Folgen der Klimakrise
Wenn das Klima den Einkauf teurer macht
Trockenheit und Hitze führen zu steigenden Lebensmittelpreisen. Dieser Effekt heißt "Climateflation" und dürfte auch auf vielen Erntedankfesten ein Thema sein. Das sind die Hintergründe
Der Ertrag ist ungewiss: Was der Kartoffelacker hervorbringt, hängt zunehmend vom Klima ab
Francesco Pacienza / Getty Images
Tim Wegner
28.09.2026
4Min

In manchen Gegenden sind sie in diesem Jahr kleiner als sonst. In anderen haben sie Flecken, sind nicht lange haltbar wie in früheren Jahren und taugen leider nur für die Kelterei: Es geht um die Äpfel. Die Dürre in Teilen Deutschlands hat ihnen zugesetzt, besonders im Südwesten und Westen. Neulich habe ich mich gefreut, als ich im Supermarkt nicht mehr nur die üblichen Verdächtigen kaufen konnte, die – je nach Jahreszeit – auch importiert werden, Granny Smith oder Jonagold zum Beispiel. Sondern immerhin: Cox Orange. Aber auch diese Äpfel waren ungewöhnlich klein und sehr hart.

Ob sie auch teurer waren als im Vorjahr, weiß ich nicht, dafür hätte ich mir den Preis ein Jahr lang merken müssen. Es würde mich aber nicht überraschen, wenn es so wäre. Denn bei anderen Lebensmitteln schlägt die Klimakrise schon längst auf die Preise durch. Der Begriff "Climateflation" beschreibt diesen Effekt, er setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern climate und inflation, also Klima und Inflation.

Der preistreibende Effekt der Wetterextreme ist kein deutsches, sondern ein weltweites Phänomen. Olivenöl und Kakao sind dafür gute Beispiele. Olivenbäume brauchen ein Kältesignal, damit – vereinfacht gesagt – der Baum weiß, dass er im Frühjahr blühen soll. Ohne Blüte keine Frucht. Die Winter in den Mittelmeeranrainerstaaten werden tendenziell immer milder, auch in höheren Lagen, wo Olivenbäume angebaut werden. Das dämpft den "Startschuss" für die Blüte.

Und auf laue Winter folgten heiße, trockene Sommer – und Missernten, die so groß waren, dass auf dem Weltmarkt eine hohe Nachfrage auf weniger Olivenöl traf. In den Jahren 2023 und 2024 gab es auch hierzulande einen Preissprung; der Liter Olivenöl kostete zehn Euro. Das Salatdressing wurde zum Luxusgut. In meinem Stamm-Supermarkt kostet der Liter italienisches Bio-Olivenöl derzeit immer noch 9,27 Euro, und man muss mit Blick auf die sommerliche Witterung, die in diesem Jahr im Mittelmeerraum herrschte, kein Prophet sein, um zu ahnen: Bald schon dürfte uns ein noch höherer Preis erwarten.

Beim Kakao passierte Ähnliches. Die Frucht gedeiht ohnehin nur in wenigen Ländern in Äquatornähe und braucht stete klimatische Bedingungen, die in Zeiten des menschengemachten Klimawandels nicht mehr garantiert sind.

Man muss aber nicht in ferne Länder schauen. Der Bauernverband meldete für Deutschland in seiner diesjährigen Erntebilanz sinkende Erträge. Und in den trockenen Gegenden der Republik litt in diesem Jahr besonders die Kartoffel. Nicht nur unter der Dürre, sondern auch unter der Hitze. Wenn es zu heiß wird, tritt – wieder vereinfacht formuliert – ein Effekt ein, der die Erträge schmälert: Nährstoffe wandern von den Knollen in Richtung Blattgrün, damit dieses Grün erhalten bleibt. Vielleicht haben Sie den Effekt schon bei Ihren Einkäufen gespürt? Vielleicht sogar bei unseren geliebten Pommes?

Preissteigerungen bei Lebensmitteln spalten die Gesellschaft

Die Größenordnung der "Climateflation" beschäftigt längst auch Forschende. Steigende Temperaturen könnten die Nahrungsmittelinflation bis 2035 jährlich um bis zu 3,2 Prozentpunkte und die Gesamtinflation um bis zu 1,18 Prozentpunkte antreiben, so eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und der Europäischen Zentralbank EZB aus dem Jahr 2024. Bedenken muss man: Die Corona-Pandemie und der Angriff Russlands auf die Ukraine hatten die Inflation seit 2020 bereits stark angefacht, Lebensmittel sind seitdem um 37,5 Prozent teurer geworden.

Solche enormen Preissteigerungen sind ein politischer Spaltpilz. Denn Menschen mit geringen Einkommen müssen ohnehin einen relativ hohen Anteil ihres Geldes dafür ausgeben, ihre Grundbedürfnisse zu decken. Essen gehört dazu. Sie können sich weniger leisten, müssen an anderer Stelle sparen, ernähren sich deshalb vielleicht auch ungesünder – und haben allen Grund, unzufrieden zu sein. Eine Nachwahlbefragung nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt ergab, dass mehr als 60 Prozent der Menschen, die ihre Einkommenssituation als schlecht einschätzen, die rechtsextreme AfD wählten. Die wiederum stellt einen wesentlichen Preistreiber in Abrede: die Klimakrise. Klimaschutzmaßnahmen wie die Energiewende gelten dieser Partei als Quelle für Fake News, mit der sie die Wut ihrer Anhängerschaft speist.

Erntedank ist für viele Menschen die Zeit, dankbar für das zu sein, was Landwirtinnen und Landwirte ernten konnten. Und für die bäuerlichen Betriebe ist Erntedank ein Fest, an dem sie Wertschätzung für ihre oft einsame Arbeit auf den Höfen erfahren. Ich hoffe, in diesem Jahr kommt noch ein weiterer Gedanke hinzu: dass die Ernten längst nicht mehr sicher sind, weder woanders noch bei uns – und dass Klimaschutz dringend geboten ist.

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Kolumne

Nils Husman

"Wir müssen die Schöpfung bewahren!“ Da sind wir uns alle einig. Doch was heißt das konkret? Nils Husmann findet, wer die Schöpfung bewahren will, sollte wissen, was eine Kilowattstunde ist oder wie wir Strom aus Sonne und Wind speichern können – um nur zwei Beispiele zu nennen. Darüber schreibt er - und über Menschen und Ideen, die Hoffnung machen. Auch, aber nicht nur aus Kirchenkreisen.