Arthur Schopenhauer saß in seiner Frankfurter Wohnung in der Schönen Aussicht Nummer 17 über seine Kladde gebeugt, eine lange Gänsefeder in der einen Hand, eine noch längere Pfeife in der anderen, und hasste die Liebe.
Seit Jahrzehnten hatte er Eros und Libido durchdacht und mit beidem abgeschlossen. In seinem philosophischen Brocken "Die Welt als Wille und Vorstellung" beschrieb er die Liebe als biologische List, um die Fortpflanzung zu sichern. Doch heute war er von solch tiefer Traurigkeit ob einer verlorenen Liebe getroffen, dass er nicht zu leugnen vermochte, welch ungeheuerliche Kraft von diesem ewig die Menschen beschäftigenden und peinigenden Gefühl ausgeht.
Der Vielschreiber fand heute keine Worte. So schrieb er noch einmal einen seiner alten Sätze nieder, um ins Schreiben zu finden: "Meistens belehrt erst der Verlust uns über den Wert der Dinge."
Er saugte an seiner Pfeife, würzig schwelte der Tabakrauch durch die Schreibstube. Aus seinen stahlblauen Augen blickte er nach draußen, wo hinter der baumlosen weißweiten Promenade die kalte Wintersonne wie in Scherben auf dem Fluss dahinglitt. Er tauchte den Federkiel ins Tintenfass und schrieb: "Das schwerste aller Probleme: wie erklären wir die Seele jenes liebenden Menschen, der nicht wunschlos, sondern menschlos glücklich ist."
Schopenhauer wandte sich weg vom Fenster, schaute sehnsüchtig in die leere Ecke zwischen Ofen und Tür und seufzte. Das Zimmer war zugig und einsam, die Stille wurde lauter, als sie aus der Ferne durch das Signalhorn eines Dampfschleppers konturiert wurde.
Später desselben Tages, nachdem er seine drei Schreibstunden abgeschlossen hatte, sagte er nach dem Mittagessen im Englischen Hof zu seinem Freund Frauenstädt: "Verzeihen Sie mir, lieber Julius, wenn ich vor Ihnen ein Wort im Munde führe, was Sie von mir nicht gewohnt sind?"
"Aber selbstredend, werter Freund!" Frauenstädt war überrascht, dass Schopenhauer ihn beim Vornamen nannte. Er konnte sich nicht erinnern, dass dies jemals zuvor geschehen war, nannte der hochverehrte Lehrer seinen Schüler doch meist scherzhaft nur "Erzevangelisten" oder "indefatigabilis", den Unermüdlichen.
Die beiden waren bereits bei Kaffee und Bethmännchen angelangt. Frauenstädt wartete gespannt mit schlagendem Herzen, was der Philosoph ihm nun mitteilen wollte. Schopenhauer blickte auf das Tischtuch, strich es glatt, und Frauenstädt starrte auf die große Stirn dieses Mannes, die ihn oft erscheinen ließ, als bestünde er einzig aus Geist.
"Ich habe, lieber Julius, ich habe die größte Liebe meines Lebens verloren."
*
Wie so oft waren auch zwischen uns beiden die Familien das Problem. Es war, als stammten wir aus zwei verschiedenen Welten, obwohl wir beide in London geboren worden waren. Doch in gewisser Weise waren die Welten unserer Familien unüberbrückbar weit voneinander entfernt, obwohl ich das am wenigsten wahrhaben wollte.
Meine Eltern stammten aus Indien, mein Vater war ein Sikh aus Punjab, meine Mutter eine Hindu aus Gujarat, die sich im Studium in London kennengelernt hatten, nachdem meine Großeltern hierher ausgewandert waren.
