Hat man schon einen "heiligen Moment", wenn man mit einem Chai Latte die Morgensonne auf dem Balkon genießt oder während einer Bahnfahrt die Landschaft an sich vorüberziehen lässt? Oder, anders formuliert: Befindet man sich mit ein paar Minuten intensivierter me time bereits in der Sphäre des Heiligen? Ich meine: eher nein. Wobei die Grenzen, das lässt sich kaum bestreiten, fließend sind. Der Anblick eines Gebirgspanoramas hat etwas Heiliges, weil die schiere Größe den Betrachter auf sein "Kreaturgefühl" zurückwirft, wie es Rudolf Otto, der Meisterdenker des Heiligen, formuliert hat.
Wenn ich selbst über meine "heiligen Momente" nachdenke, lande ich jedoch dort, wo man das Heilige zuallererst vermuten würde, nämlich bei der Religion. Mein heiliger Moment ist das Abendmahl. Ein Ritual, das umso stärker in seinen Bann ziehen kann, je länger man sich damit beschäftigt.
"Heilig" ist das Abendmahl, weil es einen nicht nur auf sich selbst zurückwirft, sondern diese Selbstbegegnung zugleich eine Begegnung mit Gott beinhaltet. Vor einigen Jahren hat mir jemand erzählt, dass es in manchen Teilen Frankens lange nicht üblich gewesen ist, in den Kirchengemeinden mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst mit Abendmahl zu feiern. Das Sakrament galt als so bedeutsam, dass es nur ein paar Mal im Jahr angeboten wurde, dafür aber mit besonderer Vorbereitung.
Wer das Blut und den Leib des Heilands in sich aufnehmen wollte, sollte dies gefälligst rein angehen und deshalb vorher Buße tun und seine eigenen Verfehlungen vor Gott klargezogen haben. Diese enge Verknüpfung zwischen Abendmahl und Gewissen lässt sich biblisch auch gut begründen: "Der Mensch prüfe aber sich selbst, und so esse er von diesem Brot und trinke von diesem Kelch", heißt es im Korintherbrief. Denn wer das nicht tue, "der isst und trinkt sich selber zum Gericht", so Paulus.
Nun kann man fragen, was eine solch gewissensschwere Moral mit dem Heiligen tun hat, bei dem es doch um Wahrnehmungssteigerung, um Gefühlshebung geht? Das halte ich aber für eine kunstreligiöse Verkürzung des Heiligen. Denn nach dieser Logik hätten die Puritaner so gut wie keine Gelegenheiten für heilige Momente gehabt, obwohl sie wie kaum eine andere Strömung des Christentums mit der "Heiligung" ihres Lebenswandels beschäftigt haben.
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Das eigentlich Faszinierende am Abendmahl ist aus meiner Sicht jedoch, dass es neben der moralischen Dimension noch weitere Deutungsebenen gibt, angefangen mit dem Symbolgehalt der beiden Elemente Brot und Wein. Das Brot steht für einfache Sättigung, den Alltag, der Wein hingegen für die Fülle, die Ekstase, den Genuss. Dieser Symbolgehalt von Brot und Wein wird sich nicht so schnell ausrotten lassen, auch nicht durch Kirchentagstheologen, die stattdessen irgendwelchen Süßkram auf den Altar stellen wollen.
Deutlich mehr Sorgen bereiten mir die Folgen der Corona-Pandemie. Seither wird in den meisten evangelischen Kirchen nur noch eine fade Oblate in den Kelch getunkt, die manchmal auch unangenehm am Zahnfleisch kleben bleibt. Ich plädiere an dieser Stelle für symbolischen Purismus: Brot heißt Brot. Und Kelch meint, dass man diesen Kelch auch herumreicht und daraus trinkt.
Denn das Abendmahl ist ein Gemeinschaftsmahl. Wie so häufig im Christentum geht es im Abendmahl sowohl um die vertikale Beziehung zu Gott als auch die horizontalen Beziehungen zu anderen Menschen. Beides verweist wechselseitig aufeinander. Dazu gehört auch, dass man das Abendmahl nicht wie andere Mahlzeiten gemeinsam mit family and friends zu sich nimmt, sondern mit Menschen, die man nicht kennt, die womöglich ziemlich anders leben und denen man am Ende dennoch fest die Hände drückt. Auch dieser inklusive, universalistische Gedanke gehört zum Ritual.
Und damit sind wir bei der letzten Bedeutungsebene: Die Exegeten sind sich weitgehend einig darüber, dass Jesus sein letztes gemeinsames Mahl mit den Jüngern als Vorwegnahme des endzeitlichen Mahls im Reich Gottes verstanden hat. Dieses "zu Tische sitzen im Reich Gottes" ist aus meiner Sicht das einprägsamste und verheißungsvollste Bild für die letzten Dinge. Wobei natürlich klar ist, dass das menschliche Vorstellungsvermögen damit jenseits seiner Grenzen operiert, was mich wiederum hart auf mein "Kreaturgefühl" zurückwirft, wenn ich darüber nachsinne.


