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In den vergangenen Tagen habe ich viele Gespräche über den aktuellen Krieg im Nahen Osten geführt. Dabei fiel mir auf, wie oft Menschen sagen, sie steckten in einem moralischen Dilemma. Einige argumentieren: Iran habe niemanden direkt angegriffen, deshalb sei ein präventiver Militärschlag Israels oder der USA völkerrechtlich kaum zu rechtfertigen. Das klingt zunächst plausibel.
Doch sobald man eine andere Frage stellt, wird es komplizierter: Was ist mit den vielen Demonstranten im Iran, die das Regime getötet hat? Was mit den Frauen, die wegen eines angeblich falsch sitzenden Kopftuchs misshandelt, verhaftet, gefoltert und in manchen Fällen getötet wurden? Was mit den Drohungen Irans, Israel vernichten zu wollen? Dann wird die Antwort oft leiser. "Ja, das stimmt alles. Aber dennoch rechtfertigt es keinen Krieg."
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Ein anderes Bild ergibt sich, wenn man mit Exiliranerinnen und Exiliranern spricht. Viele setzen große Hoffnung in einen militärischen Schlag gegen das Regime. Nicht, weil sie Krieg befürworten, sondern weil sie hoffen, dass ein solcher Schlag das System erschüttern könnte. Für sie schützt das Regime die Bevölkerung nicht vor äußeren Feinden. Das Regime selbst ist die Quelle der Unterdrückung. Wieder anders klingen manche Gespräche mit Palästinensern. Dort wird der Konflikt häufig fast ausschließlich durch die Linse des israelisch-palästinensischen Konflikts gesehen. Für einige steht weniger das Leid der iranischen Bevölkerung im Vordergrund als die Hoffnung, Israel könnte geschwächt oder gar vernichtet werden.
Je mehr Perspektiven man hört, desto deutlicher wird: Egal, welche Position man einnimmt, aus einer anderen Perspektive wirkt sie falsch. Dabei wird oft die religiös-historische Dimension des Konflikts übersehen. Sie hängt mit der Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten zusammen.
Diese Spaltung begann kurz nach dem Tod des Propheten Mohammed im Jahr 632. Während sein Cousin und Schwiegersohn Ali mit der rituellen Waschung des Leichnams und den Vorbereitungen für die Beerdigung beschäftigt war, traf sich ein Teil der muslimischen Gemeinschaft, um über die politische Nachfolge zu entscheiden. Sie wählten Abu Bakr, den Schwiegervater des Propheten. Manche empfanden das als ungerecht. Sie hielten Ali für den geeigneten Nachfolger. Das ist der Ursprung der Spaltung der Muslime in Schiiten und Sunniten, die bis heute anhält. Denn Alis Anhänger wurden zu einer eigenen religiösen Partei, der Schia, was auf Deutsch die "Partei Alis" heißt.
Ali wurde später zwar zum vierten Kalifen gewählt und damit religiöser wie weltlicher Führer der Muslime. Viele seiner Anhänger sahen in ihm aber den ersten legitimen Nachfolger. Die drei Kalifen vor ihm erkennen Schiiten deshalb bis heute nicht als rechtmäßig an. Ali wurde im Jahr 661 ermordet, und seine Anhänger hofften nun auf seine Söhne Hasan und Husain. Doch ihre politischen Gegner verhinderten, dass sie die Macht übernehmen konnten.
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Der entscheidende Wendepunkt kam 680. Wieder kam es zu Streit um die Nachfolge eines verstorbenen Kalifen. Alis Sohn Husain wurde im Zuge dieser Auseinandersetzung in Karbala im heutigen Irak getötet - zusammen mit vielen Angehörigen. Zuvor hatte er noch beklagt, dass viele Unterstützer ihn im entscheidenden Moment im Stich ließen. Dieses Ereignis prägt das schiitische Selbstverständnis bis heute. Husains Tod wird jedes Jahr am 10. Tag des Monats Muharram, dem Aschura-Tag, betrauert.
Viele Gemeinschaften erinnern daran mit Prozessionen, Klagegesängen oder Theaterstücken, manchmal auch mit Formen der Selbstgeißelung. Dahinter steht ein starkes Gefühl historischen Unrechts und zugleich Schuld. Man hat Husain nicht geholfen, als er Hilfe brauchte.
Aus dieser Erinnerung entwickelte sich ein starkes Ideal des Märtyrertums. Husain gilt nicht nur als Opfer eines politischen Konflikts, sondern als jemand, der den Tod bewusst in Kauf nahm, um für Gerechtigkeit einzustehen. Viele Predigten stellen seine Haltung als moralisches Vorbild dar: lieber sterben als sich einem ungerechten Herrscher beugen. Politische und religiöse Führer, besonders in der Islamischen Republik Iran, greifen dieses Motiv bis heute auf, um Opferbereitschaft und Durchhaltewillen zu mobilisieren; so beispielsweise während des Iran-Irak-Krieges (1980–1988). Auch die Hisbollah im Libanon beruft sie darauf.
Wer diese religiös-historische Dimension kennt, versteht vielleicht besser, warum ein schiitisch geprägter Staat wie Iran Konflikte oft als Frage von Standhaftigkeit und Opferbereitschaft deutet. Das "Recht" dürfe nicht noch einmal im Stich gelassen werden, wird dann betont.
Das soll nicht heißen, dass diese religiösen Traditionen heutige politische Entscheidungen gänzlich erklären. Aber sie prägen, wie Menschen ihre Geschichte verstehen und wie sie auf Konflikte schauen. Und dieser historische Konflikt spukt auch heute noch in den Köpfen der Menschen herum und macht es so schwierig, im Mittleren und Nahen Osten einen langfristigen, echten Frieden zu finden.
Auch der neue Krieg ist deshalb nicht nur geopolitisch. Er ist auch ein Konflikt um Erinnerungen und Deutungen. Jeder blickt aus einem anderen Fenster auf dieselbe Wirklichkeit. Vielleicht beginnt ein erster Schritt zur Klärung damit, diese verschiedenen Fenster überhaupt wahrzunehmen. Wer nur die eigene Perspektive kennt, versteht selten, warum andere so anders handeln. Einander zu verstehen, ist essenziell, um Konflikte lösen zu können.