Zaynab hingegen war die einzige Tochter muslimischer Pakistanis, und ihr Vater schien eine tiefe Skepsis gegenüber Menschen aus Indien zu hegen. Einmal hatte sie nebenbei erwähnt, ihr Vater hätte schon etwas dagegen, dass sie die indische Sängerin Asha Bhosle mochte. Nicht nur, weil ich mich in Zaynab verliebt hatte, machte mich dies wütend, sondern auch weil ich einen derartigen Dogmatismus für unzeitgemäß halte und meine, dass wir unsere Energien in dieser Welt der endlosen Krisen für wichtigere Dinge nutzen sollten. Doch was ich dachte, war ohnehin unbedeutend, denn bisher war das, was ich gern als Liebe zwischen mir und Zaynab bezeichnet hätte, mehr als nur einseitig. Nicht Zaynabs Eltern standen zwischen uns, sondern das Unausgesprochene. Denn sie wusste nicht einmal, was ich für sie empfand.
"Ich hasse Hegel und Kant"
Wir waren beide im dritten Jahr des Studiums am King’s College, und obwohl wir Unterschiedliches studierten, überschnitten sich einige unserer Seminare. Zaynab studierte Religion, Philosophie und Ethik, während ich einen Liberal-Arts-Bachelor machte mit Hauptfach Philosophie, dabei aber auch Module in den Film- sowie Literaturwissenschaften und sogar im Creative Writing besuchte. In einer Einführungsveranstaltung zur Kontinentalphilosophie hatte Zaynab immer ein paar Plätze weiter von mir gesessen, nach einer Weile hatten wir uns gegrüßt, und im Seminar "Ethik, Philosophie und Literatur" waren wir vorsichtig ins Gespräch gekommen. In unserer Welt, in der Männer für Frauen häufig aufdringlich waren oder potenzielle Gefahr bedeuten konnten, hatte sie in einem Pub mir und einigen Mitstudierenden gegenüber ganz nebenbei ihren Freund erwähnt, wie um mir klarzumachen, dass wir uns ausschließlich platonisch kennen könnten. So hatte ich es zumindest interpretiert.
Wie immer trank sie nur Guinness 0,0, während ich im Laufe des Abends mehrere Pints Kingfisher bestellte und etwas angeheitert war. Es schien sie nicht zu stören, dass ich Alkohol trank. Jedoch wünschte ich mir manchmal, sie hätte etwas dagegen gehabt, als wäre dies ein Beweis gewesen, dass ich ihr doch mehr bedeutete als ein weiterer Einwanderertyp, mit dem sie kaum mehr gemeinsam hatte als die südostasiatische Herkunft und damit nicht mehr als mit rund 150.000 Menschen in unserer gigantischen Heimatstadt.
Im Pub unterhielten wir uns über deutsche Philosophen, die uns in unserem Einführungskurs aufgezwungen worden waren. "Ich hasse Hegel und Kant", sagte sie und lächelte sich dabei ihre beiden Grübchen in ihr hübsches Gesicht. Ich mochte, wie manchmal ein langsames Blinzeln auf ein Lächeln von ihr folgte, ein Blinzeln, das wirkte wie ein zugewandtes Nicken. Dann sagte sie: "Für mich ist es so, als wären das Texte aus Stein. Unlesbar. Aber ich spreche ja auch kein Deutsch wie du", und dann schob sie mit hartem englischem Akzent hinterher: "Herr Neel." Wieder die hübschen Grübchen, das nickende Blinzeln, was mich verzauberte. "Wieso hast du überhaupt Deutsch gelernt?", fragte sie.
"Es war Herbst, die Blätter waren bunt und gekräuselt, und in ihrer welken Form erinnerten sie mich an vertrocknete Herzen"
"Ich habe Onkel und Tanten in München, Cousins, Cousinen. Wir sind früher oft hingereist. Ich erinnere mich nur noch an die vielen Brezeln." Das brachte sie zum Lachen. "Aber Hindi und Deutsch haben dieselben Sprachwurzeln. Mutter – mātā, Witwe – vidhvā, viele Worte klingen bis heute ähnlich." Sie sah mich interessiert an, und es gefiel mir, wie sie meinen Mund beobachtete, als ich die Wortgleichheiten zwischen dem Hindi und dem Deutschen aufsagte, während ich mich fühlte wie ein Schüler, der beweisen wollte, dass er seine Vokabeln gelernt hatte. Aber weil ich mehr von ihrem Interesse, mehr von ihrem Lächeln, mehr von ihr wollte, ging ich zu weit: "Bei dem Wort für love ist es ähnlich. Heute sagt man auf Hindi prem oder pyaar, aber es gibt faszinierende Gemeinsamkeiten zwischen dem deutschen Wort 'Liebe' und altindischen Wörtern im Sanskrit mit derselben indogermanischen Wurzel leubh, was so viel heißt wie begehren, liebhaben oder gernhaben."
