Scheherazade und der Sultan von dem deutschen Maler Ferdinand Keller 1880 gezeichnet. Sie ist die Hauptfigur und die Erzählerin in der Rahmenerzählung der nahöstlichen Märchensammlung Tausendundeine Nacht
Schahrasad und der Sultan, Darstellung des Malers Ferdinand Keller von 1880
1884 Ilustración Artística / Grafissimo / Getty Images
Orientalische Märchen
Schahrasad erzählt um ihr Leben...
1001 Nacht ist eine gewaltige Erzählung. Der Deutschlandfunk hat sie aufwändig und unterhaltsam als Podcast in Szene gesetzt. Ich höre sie mir trotzdem nicht gern an
(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfreiAndreas Schoelzel
04.04.2025
3Min

Es ist eine beeindruckende Initiative, die ein Riesenwerk der Weltliteratur vorstellt und zugleich einen neuen Blick auf die alten Kulturen der islamischen Welt eröffnet. Im Radio und als Podcast werden die Märchen aus "1001 Nacht" in einer aktualisierten Übersetzung vorgelesen und mit einer Vielzahl von Interviews und Hintergrund-Features verständlich gemacht.

Worum geht es in dem Märchen? Eine junge Frau versucht, einen König davon abzubringen, jede Nacht eine junge Frau erst zu vergewaltigen und dann zu ermorden; deshalb bietet sie sich ihm als mögliches Opfer an, erzählt ihm aber jede Nacht eine rasend interessante Geschichte – und bricht mit dem Morgengrauen das Erzählen ab, sodass er sie am Leben lässt, um in der kommenden Nacht zu erfahren, wie die Geschichte weitergeht. Schahrasad erzählt also um ihr Leben und erfindet dabei das, was wir heute "Cliffhanger" nennen und aus TV- und Streaming-Serien kennen: Am Schluss jeder Episode gibt es einen Spannungshöhepunkt, der aber nicht aufgelöst wird, damit wir auch die nächste Episode schauen.

Wir leben in einer Zeit, in der sich der Blick auf die islamische Welt verengt und viele nur Fanatismus, Terror und unlösbare Konflikte wahrnehmen. Das "1001 Nacht"-Projekt des Deutschlandfunks hat deshalb eine besondere Bedeutung. Denn es stellt ein Buch vor, in dem es ganz anders zugeht als in dem anderen großen Buch dieser Kultur, dem Koran: nämlich abenteuerlich, wild, verrückt, witzig, lustvoll – ja, versaut. Zudem entfaltet hier eine Frau, nämlich Schahrasad, eine erstaunliche erzählerische Dominanz.

Heilige Schriften im Christentum und Islam: Was Bibel und Koran eint

Allerdings könnte man einwenden, dass all dies gar nicht so überraschend sein sollte. Denn unser Blick auf die islamische Kultur ist wegen einer zu großen Fixierung auf den Koran viel zu einseitig. Ähnliches gilt übrigens für unseren Blick auf die Geschichte des Christentums: Erhalten haben sich hauptsächlich die normativen Texte – Gesetze und Regeln, Gebote und Verbote der Bibel und ihrer Ausleger –, über das tatsächliche Leben von früher haben wir viel zu wenige Quellen. Wir wissen einfach zu wenig darüber, wie es früher wirklich war und verwechseln die moralischen und rituellen Gesetze mit der historischen Realität. Deshalb ist es so schön, von "1001 Nacht" ins pralle und ziemlich anarchistische Leben von damals geführt zu werden. Dasselbe leistet eine vergleichbare Geschichtensammlung aus dem mittelalterlich-frühneuzeitlichen Italien: das "Decamaron" von Giovanni Boccaccio.

Gewalt gegen Frauen: Schuld ist das Patriarchat

Und doch, so richtig ist beim Hören der Funke nicht auf mich übergesprungen. Ähnlich war es mir vor einem Jahr gegangen. Aus einer Laune heraus hatte ich mir unsere Ausgabe von "1001 Nacht" aus dem Regal genommen. Jede Nacht vor dem Einschlafen ein Märchen zu lesen, schien mir eine gute Idee zu sein. Aber ich habe es nach wenigen Wochen aufgegeben. Das hat mit der Grundidee der Rahmenhandlung zu tun. Sie ist – wie einige Märchen auch – beherrscht von der Vorstellung, dass die Ermordung von Frauen der Unterhaltung dienen kann.

Überhaupt kreist der Beginn des Erzählwerks obsessiv um die Vorstellung, dass Frauen unregulierten Sex – mit sozial untergeordneten oder afrikanischen Männern – haben könnten und deshalb zu ermorden seien. Natürlich, ich weiß, dass man ein so altes Buch nicht nach heutigen Maßstäben beurteilen sollte. Auch ist mir bewusst, dass der Femizid ebenfalls in klassischen Werken der europäischen Kultur – griechischen Tragödien oder der Bibel – vorkommt. Jedoch habe ich beim Lesen damals und beim Hören jetzt vermisst, dass die Todesangst, die Schahrasad 1001 Nächte und Tage lang durchleiden muss, einen angemessenen Ausdruck findet. Wo bleibt das Grauen? Warum ist kein Aufschrei zu hören?

Dieselbe Frage kann man auch bei viel zu vielen TV-Krimis stellen. Gibt es eigentlich eine statistische Erhebung darüber, wie oft dort junge Mädchen und Frauen ermordet werden? Und hat jemand schon einmal die Programmverantwortlichen gefragt, ob nicht erzählerische Alternativen denkbar wären, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu fesseln?

Dass es andere Möglichkeiten durchaus gibt, beweist eine Serie, die gerade in der ZDF-Mediathek zu sehen ist. "Die Affäre Cum-Ex" bietet einen Wirtschaftskrimi, der viel aufregender als die üblichen Routine-Mordermittlungen bei Tatort & Co. ist. Erstaunlich, er kommt ganz ohne Femizid aus.

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Kolumne

Johann Hinrich Claussen

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur