Wie ist die aktuelle Lage im Libanon - besonders für Christinnen und Christen?
Gabriel Khairallah: Alles hängt stark davon ab, wo man lebt. Auch christliche Viertel im Südlibanon werden bombardiert, einige Menschen mussten ihre Dörfer verlassen und leben derzeit in Beirut unter sehr prekären Bedingungen. Diejenigen, die geblieben sind, erleben täglich Drohnen- und Bombenangriffe. Manche Christen sind in das große Grenzdorf Rmeich geflohen. Aber auch dort sind die Menschen Bombardierungen ausgesetzt. Christ*innen befinden sich dort in einer Zwickmühle - zwischen israelischen Bomben auf der einen und der Hisbollah auf der anderen Seite.
Wie viele Christen leben derzeit im Libanon?
Die Regierung will die genauen Zahlen nicht veröffentlichen, aber sie sagt, dass es knapp 30 Prozent der Bevölkerung sind. Meiner Wahrnehmung nach sind es viel weniger.
Gabriel Khairallah
Am 9. März starb zum ersten Mal auch ein Priester bei einer Bombardierung im Süden. Verschärft sich dadurch das Verhältnis der Christinnen und Christen zur Hisbollah?
Wir Christen sind solidarisch mit allen Betroffenen. Natürlich gibt es einige, die wütend auf die Hisbollah sind, weil sie uns in diesen Krieg hineingezogen hat. Der maronitische Priester Pierre El-Rahi wollte einem älteren Ehepaar aus der Gemeinde helfen, deren Haus von einem israelischen Panzer beschossen wurde. Als der Panzer erneut schoss, wurde er verletzt und starb an seinen Verletzungen. Das hat natürlich Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Christ*innen und Hisbollah.
Wir zahlen den Preis für die Kriege anderer Leute. Zugleich sehen wir auch, dass Israel den Waffenstillstand von 2024 nicht respektiert und den Süden regelmäßig bombardiert. Das ist für die Hisbollah ein Grund, um sich zu verteidigen. Und Israel erklärt seine Angriffe damit, dass die Hisbollah sich aufrüste. Es gibt immer Ausreden auf beiden Seiten, um Krieg zu führen. Aber dieses Mal blieb der Libanon zunächst verschont - bis Hisbollah-Leute ein paar Raketen abfeuerten.
Welche Aufgabe hat die Kirche jetzt?
Die Kirche im Libanon hat den Krieg angeprangert und zeigt auch ihre Enttäuschung darüber, dass einige Parteien das Land in ihn hineingezogen haben – das ist eine verschleierte Kritik an der Hisbollah. Aber die Kirche plädiert immer für den Frieden. Es ist unsere Aufgabe, Hoffnungsträger zu sein und die Menschen zum Wohlwollen aufzurufen.
Wie versucht die Kirche, Menschen zu beschützen?
Gegenwärtig mobilisieren sich christliche NGOs und Gemeinden, indem sie Geflüchtete aufnehmen. Wir haben alle Räumlichkeiten unserer Kirche auch für Menschen aus dem Sudan, aus Sri Lanka oder Bangladesch geöffnet, die im Libanon als Angestellte arbeiten und sonst keine Zuflucht haben - das sind fast 200 Menschen. Viele andere Kirchen tun dasselbe und nehmen Geflüchtete auf - egal ob Christ oder Muslim. Denn Armut hat keine Religion.
Wie passt das zusammen, Wut und Solidarität?
Es ist eine besondere Form der Solidarität. Vergangenen Sonntag habe ich in meiner Messe gepredigt, dass es eine Sache ist, wütend auf die Hisbollah zu sein, aber eine andere, auch danach zu handeln. Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Wut zu Hass wird und wir die Menschen dahinter entmenschlichen. Sie bleiben unsere Brüder und Schwestern. Wir müssen nicht mit ihrer Ideologie übereinstimmen, aber im Namen der Menschlichkeit stehe ich zu ihren Diensten. Ein befreundeter Priester, der eine Solidaritätsküche betreibt, sagte neulich: So wütend er auch auf eine bestimmte politische Partei sei – er würde niemals einem armen Menschen, der dieser Partei angehört, das Essen verweigern, wenn dieser an die Tür klopft und Hunger hat.
Haben Christ*innen, die Geflüchtete aufnehmen, nicht die Sorge, dadurch selbst ins Visier zu geraten?
Diese Sorge gibt es tatsächlich auch. Während des Krieges 2024 wurden im Libanon Wohnungen bombardiert, in denen sich auch Hisbollah-Mitglieder aufhielten. Die Familien, die sie aufgenommen hatten, starben mit ihnen. Diese schlimmen Erfahrungen prägen uns bis heute. Viele wollen helfen, haben aber große Angst vor möglichen Konsequenzen.