Die Grübchen in ihren Wangen waren verschwunden, über ihre Stirn glitt so etwas wie ein verwirrtes Runzeln, als hätte der Wind ganz kurz die Oberfläche eines spiegelglatten Teichs gekräuselt. Sie schaute in ihr alkoholfreies Bier. Danach erwähnte sie ihren Freund, und ich ging mir ein weiteres Kingfisher holen und verfluchte mein leubh, mein unkontrolliertes Begehren.
Zwischen damals und heute lag ein Semester, und nachdem ich in einem weiteren gemeinsamen Seminar etwas Erhellendes zu Schopenhauers Konzept des Willens gesagt hatte, unterhielten wir uns über den deutschen Philosophen, als wir anschließend über den Campus zur U-Bahn-Station Holborn spazierten. Obwohl ich eine andere Linie brauchte, ging ich natürlich mit ihr. Es war Herbst, die Blätter waren bunt und gekräuselt, und in ihrer welken Form erinnerten sie mich an vertrocknete Herzen.
Da gestand sie mir unverhofft, wie einsam sie war in ihrem kleinen Studioappartement, das ihre Eltern ihr in Hackney gekauft hatten. "Ich muss aber trotzdem Miete zahlen, damit ich lerne mit Geld umzugehen." Sie zuckte mit den Schultern und rollte die Augen, als sie in selbstverständlichem Ton sagte: "Migrantenkind."
"In unser Schweigen schrien Halsbandsittiche, ebenfalls nach London Eingewanderte"
Ich wusste, was sie meinte, und auch wenn meine Eltern mich und meine Geschwister nie direkt unter Leistungsdruck gesetzt hatten, war uns doch allen klar, dass wir mehr leisten mussten als andere. Wir sprachen etwas über unsere Familien, und ich konnte mich wieder nicht zusammenreißen und sagte: "Ich frage mich manchmal, wenn unsere Eltern wollen, dass wir hier glücklicher sind als sie, ob sie dann nur an materiellen Erfolg denken oder ob sie auch wollen, dass wir glücklichere Beziehungen führen als sie."
Zaynab hielt sich am Gurt der Tasche um ihre Schulter fest und starrte auf ihre schmalen Adidas-Sneaker. Sie zertraten einige der herzförmigen Blätter. "Ich glaube, das ist meinen Eltern egal." In unser Schweigen schrien Halsbandsittiche, ebenfalls nach London Eingewanderte. Als die grellgrünen Pfeile über uns wegsausten, klangen sie so schrill wie quietschende Hundespielzeuge. Zaynab schaute ihnen nach und sagte: "Ich mag die parakeets." Nach einem weiteren Schweigen fragte sie: "Was interessiert dich an Schopenhauer? Ich finde ihn irgendwie unmenschlich."
"Seine Sprache. Ich glaube, seine Philosophie kommt eigentlich aus Traurigkeit und Enttäuschung." Sie sah mich selbst mit traurigem Blick von der Seite an. Der Wind ließ ihr glänzendes Haar um ihre Augen flirren. Dann warf ich mich mit paukendem Herzen in die Frage, die mich nicht losließ: "Aber was mich viel mehr interessiert, ist, warum du sagst, du seist einsam."
Sie sagte, sie komme gerade aus einer schwierigen Beziehung. Doch ich hatte keine Zeit, etwas Tröstliches zu sagen, weil wir an der Holborn Station waren. Sie blickte auf den Eingang zur Underground, der aussah wie eine Ladenfront. "Hier bin ich."
