Illustration von Harald Feller im braunen Anzug mit roter Krawatte. Im Hintergrund sind Reisedokumente, ein Zug und Berta Rottenberg zu sehen
Harald Feller sah es als seine selbstverständliche Pflicht an, Jüdinnen und Juden zu retten
Laura Breiling
Holocaust
Der vergessene Held
Er rettete mehr als 30 Jüdinnen und Juden in Budapest das Leben, danach geriet er in sowjetische Gefangenschaft. In seiner Schweizer Heimat beschuldigte man Harald Feller nach dem Krieg, mit den Nazis kollaboriert zu haben
Lena Uphoff
06.07.2026
3Min

Budapest im März 1944, die Nazis besetzen Ungarn, Jüdinnen und Juden sind nicht mehr sicher. Der 31-jährige Harald Feller arbeitet seit 1943 als Legationssekretär in der Schweizer Gesandtschaft. Diese beauftragt Feller, jüdischen Schweizern und Schweizerinnen bei der Ausreise zu helfen. Dabei lautet die Anweisung: Versteckt keine Menschen vor den Nazis.

Die Jüdin Berta Rottenberg wendet sich an Feller. Ihr Mann wurde deportiert. Sie ist hochschwanger und will mit ihrer Tochter Eva fliehen. Ihr Fall ist kompliziert, anfangs gar hoffnungslos, erklärt Feller später. Die gebürtige Schweizerin hat den Ungarn Willi Rottenberg geheiratet und dabei ihre Staatsbürgerschaft verloren. Auch ihr droht nun die Deportation. Trotzdem verweigert die Berner Behörde der Familie Pässe und Asyl.

Das geht gegen Fellers Gerechtigkeitssinn. Er entscheidet sich für halblegale Mittel. Kurzerhand schreibt er den Rottenbergs provisorische Pässe. Statt "jüdisch" schreibt er "reformiert" hinein. Er bringt Berta mit Tochter Eva und Vera, der Neugeborenen, zum Zug und gibt ihnen noch einen Kuchen mit.

Doch Feller fälscht nicht nur Unterlagen, er widersetzt sich auch der Anweisung, Juden kein Asyl zu geben. Zuerst versteckt er den jüdischen Übersetzer und Schriftsteller Gábor Devecseri in seiner Wohnung. Außerdem beschafft er ihm falsche Papiere und finanziert seinen Unterhalt. Seinen Kollegen erzählt er nichts davon.

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Die Pfeilkreuzler, ungarische Nationalsozialisten, putschen sich im Oktober 1944 an die Macht. Fellers Chef, der Gesandte Maximilian Jaeger, wird in die Schweiz zurückberufen. Auf einmal ist Harald Feller als Geschäftsträger verantwortlich für die gesamte Schweizer Gesandtschaft.

Er versteckt nicht nur Jüdinnen und Juden in konsularischen Gebäuden, sondern auch schwedische Kollegen - die nämlich haben Tausende Schutzbriefe für jüdische Menschen ausgestellt und sind nun auch selbst in akuter Gefahr. Insgesamt kümmert er sich so um rund 50 Menschen.

Unter Bombenangriffen

Als Harald Feller und seine Sekretärin Katalin Perényi im Dezember 1944 dabei sind, Gefangene des Budapester Ghettos mit schweizerischen Schutzbriefen zu befreien, hält eine Pfeilkreuzler-Patrouille sie auf. Acht Stunden lang wird Feller verhört, bedroht, misshandelt. Eine geladene Waffe wird auf ihn gerichtet. Feller bleibt ruhig und behauptet, die Schweizer Regierung würde Vergeltung üben, sollte ihm etwas geschehen. Die beiden werden freigelassen.

Sogar unter den alliierten Bombenangriffen setzt Feller seine Hilfsaktionen fort. Als dann im Februar 1945 die Rote Armee Budapest einnimmt, scheint die Gefahr überstanden. Doch auf einmal befiehlt ein sowjetischer Offizier, Feller solle ihm sofort folgen. Fast ein Jahr wird Harald Feller in Moskau gefangen gehalten. 1946 wird er gegen sowjetische Überläufer ausgetauscht.

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Als Harald Feller zurück in der Schweiz ist, folgt der nächste Schock: Der schweizerische Staat klagt ihn an, ehemalige Kollegen beschuldigen ihn, Nazi-Kollaborateur gewesen zu sein. Doch der Richter urteilt, das sei unwahr und eine Verleumdung. Er lobt Feller für seine Rettungsaktionen. Allerdings verwarnt er ihn auch, weil er seine Dienstpflicht verletzt habe, als er falsche Pässe ausstellte.

Frustriert verlässt Feller 1949 den diplomatischen Dienst und wird Gerichtsschreiber und 1959 Staatsanwalt in Bern. Als Staatsanwalt besucht er Gefängnisse und stößt auf eine Theatergruppe in der Emmentaler Justizvollzugsanstalt Thorberg. Feller erfüllt sich seinen künstlerischen Jugendtraum, indem er mit Inhaftierten Theaterstücke inszeniert.

Seine öffentliche Anerkennung beginnt erst in den 1990er Jahren durch die Töchter von Berta Rottenberg. Eva sucht nach ihrem Retter und findet ihn im Telefonbuch. Die Schwestern treffen Feller im Hotel Schweizerhof in Bern, um herauszufinden, warum er sich für sie eingesetzt hat. Vera Rottenberg berichtet 2023 im Schweizerischen Radio: "Für ihn war es das Normalste von der Welt, das, was man eben in dieser Situation macht."

Auf ihre Initiative wird Harald Feller 1999 von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem der Titel "Gerechter unter den Völkern" verliehen. In seiner Dankesrede bekräftigt er: "Ich bin kein Held, ich habe eine selbstverständliche Pflicht erfüllt."

2003 zeichnet die Burgergemeinde Bern ihn mit einer Medaille für seine selbstlosen Leistungen als Schweizer Diplomat und sein Engagement als Regisseur aus. Wenige Monate später stirbt Harald Feller.

Infobox

François Wisard: Harald Feller. Retter von Verfolgten, Gefangener von Stalin. Die Leben eines Schweizer Diplomaten in Budapest. Übersetzt von Lis Künzli. ElfundZehn Verlag Zürich, 250 Seiten, 29,80 Euro.

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