Kurzgeschichte
Besser knutschen mit Schopenhauer
"Eine Liebesgeschichte aus zwei Städten" von Jan Wilm: Neel liebt Zaynab, aber traut sich nicht, es ihr zu sagen. Deshalb schreibt er ihr eine ungewöhnliche Geschichte: über Arthur Schopenhauer und seine große Liebe
Zwei Menschen stehen vor einem Eisenzaun und schauen sich an. Hinter ihnen schweben Goldfische durch die Luft.
Die Liebe lässt zwei Menschen einen Augenblick der Ewigkeit kosten
Wadim Petunin für chrismon
Jan WilmKirsten Bucher
11.10.2026
14Min

Arthur Schopenhauer saß in seiner Frankfurter Wohnung in der Schönen Aussicht Nummer 17 über seine Kladde gebeugt, eine lange Gänsefeder in der einen Hand, eine noch längere Pfeife in der anderen, und hasste die Liebe.

Seit Jahrzehnten hatte er Eros und Libido durchdacht und mit beidem abgeschlossen. In seinem philosophischen Brocken "Die Welt als Wille und Vorstellung" beschrieb er die Liebe als biologische List, um die Fortpflanzung zu sichern. Doch heute war er von solch tiefer Traurigkeit ob einer verlorenen Liebe getroffen, dass er nicht zu leugnen vermochte, welch ungeheuerliche Kraft von diesem ewig die Menschen beschäftigenden und peinigenden Gefühl ausgeht.

Der Vielschreiber fand heute keine Worte. So schrieb er noch einmal einen seiner alten Sätze nieder, um ins Schreiben zu finden: "Meistens belehrt erst der Verlust uns über den Wert der Dinge."

Er saugte an seiner Pfeife, würzig schwelte der Tabakrauch durch die Schreibstube. Aus seinen stahlblauen Augen blickte er nach draußen, wo hinter der baumlosen weißweiten Promenade die kalte Wintersonne wie in Scherben auf dem Fluss dahinglitt. Er tauchte den Federkiel ins Tintenfass und schrieb: "Das schwerste aller Probleme: wie erklären wir die Seele jenes liebenden Menschen, der nicht wunschlos, sondern menschlos glücklich ist."

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