"Meine Gedanken an sie waren wie ein Filter, der alles vergoldete"
Ihr Blick war melancholisch, und sie sah plötzlich klein und verloren aus, umgeben von so viel Raum und so vielen Menschen, die sich nicht um uns scherten und in ihrem Alltag in dieser auswuchernden Metropole keinen Platz hatten für die Traurigkeiten anderer, die mit ihnen den Wohnort teilten.
Ich hatte nicht erwähnt, dass ich noch bei meinen Eltern lebte, weil ich mich dafür manchmal schämte, auch wenn ich gern zu Hause wohnte. Als ich nun in der Tube auf meinem langen Weg raus nach Hounslow unweit von Heathrow saß, wirkten die anonymen Menschen, die mit mir fuhren, wie in ein glorreiches Licht getaucht, weil ich an Zaynab dachte. Meine Gedanken an sie waren wie ein Filter, der alles vergoldete. Wenn mein entgeisterter Blick von einem fremden Menschen entdeckt wurde, lächelte ich, und es war mir ganz egal, dass sie mich für einen creep hielten, der Wildfremde anlächelte. Ich fühlte mich gut und nicht mal schuldig, wie glücklich ich war, dass sie nicht mehr mit diesem anonymen Arschloch zusammen war, das ihr nichts zu schenken wusste als eine schwierige Beziehung. Am Abend, als der rauchige Duft des baingan bharta meiner Mutter aus der Küche in mein Zimmer driftete, fing ich an, für Zaynab zu schreiben.
*
Die Dezemberkälte blies ihnen durch die Mäntel. Schopenhauers Atem riss als weißer Fetzen aus seinem Mund, als er sagte: "Hier lang." Sie gingen durch den entlaubten Frankfurter Stadtwald, wo Schopenhauer einen Jäger treffen wollte, wie er Frauenstädt auf dem Weg mitgeteilt hatte, ihn jedoch immer noch nicht unterrichtete, weshalb.
An einem großen stillen Teich, über dessen Oberfläche Nebelschwaden geisterten, als wollten hier Vorhänge zurückgezogen werden, als wollte sich hier etwas lüften, trafen sie den Jäger, einen lodengrau gekleideten Mann mit gemeinem Gesicht, vor dem sich Frauenstädt etwas fürchtete. Was taten sie an diesem tristen, toten Ort?
Der Jäger führte sie wortlos in eine große Stallung, von irgendwoher roch es nach Brennholz oder Kohle aus einem Schornstein, und in einem mit Stroh ausgelegten Zwinger sprang ihnen urplötzlich das Leben wortwörtlich um die Füße. Schopenhauers Stimmung, die den Tag über wintertrüb gewesen war, änderte sich blitzartig. Er strahlte, und es schien, als wäre der Raum jäh in ein güldenes Licht getaucht, als dieser miesepetrige Mann sich hinunterbeugte und mit seinen großen, dicklichen Fingern ein halbes Dutzend kleiner Pudelchen streichelte, als wäre er ein Bub.
Die kleinen wolligen Welpen wedelten mit ihren kurzen Stummelschwänzchen und sprangen um sie herum, als würden sie im Wasser planschen, ihre dunklen Knopfaugen schauten auf eine flehende Weise an dem Besuch hoch, und bald schon hatte Schopenhauer sich mit dem einzigen braunen Welpen so angefreundet, dass es schien, sie seien immer schon unzertrennlich gewesen. Er nahm das Tier auf den Arm.
"Ich habe meinen teuren, lieben, großen, schönen Pudel verloren, Frauenstädt, er ist vor Altersschwäche gestorben. Nicht ganz zehn Jahre alt. Sie kannten ihn auch."
"Gewiss, verehrter Herr. Atman, richtig?"
Seine Augen leuchteten zwischen Tränen und Hoffnung. Er nickte, blickte dann auf das Pudelchen in seinen Armen: "Atman wird auch dieser kleine Freund hier heißen."
