chrismon: Vor allem im Süden ist es abermals heiß geworden. Wie haben Sie die Auswirkungen der bisherigen Hitzewellen und der Dürre zu spüren bekommen?
Lucia Heigl: Wir haben es vor allem beim Dauergrünland gemerkt. Eigentlich machen wir vier, idealerweise fünf Schnitte im Jahr. Schon der zweite Schnitt war nur ein halber in diesem Jahr, der dritte ist dann komplett ausgefallen. Die Kulturlandschaft in unserer Gegend sieht normalerweise nach diesem typischen Urlaubsbild aus, mit grünen Wiesen. Aber wenn die verbrannt sind, kann es sein, dass das Gras einfach kaputt ist und gar nicht mehr wächst oder nur teilweise, wenn es wieder Regen gibt.
Lucia Heigl
Hat der Regen der vergangenen Tage ein wenig Erholung gebracht oder ist er eher ein Tropfen auf den heißen Stein?
Er ist der Tropfen, der zumindest versucht, die Wiesen wieder grün zu machen. Wenn der Boden so trocken ist, dann braucht es aber erst einmal eine Menge Regen, damit er sich überhaupt wieder öffnet. Ob sich das Gras wirklich erholen kann oder ob wir großflächig nachsäen müssen, wird sich erst zeigen.
Haben Sie so etwas schon einmal erlebt?
Es gab schon trockene Jahre, aber ich bin jetzt seit 34 Jahren auf dem Hof und so krass war es noch nie. Wir haben seit einigen Jahren eine Wetterstation vom Deutschen Wetterdienst auf dem Hof, die den Niederschlag misst. Eigentlich haben wir seit einigen Jahren einen durchschnittlichen Niederschlag von 712 Millimetern pro Jahr und Quadratmeter. Dieses Jahr sind wir grade mal bei 287 Millimetern. Es fehlen also noch mehr als 400. Außerdem kommen wir aus einem sehr schneearmen Winter. Im Grundwasser fehlt also auch das Schmelzwasser.
Hatten Sie bereits Engpässe beim Füttern?
Natürlich. Eigentlich können wir unsere Tiere mit unseren Erzeugnissen gut ernähren, auch in knapperen Jahren. Für eine ausgewogene Ernährung kaufen wir nur Eiweißfutter und Mineralfutter zu. Dieses Jahr mussten wir aber Grundfutter zukaufen und Stroh, um das Futter zu strecken.
Wir konnten seit Juni kein Heu mehr machen. Das fehlt uns jetzt. Die Betriebe in Südbayern haben alle zu kämpfen. Dazu kommt noch, dass es ja europaweit sehr heiß und trocken war, so dass es schwierig ist, aus angrenzenden Ländern bezahlbares Futter zu bekommen. Zum teureren Futter kommen noch enorme Logistikkosten hinzu.
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Was hat das für Konsequenzen?
Wir haben auch schon drei unserer Kühe früher zur Schlachtung gegeben als eigentlich geplant. Unser Viehhändler hat erzählt, dass er normalerweise 15 Tiere pro Woche zum Schlachten anmeldet. Diese Woche waren es 100.
Wie kommen die Kühe mit der Hitze klar?
Die Kühe kämpfen genauso mit der Hitze wie wir Menschen. Wir haben eigentlich eine sehr gesunde Herde, aber gerade für trächtige Kühe sind die extremen Temperaturen sehr anstrengend. Unser Stall ist ein Außenklimastall mit vielen offenen Wandflächen, aber die Temperaturen im Stall sind nicht viel anders als draußen.
"Es wird in den nächsten Jahren weniger Milch geben, wenn sich die extremen Wetterlagen so weiterentwickeln"
Lucia Heigl
Können Sie die Tiere schützen?
Seit Juni laufen die Ventilatoren Tag und Nacht in unseren Ställen, damit es die Tiere einigermaßen aushalten. Dadurch haben wir zusätzlich enorme Stromkosten. Für unsere Kälbchen in den Kälberhütten haben wir Sonnenschirme aufgestellt. Und wir schauen natürlich, dass sie immer genug Wasser haben.
