Flüchtige Himmelsleiter
Lassen sich heilige Momente festhalten?
Es gibt Heiliges in der Welt, schreibt der Theologe Karl Tetzlaff. Flüchtig sind diese Momente, doch sie lassen sich bewahren.
Arianna Vairo für chrismon
20.03.2026
3Min

Jakob macht auf der Flucht vor seinem Bruder Esau, den er um sein Erbe gebracht hat, eine merkwürdige Traumerfahrung (Gen 28,10-22). Mitten im Schlaf öffnet sich ihm der Himmel. Engel steigen an einer bis zur Erde reichenden Leiter auf und nieder. Gott spricht zu ihm. Am nächsten Morgen ist alles vorbei und nichts mehr von den nächtlichen Traumbildern zu sehen.

"Wie heilig ist diese Stätte!", sagt Jakob da, obwohl die steinige Landschaft um ihn her genauso öde anmutet wie am Tag zuvor. Heiligkeit ist eben keine sichtbare Qualität, die man objektiv irgendwo ablesen könnte. Es sind vielmehr subjektive Erfahrungen, die es nahelegen, etwas als heilig zu bezeichnen.

Der Religionssoziologe Hans Joas spricht hier von "Erfahrungen der Selbsttranszendenz". Damit meint er Erfahrungen, die mich über mein landläufiges Selbstsein hinausgehen lassen und mir vor Augen führen, dass das, was ist, nicht alles ist. Solche Erfahrungen kann uns beispielsweise ein Traum verschaffen – so wie es dem biblischen Jakob ergangen ist. Ihm wurde durch die nächtliche Erscheinung deutlich, dass er mehr ist als nur ein flüchtiger Betrüger mit ungewisser Zukunft.

Ein Traum ist aber nur eine Möglichkeit. Der romantische Dichter Novalis (1772–1801) nennt ganz unterschiedliche Situationen, in denen das "Vermögen, außer sich zu seyn", angeregt werden kann: "beym Anblick mancher menschlicher Gestalten und Gesichter (…) mancher Augen, mancher Minen, mancher Bewegungen – beym Hören gewisser Worte, beym Lesen gewisser Stellen (…), besondre Jahrs- und Tageszeiten liefern uns solche Erfahrungen. Die meisten sind augenblicklich – wenige verziehend – die wenigsten bleibend."

So vielfältig also die Möglichkeiten sind, etwas als heilig und mich über mich hinausführend zu erfahren, so flüchtig sind derartige Erfahrungen zugleich. Religiöse Sprache und Rituale können sie jedoch aus der Flüchtigkeit des Moments herauslösen und weiter zugänglich halten.

"Es schien etwas von der unverbrüchlichen Heiligkeit des Lebens auf"

Karl Tetzlaff

Der Jakob der Bibel errichtet ein erinnerndes "Steinmal" an dem Ort, an dem sich ihm im Traum der Himmel aufgetan hat. Wo aber errichten wir heute unsere "Steinmale"? Auch wir brauchen doch Ausdrucksmöglichkeiten, mit denen solche Heiligkeitserfahrungen festgehalten werden können. Sonst versacken sie schnell wieder im rasanten Wechsel der Augenblicke.

Drei Jahre vor ihrem Tod hatte meine Großmutter uns Enkel darum gebeten, ihre Beerdigung zu gestalten. Sie erzählte von prägenden Lebensereignissen. Die Erfahrung der Flucht spielte dabei die entscheidende Rolle. Mit vierzehn musste sie sich gegen Kriegsende längere Zeit allein durchschlagen und gefahrvolle Situationen bestehen.

Sie berichtete von Begegnungen, die ihr plötzlich neue Zuversicht gaben: der russische Soldat, der ihr ein Stück Seife schenkte; die Bäckersfrau, die ihr ein Brot überließ; der Pfarrer, der sie mit anderen Geflüchteten aufnahm; ihre Tante, mit der sie ein Stück Weg gemeinsam ging. Es gab Gottesdienste und Hausandachten an unmöglichen Orten. Und immer wieder war es Musik, die sie aufleben ließ. Es waren Momente, in denen sich ihr wie dem biblischen Jakob kurz der Himmel auftat und ein anderes, besseres Leben zeigte. Heilige Momente waren das für sie.

Später habe ich dann gemeinsam mit meiner Schwester den Beerdigungsgottesdienst für unsere Großmutter gestaltet. Ich hielt die Predigt. Manche Kollegen rieten mir davon ab, weil professionelle Distanz das eigene Trauern verhindere. Doch schon während des Verfassens der Predigt fühlte ich mich meiner Großmutter nahe, weil ich mit meinen Worten etwas von ihrer Persönlichkeit festhalten konnte, anstatt sie dem Schweigen des Todes zu überlassen.

Wie ein Anreden gegen die Vergänglichkeit erschien mir der Vortrag des Textes während des Gottesdienstes. Dass da etwas in und zwischen uns stärker ist als der Tod, war für mich beim Sprechen regelrecht zu spüren. Als ich ihre "heiligen Momente" erzählte, sie in der Predigt Revue passieren ließ, war es für mich, als bekämen sie noch einmal eine neue Realität. Es schien etwas von der unverbrüchlichen Heiligkeit des Lebens auf und leuchtete mir unmittelbar ein.

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