"Er bekommt denselben Namen?"
"Aber ja. Zwar ist mein guter Atman unersetzbar, doch ich meine, in jedem Pudel sind alle Pudel der Welt enthalten. Vielleicht könnte man sogar sagen, meine Liebe zu diesem kleinen Freund hier, die sich bald schon einstellen muss, wird somit auch eine Fortführung meiner Liebe zu meinem guten vorherigen Pudel sein, und somit auch eine Bestätigung der Liebe an sich."
"Es überrascht mich, das von Ihnen zu hören, hochverehrter Schopenhauer. Sie meinen doch wohl nicht zu sagen, der Mensch sei der Welt irgendeine Liebe schuldig. Liefe das nicht Ihrer gesamten Philosophie zuwider?"
"Durchaus." Schopenhauer lächelte. Sein Gesicht wirkte plötzlich friedlich und ruhig, müde und sehr alt. Dann schaute er auf das wollige Pudelchen in seinem Arm, als betrachte er es mit tiefem Mitgefühl. Die kleine Pfote schlug nach Schopenhauers Fingern. "Ein schönes Tier wie dieses, das nur den gegenwärtigen Moment kennt und kennen will, ein solches Geschöpf hebt uns aus dem schlammigen Strom der Zeit heraus und lässt uns einen Augenblick der Ewigkeit kosten. Manche Menschen erfahren diesen Augenblick miteinander. Ich konnte ihn immer nur mit Tieren erfahren. Allein, wichtig ist, ihn überhaupt zu erfahren."
*
Zaynab wusste erst nichts mit meiner Geschichte anzufangen. Es dauerte einige qualvolle Wartetage, bis sie sich dafür bedankte, und dann noch einmal etwas, bis mich das größte Glück ereilte: Sie wollte mich treffen.
Wir verabredeten uns in einem Pub südlich von London Fields, tranken beide nur Guinness 0,0, und irgendwann im lauten Zwielicht des Lokals fragte sie mich, warum ich ihr eine Geschichte geschrieben hatte, sie habe nicht gewusst, dass ich Fiktionen schreibe.
"Ich auch nicht", sagte ich lächelnd und zuckte mit den Schultern. "Ich hatte einfach das Bedürfnis, dir ein Geschenk zu machen."
"Aber warum? Wir kennen uns doch gar nicht gut." Sie klang nicht ablehnend, nur ratlos.
"Ich wollte nicht, dass du einsam und traurig bleibst."
Sie lächelte, blinzelte, dachte nach, sagte dann mit einem ironischen Ton: "Und da hast du dir gedacht, eine Kurzgeschichte darüber, wie Arthur Schopenhauer sich in einen Pudel verliebt, ist genau das Richtige?" Sie musste lachen.
"Die Story hat dich doch zum Lachen gebracht, oder?"
"Ja, schon."
"Na, also. Mission accomplished."
Sie suchte in meinem Gesicht nach etwas, und ich wusste nicht, ob sie es fand.
"Einen Augenblick lang schauten wir wortlos diesem Fischschweben zu"
Nach dem Pub war ich traurig, dass wir uns verabschieden müssten, dass ich wieder allein den langen Weg nach Hounslow fahren müsste, ohne Zani – so, berichtete sie, nannten sie ihre Freundinnen und Freunde.
Doch dann sagte sie: "Hast du noch ein paar Minuten? Ich will dir was zeigen."
"Natürlich!" So gingen wir gemeinsam durch den bereits kühlen Herbstabend in eine kleine verkehrsberuhigte Straße, wo kernsanierte viktorianische Stadthäuser prunkvoll nebeneinanderstanden, vor jedem ein teures Auto. "Very posh", sagte ich.
Zani sagte: "Deswegen mag ich die gentrifizierte Gegend auch eigentlich nicht so. Aus unserer Generation wird hier niemand wohnen können, wenn man nicht erbt."
