Arthur Schopenhauer saß in seiner Frankfurter Wohnung in der Schönen Aussicht Nummer 17 über seine Kladde gebeugt, eine lange Gänsefeder in der einen Hand, eine noch längere Pfeife in der anderen, und hasste die Liebe.
Seit Jahrzehnten hatte er Eros und Libido durchdacht und mit beidem abgeschlossen. In seinem philosophischen Brocken "Die Welt als Wille und Vorstellung" beschrieb er die Liebe als biologische List, um die Fortpflanzung zu sichern. Doch heute war er von solch tiefer Traurigkeit ob einer verlorenen Liebe getroffen, dass er nicht zu leugnen vermochte, welch ungeheuerliche Kraft von diesem ewig die Menschen beschäftigenden und peinigenden Gefühl ausgeht.
Der Vielschreiber fand heute keine Worte. So schrieb er noch einmal einen seiner alten Sätze nieder, um ins Schreiben zu finden: "Meistens belehrt erst der Verlust uns über den Wert der Dinge."
Er saugte an seiner Pfeife, würzig schwelte der Tabakrauch durch die Schreibstube. Aus seinen stahlblauen Augen blickte er nach draußen, wo hinter der baumlosen weißweiten Promenade die kalte Wintersonne wie in Scherben auf dem Fluss dahinglitt. Er tauchte den Federkiel ins Tintenfass und schrieb: "Das schwerste aller Probleme: wie erklären wir die Seele jenes liebenden Menschen, der nicht wunschlos, sondern menschlos glücklich ist."
4 Wochen gratis testen, danach mit 10 € guten Journalismus und gute Projekte unterstützen.
Vierwöchentlich kündbar.
Dieser Text ist Teil unseres kostenlosen Newsletters "Bei aller Liebe". Wir erzählen darin von besonderen Paaren, geben Tipps für den Beziehungsalltag und liefern neueste Erkenntnisse aus der Paartherapie. Immer sonntags. Einfach hier anmelden.