Meine Mutter zum Beispiel hat eine freie Wohnung im Haus, aber sie sagt: Wenn sie die an eine schiitische Familie vermietet und ein Verwandter von der Hisbollah zu Besuch kommt, könnte eine Drohne das Gebäude angreifen – und dann würden alle sterben, auch ihre Nachbarn. Dieses Risiko könne sie nicht eingehen, weder für sich noch für die anderen im Haus. Trotzdem betont sie: Eigentlich müsse man Menschen in Not aufnehmen. Doch die Angst ist real, auch in christlichen Gegenden. Kürzlich wurde in dem Vorort Hazmieh ein Hotel Ziel eines israelischen Luftangriffs, weil dort ein iranischer Diplomat zu Besuch gewesen sein soll.
Wie wahrscheinlich ist es, dass die Hisbollah die Waffen niederlegt?
Das kommt alles darauf an, was für Instruktionen sie aus dem Iran erhalten. Die Hisbollah ist derzeit gespalten zwischen einem sehr radikalen Flügel, der den Iranern nahesteht, und einem gemäßigten Flügel, der mit der libanesischen Regierung verhandeln will. Ich glaube an den Pragmatismus. Wenn es der Hisbollah um ihr Überleben geht, dann werden sie auch ihre Waffen niederlegen - insbesondere, wenn Stimmen aus ihrer eigenen Mitte das einfordern, weil sie den Krieg nicht mehr aushalten.
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Aber ist die Hisbollah noch so stark?
Laut der libanesischen Presse ist sie geschwächt, aber was bedeutet das? Was wir bisher sehen können, ist vor allem: Sie ist widerstandsfähig. Dazu kommt der Märtyrerkult: Ihre Anhänger haben keine Angst vor der Angst. Sie verfolgen die Strategie der verbrannten Erde, wollen als Märtyrer sterben und jeden zum Märtyrer machen. Für einige von ihnen hat menschliches Leben keine Bedeutung. Das gilt natürlich nicht für alle, aber für viele. Laut den Israelis hätten sie in letzter Zeit wieder aufgerüstet, andere Militärexperten sagen wiederum, sie hätten ihre Waffenfähigkeit verloren. Man könnte sagen, es ist fast wie ein lebloser Körper, der versucht, Widerstand zu leisten.
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Wie realistisch ist es, dass der Krieg schnell aufhört?
Ich glaube leider nicht, dass es so schnell enden wird. Alles hängt vom Iran und den Vereinigten Staaten ab. Und der Iran leistet mehr Widerstand als erwartet. Selbst wenn das Land kapituliert, was mich wundern würde, heißt das nicht, dass es auch fallen wird. Nun haben die Iraner den Sohn von Khamenei gewählt, der dem radikalen Flügel der Revolutionsgarden nahesteht. Wir können nur hoffen, dass der gemäßigte Flügel innerhalb der Hisbollah mächtiger wird und den Einflussbereich des Irans verlässt.
Könnte aus dem Krieg etwas Gutes folgen?
Alles ist möglich. Falls das iranische Regime fällt, es den Amerikanern gelingt, einen moderaten Nachfolger zu ernennen, könnte es zum Frieden führen. Denn die iranische Bevölkerung ist sehr gebildet. Dennoch ist der Iran eben auch kein homogenes Land, es gibt Kurden, Paschtunen, Sunniten. Wir können nur auf Frieden hoffen. Trotzdem gibt es das Risiko eines Bürgerkrieges - das gilt leider auch für den Libanon.
Was macht Ihnen derzeit noch Hoffnung?
Ich lese gerade den deutschen Theologen Dietrich Bonhoeffer, der mit seinem Leben dafür bezahlt hat, dass er dem Bösen widerstanden hat, genau wie Sophie und Hans Scholl. Sie haben auf intelligente Weise Widerstand geleistet. Es sind Leute wie diese, die mir viel Hoffnung geben, weil sie sich für die Menschlichkeit eingesetzt haben. Wenn Deutschland es geschafft hat, entnazifiziert zu werden, können auch wir hoffen, eines Tages "enthisbollifiziert" zu werden.
Im Petrusbrief gibt es ein Wort zur Logik der Hoffnung: "Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt", vergleiche 1 Petr 3,15. Meiner Meinung nach besteht die Rolle des Priesters, eigentlich die Rolle jedes Christen und aller Menschen darin, ein unermüdlicher Kämpfer für den Frieden zu sein. Das ist gerade natürlich nicht so einfach. Aber gerade wenn die Stimmen für Bomben immer lauter werden, brauchen wir auch Stimmen der Vernunft. Das ist unsere Aufgabe, in der Zeit der Entmenschlichung ein bisschen menschlich zu bleiben.