Sie ging ein Stück voran, blieb dann vor dem Eisenzaun eines der Häuser stehen und sagte: "Das wollte ich dir zeigen."
Ich hörte zunächst ein Wasserplätschern, und als ich neben Zaynab stand, sah ich in dem Vorgärtchen direkt vor dem Haus ein großes Aquarium, das scheinbar vor die Hauswand gebaut worden war. Es war von innen beleuchtet, und im Dunkeln sah es gespenstisch schön aus, als im grünbläulich erhellten Wasser anmutig große Goldfische schwebten. Einen Augenblick lang schauten wir wortlos diesem Fischschweben zu.
"Ich hörte mich trocken schlucken und hätte ihr am liebsten gesagt, wie sehr ich mich in sie verliebt hatte, doch ich fand keine Worte"
Ich wusste nicht, ob sie mir damit etwas sagen wollte, so wie sie nicht wusste, was meine seltsame Schopenhauerfiktion bedeuten sollte.
Zani sagte: "Ich geh manchmal hier vorbei, wenn ich vom Broadway Market heimkomme. Hast du schon mal ein Aquarium in einem Garten gesehen?"
"Noch nie." Wir schwiegen weiter, und ich beobachtete Zaynab, wie sie hingerissen die Tiere in ihrem leuchtenden Wasser ansah. "Danke, dass du mir das gezeigt hast."
"Bei deiner Geschichte musste ich an diese Fische denken, ich weiß nicht, warum."
Ich sah sie von der Seite an. In ihren Augen glänzte ganz sanft das Aquariumlicht. Ich hörte mich trocken schlucken und hätte ihr am liebsten gesagt, wie sehr ich mich in sie verliebt hatte, doch ich fand keine Worte. Und dann sah sie mich an. Und dann nahm sie meine Hand. Wir schauten beide auf unsere Hände. Ihre Hand war klein, ihre Haut auf eine trockene Art sanft. Zaynab sagte: "Danke für deine Geschichte. Das ist auf jeden Fall das seltsamste Geschenk, das mir jemals jemand gemacht hat."
"Vielleicht erscheint dir Schopenhauer als Verliebter etwas weniger unmenschlich."
Dann küsste sie mich.
Die Nacht um uns herum verblasste. Ich schloss die Augen und versenkte mich in den Moment. Ihre Lippen schmeckten entfernt nach Pfirsich, vielleicht wegen des Lippenpflegestifts, den sie nach dem Pub verwendet hatte. Einmal, ganz kurz, suchte ihre Zunge meine Zunge. Das Gefühl des Anfangs, des Anbeginns von etwas Neuem, durchflutete mich mit dem unerwarteten Glück, das in einem Kuss lag, wenn sich eine große Spannung, ein unerträgliches Begehren, plötzlich in der ersten Berührung zweier Lippen entlud.
Dann zog sie sich zurück, wie ein kurzer Schatten glitt wieder dieses Stirnrunzeln über ihr Gesicht, doch sie hielt weiter meine Hand, verschränkte ihre Finger in meine, als wollte sie mich nicht verlieren. Und abermals wollte ich mehr, wollte zu viel, wollte zu sehr in die Zukunft und sagte: "Glaubst du denn, dass wir zusammen sein können?" Auch ihr war klar, was ich damit meinte.
Ihr Tonfall klang kurz etwas genervt: "Ich weiß es nicht, Neel. Ist das jetzt überhaupt wichtig?" Nach einem kurzen Schweigen, in dem das Geplätscher der Aquariumpumpe hörbar wurde, sagte sie weiter: "Ist es nicht schöner, einen Augenblick der Ewigkeit zu kosten. So wie diese Fische hier, oder diese Pudelchen in deiner komischen Liebesgeschichte?"
"Findest du, dass das eine Liebesgeschichte ist?"
"Ich denke, alles, was ein Verliebter schreibt, ist eine Liebesgeschichte, oder?" Sie lächelte, dann blinzelte sie so, als wäre dieses Blinzeln ein zugewandtes Nicken.





