukunft, die drängender wird, seit Tokunbo Mutter ist. "Sie klopft mit Freude an die Tür des Fundbüros des Lebens", schreibt ihre Plattenfirma zum neuen Album der studierten Musikerin. Und ganz folgerichtig heißt das Werk auch "Lost & Found", was eben auch "Fundbüro" bedeutet.
Anders als im Deutschen beinhaltet der englische Begriff aber auch das Verlieren, was ihn als Metapher für das Leben noch interessanter macht. So geht es in einem der neuen Songs auch um Tokunbos verstorbenen Vater.
Ihre Fundstücke sind wertvolle Gedanken und Erlebnisse, die wie Strandgut angespült werden und darauf warten, aufgesammelt zu werden. Und Erkenntnisse - zum Beispiel, was die eigene Identität ausmacht. Die wird natürlich auch geprägt durch ihre bisherige Karriere – unter anderem die 15 Jahre als Sängerin der erfolgreichen Band "Tok Tok Tok". Oder ihre bisherigen Soloalben, das letzte davon der Corona-Pandemie abgerungen und trotzig "Golden Days" benannt.
Alle diese Fundstücke verdichtet Tokunbo zu poetischen, schimmernden Pop-Perlen. "Folk Noir" nennt sie selbst ihren Musikstil, diese Mischung aus Jazz, Soul, Folk und Pop. Im Mittelpunkt immer ihre dunkle Stimme und meist akustische Gitarren, ergänzt durch eine Reihe anderer akustischer Instrumente wie Piano, Kontrabass, Ukulele, Violine, Cello oder Vibrafon. Dazu assoziative Texte und diese ruhige, entspannte und doch konzentrierte Stimmung mit einem Hauch von Melancholie.
"Lost & Found" von TOKUNBO auf Spotify anhören
Das Gefühl beim Hören dieser Stücke ist tatsächlich ein bisschen vergleichbar dem beim Anschauen alter Polaroid-Fotos, die man gerade in einer verstaubten Kiste wiedergefunden hat und bei denen man sich freut, dass die Farben zwar blass, aber immer noch lebendig sind.
Drei Alben voller akustischer Fundstücke also, die zwar auf den ersten Blick nostalgisch anmuten mögen - aber gar nicht matt oder altbacken sind, sondern frisch funkeln wie ein kleiner Schatz.