Werden Verbraucherinnen und Verbraucher die Folgen der Hitze spüren?
Die Themen Wasser, Dürre und Hitze werden in den nächsten Jahren definitiv noch einen größeren Raum einnehmen. Und dann merkt es der Verbraucher im Supermarkt auch irgendwann an der Qualität oder am Preis oder an der Verfügbarkeit, weil entweder unzureichend geerntet wird oder die Produkte von irgendwoher kommen.
Wir können uns hier im reichen Europa einfach Gemüse von überall auf der Welt zukaufen, auch wenn es hier gar nicht Saison hat. Zucchini oder Gurken brauchen aber zum Beispiel sehr viel Wasser, und das fehlt dann auch in den Regionen, in denen sie angebaut werden.
Wird es durch die Hitze auch weniger Milch geben?
Die Auswirkungen durch vorzeitige Schlachtungen und Futterknappheit werden wir erst zeitverzögert spüren. In diesem Jahr gibt es relativ viel Milch auf dem Markt. Aber es wird in den nächsten Jahren weniger geben, wenn sich die extremen Wetterlagen so weiterentwickeln.
Auch jetzt haben unsere Kühe schon eine geringere Milchleistung und die Inhaltsstoffe der Milch verändern sich. Die Sommermilch hat ohnehin meistens ein bisschen weniger Fett. Momentan sinken aber der Fett- und Eiweißgehalt merklich. Der Hitzestress wirkt sich auch auf die Fruchtbarkeit der Tiere aus.
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Wie blicken Sie angesichts des Klimawandels auf die Zukunft?
Wenn es nicht regnet, können wir tatsächlich relativ wenig machen. Unser Betrieb baut keine Marktfrüchte wie Backweizen, Kartoffeln oder Raps an, die höhere Ansprüche haben als unser Ackerfutter. Wir versuchen als Anpassung an veränderte klimatische Bedingungen, zum Beispiel möglichst trockentolerante und robuste Getreide- oder Silomaissorten anzubauen. Aber wir brauchen einfach Regen.
Wie sollte der Staat die Landwirtschaft unterstützen?
Ich würde mir von der Politik wünschen, dass die EU-Direktzahlungen anders geregelt werden. Die Förderung sollte nicht allein von der Fläche abhängen, sondern die Frage sollte sein: Wie bewirtschafte ich meine Fläche? Es sollte also darum gehen, Betriebe zu unterstützen, die klimaverträglicher wirtschaften. Zusätzlich brauchen wir eine bessere Stellung in der Wertschöpfungskette, etwa mit Verträgen, damit Landwirte ihre Kosten weitergeben und Gewinne erzielen können.
Wie versuchen Sie, sich anzupassen?
Wir haben den Nachteil oder das Glück, dass es keine Flurbereinigung gab. Unsere Flächen sind in kleine Parzellen unterteilt, es gibt sehr viele Hecken, Bäume und Waldränder. Wir haben dadurch mehr Beschattung, mehr Biodiversität und bessere Wasserspeicherung. Aber die Bewirtschaftung ist in so einer Kulturlandschaft viel aufwendiger und kostenintensiver als bei großflächigen Monokulturen. Dieser ökologische Mehrwert muss auch bezahlt werden.
Sie sehen die Folgen des Klimawandels jeden Tag. Wie geht es eigentlich Ihnen selbst?
Für mich ist es täglich eine große Herausforderung, trotz aller Schwierigkeiten und auch Widrigkeiten, die nicht wirklich beeinflussbar sind, sich die Freude an der Arbeit zu bewahren. Und auch wenn es viel Kraft kostet, das Engagement und die Verantwortung für Familie, Tiere und den Betrieb nicht zu verlieren. Ich wünsche mir mehr Demut vor der Natur und auch wieder mehr Bewusstsein, dass unser gutes Leben keine Selbstverständlichkeit ist.


