Da stehe ich mit den anderen im Altarraum an der Wand, die immer noch eisig ausstrahlt, dabei ist schon fast Ostern. Beide kalten Füße fest auf dem Boden. Es dauert, sind halt viele Strophen. Ich sehe zu, dass ich die Stellen erwische, wo wir im Sopran manchmal etwas schwächeln. Ich atme tief, schicke meine Stimme hinein in das große, dunkle Kirchenschiff. Ich bilde mir ein, von ganz hinten, von der Orgelfront kommt der Schall zurück zu uns und zu den paar Leutchen, die in den Bänken sitzen und frieren. Es ist nicht perfekt, aber es ist perfekt.
Ise Bosch
Vor allem: Ich singe mit anderen zusammen. Ich höre, wie sich die Stimmen mischen, innerhalb des Soprans und mit den anderen Stimmlagen. Ich würde es vermissen, wenn an bestimmten Stellen nicht die eine oder andere Stimme herauszuhören wäre, wie immer. Miteinander sind wir der Chor. Was singe ich da? Töne. Jeder einzelne Ton wird im Kollektiv geformt, er kommt, er verhallt und erzeugt davor und danach eine besondere Stille.
Ich singe aber auch Worte. In den Texten geht’s um Sünde und Hölle, Krippe und Kreuz. Texte von Paul Gerhardt wie "Kauftest durch dein Blut uns frei" - echt jetzt? Nichts von diesen Texten "glaube" ich. Ich bin nicht religiös. Ich bin zwar so aufgewachsen wie die meisten hier, aber es gehörte für mich zum Erwachsenwerden, in Glaubensdingen eigene Wege zu gehen.
Chorsingen will ich trotzdem, auch all die schöne Kirchenmusik. Heinrich Schütz, Mendelssohn, Distler und natürlich: Bach. Wie ist das, diese Worte zu singen, ohne inhaltlich damit verbunden zu sein? Gefühlt dem halben Chor geht das so, wer glaubt zum Beispiel schon noch an die Heilige Jungfrau Maria? Ich will hier niemanden outen, aber manchmal verdrehen wir gemeinsam die Augen, nicht nur bei besonders abgefahrenen Texten ("Ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast", auch vom hochgeschätzten Paul Gerhardt), sondern auch, wenn die Komposition allzu inbrünstig schwelgt. Aber wir lieben auch das und legen uns voll rein.
Geht es eigentlich um den Text, wenn man ein Chorstück singt? Als Choristin bin ich mehr mit den Klängen beschäftigt, den Os und As und Ts und Rkls und ob ich den langen Ton jetzt bis zur nächsten Eins aushalten soll oder nur bis zur Vier-und. Wenn wir alle miteinander gut sind, wenn niemand pennt, dann entsteht hoffentlich der Flow. Dann sage ich hinterher: "Heute war’s manchmal Musik", und das ist ein Understatement. Der Text? Da bleiben mir viele Fragezeichen. Ich singe schon gern unauffällig "Fraugott", wenn da "Herrgott" steht, zum Ausgleich. Das nützt nichts, ich weiß.
So verschaffe ich mir im Kirchenchor regelmäßig eine Ohnmachtserfahrung – was meine Meinungen und Überzeugungen anbelangt. Ich sage mir, unsere Singerei hat schon was Gutes. Menschen nehmen etwas mit von den Aufführungen und musikalischen Gottesdiensten, das weiß ich. Auch viele von denen, die zuhören, haben an den Texten einiges auszusetzen. Aber seltsam ist das schon – anderswo im Leben kämpfe ich für meine Überzeugungen, ich weiß um die Macht von Texten. Hier lasse ich sie hinter die Musik zurücktreten. Ich enthalte mich des Urteils, drücke den Pausenknopf. Ist das o. k.?
Für die meisten meiner befreundeten Menschen ist das nicht o. k., sie lieben das Singen, aber Kirchenchor – nein. Manchen geht’s wie mir, sie haben einen Kirchenchor gefunden, und ihr Umfeld schüttelt den Kopf darüber. Andere sind gläubig. Wahrscheinlich ist für sie das Singen dieser Texte noch mal ganz anders. Ist es das? Wüsste ich gern. Ich könnte sie fragen, es sind wohl die, die das Glaubensbekenntnis mitbeten. Das tun längst nicht alle, manche mal so, mal so. Noch deutlicher ist’s beim Abendmahl. Wenn wir für die Gemeinde gesungen haben, gehen einige auch zum Abendmahl, aber andere bleiben auf der Orgelempore stehen. Ich hege schon lange die Fantasie, dann mit den Verbliebenen unerwartet ein besonders frommes Liedchen anzustimmen, zur Erbauung unserer gläubigen Chorglieder, der Atheist*innenchor zur Abendmalsbegleitung …
Eine, die singt und selbst gläubig ist, hat mich gefragt, wie’s mir denn gehe mit den Kirchentexten, das müsse ja schwierig sein. Stimmt, es erfordert eine hohe Ambiguitätstoleranz. Doch das Wesentliche am Chorsingen ist für mich das Drinstehen in den Tönen. Die Töne spüren, körperlich. Spürend nach innen gucken und mir klarmachen: Nein, ich weiß beim Singen nicht, wo der Klang herkommt. Der eigene Ton ist seltsamerweise für mich, die Singende, unergründlich, und das ist keine Wischiwaschi-Romantik, sondern beim Singen sekündlich erfahrbar.
Wenn nach dem Singen im Chor Freude herrscht, dann kommt das vielleicht auch daher, dass dies so unergründlich bleibt. Die offene Frage macht glücklich. Für mich persönlich ist das zentral. Es wiegt eben mehr als die textlichen Hämmer, die an mir vorbeifliegen: "Blut", "Hölle", "Sünde" oder immer das "Du" (ist wirklich nicht meins, Gott als "Du"!). Schönes finde ich immerhin auch, "Ewigkeit" singe ich zum Beispiel gern, an der Stelle ist der Unterschied zwischen Glauben und Nichtglauben nicht mehr so wichtig.
Über meinem Schreibtisch hängt ein langer Linoldruck, er stammt von einer Künstlerin aus dem Alt und zeigt viele Menschenköpfe im Gespräch. Drüber steht: WAS IST, WENN DIE ANDEREN DOCH RECHT HABEN? Ich lege mir diese unangenehme Frage selbst ans Herz, so gern ich auch recht habe. Und singe weiter.
PS: Wer schreibt ein Lied zu diesem Spruch?


