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Hätten Sie gedacht, dass der zweitgrößte und neueste Hindu-Tempel ausgerechnet in einer Kleinstadt im Osten der USA steht? Ich wusste es nicht, bis wir ihn vor vier Wochen besucht haben.
Von Princeton, wohin wir gereist waren, ist es nur eine halbe Stunde Autofahrt, bis man nach Robinsville kommt. Dort begrüßt einen zuerst ein weitläufiger Parkplatz, was für die USA noch nichts Ungewöhnliches ist. Dann aber standen wir von einer 15 Meter hohen, goldenen Statue. Sie stellt einen jungen Mann dar, der auf einem Bein meditiert. Riesig geht es weiter und wird immer riesiger. Ein breites Wasserbecken mit Fontänen war zu umgehen, bis wir ins Besucherzentrum gelangten. Wir wurden freundlich willkommen geheißen und sogleich in ein kleines Kino geführt, wo ein Werbefilm erste Informationen bot.
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Dann ging es in einen ersten Tempelraum: strahlend weiße Wände mit feinen Steinmetzarbeiten, glänzender Marmorboden, hell ausgeleuchtete Schreine mit bunten Figuren von Göttern und Gurus – alle mit Namenstafeln versehen, damit auch wir sie zuordnen konnten. Wieder hinaus, über einen langen Gang an einem großen Innenhof vorbei zu dem nun wirklich riesig-riesigen Haupttempel.
Wir mussten den Kopf weit nach hinten legen, um die Spitze des Turms zu sehen. Auch hier waren Fassade und Innenwände mit weißen Ornamenten ausgestaltet. Ohne Schuhe gingen wir über spiegelglatte Marmorböden von einem Schrein zum nächsten, vorbei an betenden und meditierenden Menschen. Wir waren die einzigen europäisch aussehenden Besucher. Nach zwei Stunden und weiten Wegen zurück, an einem breit ausgelegten Shop vorbei, gelangten wir in eine Kantine, wo wir uns – für die USA ungewöhnlich – mit gutem, kostengünstigem, vegetarischem Essen versorgen konnten. Uns schwirrte der Kopf: Was hatten wir da besichtigt?
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Das "BAPS Swaminarayan Akshardham" steht nicht zufällig in New Jersey, denn dieser Bundesstaat hat die zweithöchste Migrantenrate in den USA. Sehr viele indisch-stämmige Menschen leben hier und können nun in einem prächtigen Tempel ihren Glauben praktizieren. Aber ob sie alle wissen, wem der Tempel gewidmet ist? Er ist nämlich von einer bestimmen Schule oder Strömung gebaut worden. Sie verehrt einen Guru, Bhagwan Swaminarayan, der von 1781 bis 1830 in Indien gelebt und gewirkt hat. Von seinen Anhängern wird er als Inkarnation des höchsten Gottes, Vishnu, verehrt. Diese Bewegung soll nur zwischen fünf und zwanzig Millionen Menschen umfassen, aber sie ist sehr aktiv und scheint über erhebliche Mittel zu verfügen. Denn es ist ihr gelungen, den größten Hindu-Tempel außerhalb Indiens in relativ kurzer Zeit, nämlich von 2011 bis 2023, zu errichten. Wohlgemerkt – der Bau ist größer als der Kölner Dom und an dem wird seit Jahrhunderten gebaut.
Der aktuelle Nachfolger des Gründungsgurus und sein Vorgänger scheinen mit diesem (und vergleichbaren Bauten in Europa) eine missionarische Strategie zu verbinden. Auch eine politische? Zwar behaupten sie, den Tempel allein mit Hilfe von Ehrenamtlichen (mehr als 12.000 Menschen sollen es gewesen sein) errichtet und dank vieler Kleinspender finanziert zu haben. Aber das kann ich kaum glauben. Ob nicht doch hindu-nationalistische Kräfte um den indischen Premierminister Narendra Modi nachhalfen? Zahlreiche Medienberichte deuten auf die Nähe zwischen dem Politiker und der Glaubensgruppe hin.
Es würde zu weit führen, all die rekordverdächtigen Zahlen zu diesem Bau – Maße, Materialien, Schreine, Figuren und Kunstwerke – aufzulisten. Auffällig war für uns Laien eine interessante Verbindung von traditionellen indischen Motiven und Formen mit modernen Funktionsteilen (Toiletten, Shop, Restaurant, Büros).
Diese Synthese aus Alt-Indischem und Modernen scheint auch die Lehre und das Leben des Gründungsgurus Swaminarayan, oder Sahajanand Swami, ausgezeichnet zu haben. Es ist nicht leicht, sich über ihn zu informieren. Denn im Westen ist er noch zu unbekannt, als dass es auch hier schon Informationen über ihn gäbe. So bleibt man angewiesen auf die Legenden, die seine Gläubigen von ihm erzählen.
Mit elf Jahren soll er seine Familie und sein Dorf verlassen haben, um das Leben eines Asketen zu führen. Er fand einen Guru, der ihn zum Sadhu (eine Art Mönch) ausbildete und weihte. Bald darauf gründete er seinen eigenen Orden und entfaltete eine erstaunliche Bautätigkeit: Mehr als sechs Tempel soll er errichtet und ungefähr 3.000 Sadhus ordiniert haben.
Auffällig ist, dass sein "Hinduismus" – ein Wort, das die britischen Kolonisatoren erfunden haben – eine überraschende Nähe zu westlichen und christlichen Motiven aufweist. Der Götterhimmel wirkt bei ihm aufgeräumt und ist wenigen Hauptfiguren vorbehalten. Er selbst bezeichnet sich als Inkarnation Gottes. Praktiken, die im Westen als anstößig galten, hat er – zum Beispiel die Witwenverbrennung, die Tötung weiblicher Neugeborener oder das Kastenwesen – bekämpft oder zurückgenommen. Dafür hat er christliche Impulse der praktischen Nächstenliebe und Sozialarbeit aufgenommen.
Wenn meine Beobachtung stimmt, dann wäre dies ein weiteres Beispiel dafür, dass die christliche Mission des 18. und 19. Jahrhunderts nicht einfach nur das Evangelium in andere Weltgegenden getragen hat. Vielmehr hat sie – ungewollt – auch bewirkt, dass sich andere Religionen, die mit ihr in Kontakt kamen, vitalisiert und modernisiert haben und irgendwann missionarische Ableger in Europa und Nordamerika gegründet haben. Mission kennt eben nie nur eine Richtung, und ihre Geschichte ist nicht selten eine Ansammlung unbeabsichtigter Nebenwirkungen.
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