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In der Politik ist der Gipfel des Erfolgs ein besonders gefährlicher Ort. Plötzlich steht man im Lampenlicht und in der Verantwortung. Ob man dem gewachsen ist?
Das sollte sich die Leitung der Partei "Die Linke" nach ihrem sensationellen Wahlsieg in Berlin fragen. Vor ihrem Wahlkampf hatte sie hart gegen die Konkurrenz ausgeteilt, nun scheint sie mit deren Anschuldigungen nicht umgehen zu können, sie dulde in ihren Reihen Antisemitismus, Extremismus sowie Kumpanei mit Gangstern und Terroristen. Der Spitzenkandidatin fiel dazu nicht viel mehr ein, als die Vorwürfe abzustreiten und den Innenminister zu verklagen. Und ihr Vorgänger erklärte hilflos, es ginge doch nur um kleine Gruppen innerhalb der Partei.
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Bei diesem aktuellen Parteienstreit muss ich nicht mitmachen. Aber mich interessiert das grundsätzliche Problem, dass es einen Antisemitismus von links gibt, und ich frage mich, wie man mit ihm umgeht. Hier ist immer noch viel aufzuklären und für den Umgang auch mit anderen Formen von Antisemitismus zu lernen – die christlichen nehme ich davon natürlich nicht aus.
Zum Glück ist gerade ein Buch erschienen, das dabei hilft: "Warum man Israel nicht hassen muss, um zu den Guten zu gehören", herausgegeben von Lisa Geffken und Nikolas Lelle, die beide für die Amadeu-Antonio-Stiftung arbeiten (Verbrecher Verlag). Es erschöpft sich nicht in erregten Anschuldigungen, sondern versucht sich an grundsätzlichen und persönlichen Klärungen, wobei sich die Autor*innen selbst zum großen Teil als "links" sehen. Mit dem Sich-selbst-Befragen hebt sich das Buch wohltuend von all den politischen Äußerungen ab, die die Schuld immer nur bei anderen, aber nie bei sich suchen; was im Übrigen für eigentlich alle Parteien gilt.
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Die Beiträge konzentrieren sich auf den linken "Antisemitismus gegen Israel", der verstanden wird als subkultureller Code eines sich als progressiv verstehenden Milieus. Es geht sozusagen um ein Stück deutscher Leitkultur: "In der deutschen Linken ist antizionistischer Antisemitismus wieder in Mode, mitsamt seinen Symbolen und Forderungen", heißt es dort. Vom roten Hamas-Dreieck über Intifada-Faszination bis zur Szene-Kleidung sei alles mit dabei.
Eine besonders fatale Folge daraus ist eine kritiklose Nähe, wenn nicht gar Verbindung zu islamistischen Gruppen, die eben keine "Randnotiz" seien. Stattdessen geht es um eine totalitäre, gewaltverherrlichende Ideologie, die bekämpft und nicht relativiert werden dürfe. Und islamistischer Extremismus bedrohe nicht nur westliche Gesellschaften, sondern vor allem jene Völker- und Menschengruppen, die ihm zu entkommen versuchen.
Nur kurz geht das Buch auf die lange Geschichte des linken Antisemitismus ein. Sie reicht zurück bis zum Jerusalemer Großmufti Al-Husseini, der im Zweiten Weltkrieg offen mit NS-Deutschland kollaborierte. Und es geht weiter: mit dem mordbereiten Antisemitismus des westdeutschen Linksextremismus der 1970er und 80er Jahre bis hin zu einer innigen, geheimdienstlichen und militärischen Zusammenarbeit der DDR mit arabischen Israelfeinden. Hier ließe sich vieles erzählen, was die heutige Leitung der Linken wissen sollte. Sie würde die aktuelle Kritik dann vielleicht nicht so schnell abbürsten.
Aber Selbstkritik scheint denen besonders schwerzufallen, die sich für "die Guten" halten. Deshalb zeichnet es die Beiträge des Buches aus, dass die Autor*innen in biografischen Rück- und persönlichen Einblicken zu klären versuchen, wie man als "Linker" so anfällig für diese Form von Menschenfeindlichkeit sein kann. Man denke nur an die Mitleidlosigkeit mancher nach dem 7. Oktober 2023.
