Walter ist 90 und seit mehr als 60 Jahren mit Erna verheiratet, hat mit ihr zwei Kinder, die jetzt selbst alt werden, Enkel, ein hübsches Haus und eine gute Pension. Er erzählt gern von seinen Liebesritualen: Er liest seiner Erna jeden Abend Gedichte vor, bettet sie mit einem warmen Kirschkernkissen. Morgens macht er für sie Kaffee und das Frühstück, ein Müsli aus mehr als 30 Zutaten. Er habe manchmal Angst davor, dass sie vor ihm sterbe, schreibt er in einer seiner vielen Mails. Sie sei doch alles für ihn.
Diese Mailfreundschaft begann mit einer Nachricht von Walter, er schrieb, weil wir unsere Leser aufriefen, uns ihre Liebesgeschichten zu erzählen.
Er schrieb auch über seine Sehnsucht nach Umarmungen und Küssen. Dann wurden seine Mails immer länger. Er schrieb, dass er sich zu wenig geliebt fühle. Dass ihm Zuneigung und Nähe fehlten. Von Anfang an. Und dass er sie trotzdem so sehr liebe, dass eine Trennung für ihn nie infrage gekommen sei. Auch, als er eine andere Frau traf, die ihm all das gab, was er so sehr vermisste. Dann stand in seiner Mail das Wort Missbrauch. Deshalb sollen die beiden hier anders heißen.
Wir telefonierten, um uns zu verabreden. Walter erzählte, dass Erna als Kind vergewaltigt wurde. Bis heute belastet das ihre Ehe. Sie mache oft dicht, wenn er über Gefühle reden wolle. Der Sex sei kühl. Für ihn bedeutet Liebe deshalb vor allem Rücksicht und Verzicht. Am Missbrauch leiden nicht nur die Opfer, sondern auch deren Partner, sagte er.
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