Kinder verletzten sich, Eltern machen sich Sorgen. Aber kann man Verletzungen mit einander verrechnen?
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Unfälle
Kann man mit dem Schicksal verhandeln?
Eine Kindheit ohne Verletzungen gibt es nicht und wäre wohl auch langeweilig. Trotzdem sorgt sich unser Autor und fragt sich, ob viele kleine Unfälle einen größeren verhindern können?
Lena Uphoff
16.04.2026
3Min

Skiunfälle sind ja sehr häufig. Ich fahre Ski, seitdem ich ein Kind bin. Unzählige Male habe ich gehört, dass sich irgendjemand einen Fuß, ein Bein gebrochen oder den Arm verletzt hat oder noch schlimmer gestürzt ist. Ich bin immer unversehrt geblieben und war auch noch nie bei einem Unfall dabei – bis jetzt. Aber dazu komme ich gleich.

Seit sechs Jahren fahre ich zusammen mit unseren Kindern Ski. Und irgendwie beschlich mich ein komisches Mischgefühl: einerseits die Angst, dass etwas passieren könnte – die ist unter Eltern ja sowieso omnipräsent. Andererseits schien mich mein eigenes Glück in der Vergangenheit auch vor kommendem Unheil zu bewahren.

Ich weiß natürlich, dass das Blödsinn ist. Es gibt keinen messbaren Zusammenhang zwischen dem letzten Skiurlaub und dem nächsten. Trotzdem denke ich manchmal in solchen komischen Kategorien von Pseudo-Wahrscheinlichkeitsrechnung. Bei drei Kindern steigt die Gefahr, dass einem der Kinder etwas passieren könnte. Wenn nun alle sich aber schon ab und zu etwas Kleines gebrochen haben, vielleicht bewahrt es sie dann vor einem größeren Unfall? Oder eben: Wenn ich nun schon so lange unfallfrei Ski gefahren bin, warum sollte dann jetzt etwas passieren? Als könnte man mit dem Schicksal verhandeln.

Dieses Jahr war es jedenfalls mit dem Glück zu Ende. Wir waren fünf Tage in den Alpen. Das Wetter war ganz gut. Es gab ordentlich Naturschnee, und es war kalt, die Pisten bestanden nicht nur aus Sulz. Am letzten Tag, auf der allerletzten Abfahrt, stürzte einer unserer Söhne. Nach dem Sturz hatte er starke Schmerzen und hielt sich schreiend die Schulter. Er war noch ziemlich weit oben auf dem Berg. Kurz war ich überfordert. Zum Glück hielt mir unser anderer Sohn kurzerhand die Telefonnummer der Pistenrettung unter die Nase. Er hatte sich gemerkt, dass sie oben auf dem Liftplan stand.

Der Pistensanitäter kam schnell, vermutete einen Schlüsselbeinbruch und sagte, er könne den Sohn nicht ohne sehr starke Schmerzen nach unten bringen. Also rief er den Helikopter. Ganz schön dramatisch war das, und es fühlt sich auch jetzt beim Aufschreiben noch ganz aufregend an. Ich war alleine mit unseren drei Kindern auf dem Berg und musste ja noch die zwei unversehrten nach unten bringen. Also flog der Sohn alleine mit dem Rettungshubschrauber davon. Das ist ein Bild, das ich so schnell nicht vergessen werde.

Es ist alles glimpflich ausgegangen. Es war tatsächlich das Schlüsselbein, und nach drei Wochen müsste es eigentlich verheilt sein, sagt der Arzt. Als ich unseren Sohn fragte, ob er jetzt noch Lust hat, Ski zu fahren, fand er die Frage absurd. Natürlich! Wo ist der Zusammenhang? Und als ich ihm sagte, wie doof es sei, dass es ausgerechnet zehn Minuten vor Ende des Skiurlaubs passiert ist, sagte er nur: Ist doch gut, so konnten wir vorher die ganze Zeit schön fahren.

Das leuchtet mir ein. Aber in mir spüre ich auch den Impuls zu sagen: Das war es jetzt, die Glückssträhne ist gerissen, ich lasse das Skifahren ab sofort. Es gibt ohnehin genug Gründe, die dagegen sprechen. Doch dazu mischt sich ein gegenteiliges Gefühl: Wenn man doch mit dem Schicksal verhandeln kann, dann könnte es ja auch sein, dass wir nun für die nächsten Jahre wieder unsere Ruhe haben. Nachdem nun einmal etwas passiert ist, wird schon so schnell nicht wieder etwas geschehen.

Auch wenn ich mir selbst komisch dabei vorkomme, so zu denken, komme ich nicht ganz los von solchen blödsinnigen Analogieschlüssen. Und wer weiß, vielleicht sind solche Gedanken der Trick meines Kopfes, um mich selbst und meine Ängste auszutricksen. Denn was wäre ich für ein Vater, der seine eigenen Ängste auf die Kinder überträgt? Da glaube ich doch lieber an einen Deal mit dem Schicksal und hoffe, dass wir es durch diesen Unfall für die nächsten Jahre gnädig gestimmt haben.

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Kolumne

Michael Güthlein
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Konstantin Sacher

Michael Güthlein und Konstantin Sacher sind Väter: zwei (Säugling, 2) und drei Kinder (7, 10, 12). Beide erzählen über ihr Rollenverständnis und ihre Abenteuer zwischen Kinderkrabbeln und Elternabend, zwischen Beikost und Ferienlager. Sie schreiben im Wechsel.