Besonders angesprochen hat mich der Beitrag des Politikwissenschaftlers Henning Flad. Er arbeitet seit 2017 als Projektleitung in der Geschäftsstelle der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus und ist für mich seit vielen Jahren ein besonders wichtiger Gesprächspartner. Ich habe viel von ihm über das weite Feld des "Rechten" – vom Populismus bis zum Extremismus – gelernt. Und er hat ein Auge für die Überschneidungen der Extremismen, vor allem wenn es um Judenhass geht. In einem sehr persönlichen Text erzählt er von seinem Denkweg.
Er beginnt damit, dass er sich ungefähr Mitte der 2000er Jahre als Ergebnis eines längeren Prozesses aus einem Teil der Linken verabschiedet, eben weil dort in weiten Kreisen Antisemitismus herrschte oder zumindest auch "geduldet" wurde.
Zum Glück aber fand er ein neues Zuhause, wo es ein, seiner Meinung nach, zuverlässiges Engagement für Menschenrechte und gegen rechtsextreme Gewalt gab. Und wo eine kritische Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus stattfand: in den Kirchen. Und dort vor allem bei denen, die sich für den jüdisch-christlichen Dialog und die Aufarbeitung des Nationalsozialismus einsetzten. Diese Menschen waren zuversichtlich, blickten positiv auf das Leben und beeindruckten ihn durch ihre innere Ruhe.
Natürlich ist die evangelische Kirche kein reiner und heiler Ort, in dem sich nur "die Guten" versammeln. Antisemitismus oder Antijudaismus – in den unterschiedlichen Formen – ist dort weiterhin zu finden, weiß Henning Flad. Er findet auch im kirchlichen Raum Menschen, die der Meinung sind, dass Israel ein "zu boykottierender Apartheidstaat" sei, und die damit an alte antijüdische Theologien anknüpfen.
Doch was die kirchlichen Gruppen, mit denen er es nun zu tun hatte, von seinen linken Kreisen von früher unterscheidet, ist eine viel größere Bereitschaft zur Selbstreflexion und dafür, sich kritisch mit israelbezogenem Antisemitismus zu beschäftigen. Für ihn hat diese "Bereitschaft zur Selbstkritik", zur Antisemitismuskritik vielleicht auch etwas mit urchristlichen Tugenden zu tun: Demut, dem Wissen um die eigene Unvollkommenheit und das Bewusstsein darüber, sich selbst auch immer wieder irren zu können.
Ich habe mich über diesen Text gefreut. Nicht, weil er meiner Kirche ein gutes Zeugnis ausstellte, sondern weil er auf eine Maxime aufmerksam macht, die von allen – egal, ob sie sich als christlich, muslimisch, säkular, progressiv oder konservativ verstehen – beherzigt werden müsste: Man kann nur Teil der Lösung sein, wenn man sich als Teil des Problems versteht. Man kann sich nur dann überzeugend gegen Menschenfeindlichkeit engagieren, wenn man die menschenfeindlichen Anteile der eigenen Traditionen kennt, bedenkt und kritisiert. Das ist ein offener Prozess, schmerzhaft, aber befreiend. In der Politik ist dafür kein Raum. Aber wer wartet schon auf die Politik, wenn es um etwas Wichtiges geht?
P.S. 1: Bei Netflix ist gerade die fünfte Staffel der israelischen Serie "Fauda" zu sehen. Diese hat in den ersten vier Staffeln spannend und wendungsreich von den vielen verzweifelten Abenteuern einer israelischen Geheimdienstgruppe erzählt. Die neue Staffel wagt etwas sehr Ungewöhnliches: Sie erzählt vom Hamas-Pogrom am 7. Oktober 2023. Geht das, fragt man sich, mit den Mitteln des Actionfilms von diesem Grauen und seinen Folgen zu erzählen? Ja, das geht. Ebenso erstaunlich ist, dass "Fauda" auch in der arabischen Welt höchst erfolgreich ist, wie der "Atlantic" gerade berichtet. Vielleicht haben einige einfach genug von einer als Palästina-Solidarität verkleideten Verharmlosung eines mörderischen Fundamentalismus und einem Regionalkonflikt, der nicht zuletzt deshalb als unlösbar erscheint, weil er ideologisch und religiös ins Absolute aufgeladen wird.
P.S. 2: Der Kulturbeutel macht Pause und kommt wieder am 30. Oktober





