Tierliebe
Wie ein Hund Martin Luther inspirierte
Martin Luther liebte seinen Hund Tölpel sehr. Das Tier war für ihn ein Beweis für die Vollkommenheit der Schöpfung. Und in einer wichtigen Sache sogar ein Vorbild
Zotteliger schwarzer Hund schaut in die Ferne
Vielleicht sah Martin Luthers Hund so aus? Leider gibt es keine zeitgenössischen Darstellungen von Tölpel
Egon Gade / Getty Images
(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfreiAndreas Schoelzel
15.05.2026
3Min

In den vergangenen Wochen gab es Anlass, über das unnatürliche Verhältnis mancher Menschen zu Tieren nachzudenken. Auffällig war, dass es nur wenig kirchliche Stimmen zum Drama um den sterbenden Wal in der Ostsee gab. Wahrscheinlich war das gut so.

Nun ist ein ebenso kurzes wie inhaltsreiches, ebenso gelehrtes wie unterhaltsames Buch erschienen, das dazu einlädt, ohne falsche Aufregung über das Verhältnis von Mensch und Tier nachzudenken. Geschrieben hat es Stefan Rhein, langjähriger, ehemaliger Direktor der Luther-Gedenkstätten. Das Werk handelt von Martin Luthers Hund Tölpel.

Dass Martin Luther einen Hund hatte, wusste ich nicht. Nach der Lektüre weiß ich: Er muss ihn lieb gehabt haben. Wahrscheinlich begann ihre Freundschaft, als Luther – obwohl kein Mönch mehr – fast allein im verwaisten Augustinerkloster in Wittenberg wohnte. Später, nachdem er mit Katharina von Bora eine Familie gegründet hatte, lebte er mitten unter Tieren. Ihr Wohnort war zugleich Professorenhaus und Bauernhof. Es gab Schweine, Kühe, Schafe, Hühner, Bienen, wahrscheinlich auch Pferde. Doch sie gehörten zum Herrschaftsbereich von Katharina, die die Geschäfte führte. Martin konnte nur ein Tier sein Eigen nennen: Tölpel oder Tölplin.

Es war kein Jagdhund, wie adlige Herren einen besaßen, und kein Schoßhund für adlige Damen, auch kein Wachhund. Wahrscheinlich war es ein kleiner, freundlicher, nicht allzu streng erzogener Spitz. Luther nahm ihn überall hin mit, sogar zu seinen Vorlesungen (zu seinen Predigten wohl eher nicht). Vielleicht erwähnt Luther in seinen Schriften so oft Hunde (leider auch in polemischen Vergleichen), weil Tölpel bei ihm lag, wenn er in seinem Arbeitszimmer schrieb. Aber Tölpel lag nicht nur herum, er hatte viel Auslauf und Kontakt zu anderen Lebewesen. Man muss sich Tölpel als ein glückliches Tier vorstellen.

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Luther hatte eine unkomplizierte menschliche Freude an seinem Hund. Über Tölpel begegnet man ihm nicht als epochalem Reformator mit Licht- und Schattenseiten, sondern in seiner schlichten Alltäglichkeit. Zugleich hat Tölpel ihn zu erfreulichen theologischen Gedanken inspiriert.

Seine Beziehung zu seinem Hund erschien Luther fast wie etwas Paradiesisches. Dieses "allertreuste Lebewesen" verstand ihn, auch wenn es nicht mit Worten antworten konnte. Es konnte weinen, also echte Empfindungen wie Freude oder Trauer zeigen. Er war treu, wie kein Mensch es ist. Er war schön: "Seht den Hund an! Er hat nicht einen einzigen Fehler an seinem ganzen Leib, er hat frische Augen, starke Beine, schöne weiße Zähne, einen guten Magen. Das sind die höchsten körperlichen Vorzüge, und Gott gibt sie einem solchen unvernünftigen Tier." So war Tölpel für Luther so etwas wie ein Gottesbeweis oder zumindest ein Beleg für das Wunder der Schöpfung.

Luther erklärte Tölpel sogar zum spirituellen Vorbild. Denn wenn Luther mit seiner Familie oder seinen Gästen zu Tisch saß, bettelte dieser so ausdauernd und konzentriert um ein Stück Fleisch, dass Luther schrieb: "O, dass ich so beten könnte, wie der Hund auf das Fleisch schaut. Seine Gedanken richten sich alle auf das Stück Fleisch, sonst denkt, wünscht, hofft er nichts." So konzentriert wollte Luther zu Gott beten können, schaffte es aber zu selten.

Ab etwa 1535 schweigen die Quellen über Tölpel. Er wird gestorben sein. Luther legte sich keinen neuen Hund zu. Tölpel blieb das einzige geliebte Tier in seinem Leben.

Heute arbeiten manche an einer Theologie der Tiere. Diese wird praktisch, wenn darüber diskutiert wird, was mit Haustieren nach ihrem Tod geschehen soll. Soll man sie christlich bestatten, vielleicht sogar neben ihren Lebensmenschen? Luther war da sehr großherzig. Wie selbstverständlich sprach er von einer Auferstehung auch der Tiere. Denn nach dem Jüngsten Tag würde die Erde nicht wüst und leer sein: "Gott wird eine neue Erde und einen neuen Himmel erschaffen, er wird auch neue Tölpels erschaffen, deren Haut golden und deren Fell aus Perlen sein wird."

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Kolumne

Johann Hinrich Claussen

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur