Die Frage nach einem möglichen Regimewechsel in Teheran wird international aufmerksam verfolgt – verbunden mit Hoffnungen, aber auch mit der Sorge vor Instabilität (Symbolbild)
William West/ Kontributor / Getty Images
Iran
Der Regimewechsel könnte gelingen
Die iranische Gesellschaft ist ein Sonderfall im Nahen Osten. Deshalb könnte im Iran möglich sein, was in Irak, Afghanistan, Libyen und Syrien gescheitert ist. Ein Kommentar
Teseo La MarcaPrivat
02.03.2026
3Min

Der Tag, an dem die Islamische Republik im Iran fällt, ist noch nicht gekommen. Und wann es so weit ist, bleibt weiter ungewiss. Dennoch ist das Szenario eines Sturzes der Islamischen Republik so wahrscheinlich wie schon lange nicht mehr. Und viele fragen sich: Was kommt danach?

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Teseo La Marca

Teseo La Marca, geboren 1993, lebt als freier Journalist und Autor zwischen Berlin und Bozen. Er schreibt am liebsten über sein Heimatland Italien oder über die Themen Islam und Migration, unter anderem für die "taz" und die "Neue Zürcher Zeitung". Zahlreiche Recherchereisen haben ihn nach Südosteuropa und Nahost geführt, insbesondere in den Iran. Ende August 2025 erschien sein Sachbuch "Die fehlgeleitete Islamdebatte und ihre Folgen" (Westend-Verlag).

Eine säkulare Demokratie ist natürlich das Wunschszenario. Auch wenn kein Krieg und kein Regimesturz automatisch dahin führen. Wer das behauptet, ist entweder naiv oder verbirgt andere Interessen.

Genauso irreführend ist aber eine andere These, die seit Wochen durch die Medien geht: Regimewechsel hätten in der Region noch nie funktioniert, insbesondere wenn sie durch militärische Interventionen herbeigeführt wurden. Man verweist dann auf den Irak, auf Afghanistan, Ägypten, Syrien oder Libyen. Hier hätten Regimewechsel keine Demokratie gebracht, sondern Chaos, Bürgerkrieg, Islamismus, noch repressivere Diktaturen. Warum sollte es ausgerechnet im Iran anders sein?

Weil sich der Iran, seine Geschichte und seine Gesellschaft grundlegend von den angrenzenden Ländern unterscheiden.

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Einer der wichtigsten Faktoren, die den Irak, Syrien, Ägypten, Afghanistan und Libyen destabilisiert haben, sind islamistische Ideologien. Die gestürzten Diktatoren unterdrückten die Bevölkerung, hielten zugleich aber die Islamisten in Schach. Durch den Regimesturz hatten die Gotteskrieger plötzlich freie Hand. Sie haben Irak, Libyen und Afghanistan in blutige Bürkerkriege gestürzt, in Ägypten haben sie einen Staatsstreich des Militärs ausgelöst und in Syrien ergriffen sie zuletzt offiziell die Macht.

Im Iran ist dies bereits 1979 passiert. Doch als Reaktion auf die staatlich-religiöse Bevormundung haben sich viele Iraner in den vergangenen Jahrzehnten von der Religion abgewandt. Heute besitzt der Iran die wohl säkularste und nach Israel gebildetste Gesellschaft des Nahen Ostens. Laut einer vielzitierten Studie aus dem Jahr 2020 verstehen sich nur noch rund 40 Prozent der Iraner überhaupt als muslimisch.

Im Falle Irans droht also keine islamistische Gefahr durch einen Regimewechsel, im Gegenteil: Die Islamisten sitzen in ebenjener Regierung, die viele Iraner jetzt loswerden wollen.

Den Iran gibt es seit rund 500 Jahren als Staat

Andere Faktoren, die im Iran für einen Wandel ohne Chaos und Bürgerkrieg sprechen, sind politischer und historischer Natur. Der Iran ist zwar multiethnisch, existiert aber schon seit etwa dem Jahr 1500 als einheitlich verwalteter Flächenstaat, mit einer entsprechend starken nationalen Identität, die verschiedene Ethnien verbindet – im Gegensatz zu vielen Nachbarländern, deren Grenzen Produkte des Kolonialismus sind und wo der Staatskollaps ethnische Konflikte auslöste.

Ein kompletter Staatskollaps ist im Iran ohnehin unwahrscheinlich. Das liegt an der dezentralen Verwaltung, die den iranischen Staat seit der Monarchie-Zeit kennzeichnet. Regiert wird das Land zwar autoritär von oben, doch die effektive Verwaltung des Landes ist verteilt auf unzählige kommunale Stellen. So gelang es bereits dem heutigen Mullah-Regime während der Revolution 1979, die Institutionen des Staates relativ reibungslos zu übernehmen – die Regierenden wurden ausgetauscht, die Strukturen blieben weitgehend erhalten.

Bei all diesen Faktoren, die Zuversicht wecken, bleibt allerdings eine Gefahr: Sollte die Islamische Republik fallen, ist von verbleibenden Teilen der stark indoktrinierten Mullah-Anhängerschaft Widerstand zu erwarten. Ihr Märtyrerkult hat sie dafür geradezu erzogen. Um diese Elemente der iranischen Gesellschaft zurückzudrängen, werden erneut Repression und Überwachung notwendig sein.

Sollte es der säkular-demokratisch eingestellten Mehrheit der Bevölkerung also gelingen, den Staat zurückzuerobern, wird der Iran zwar freier, friedlicher und stabiler sein als jetzt – aber keine lupenreine Demokratie.

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