Wie wirst du nur heißen?
Bei vielen werdenden Eltern ein schwieriger Prozess: die Namensfindung der Kinder
Jamie Grill/Getty Images
Vornamen
Wie wirst du nur heißen?
Ein Problem, das mit jedem weiteren Kind aufs Neue auftaucht: Wie soll es eigentlich heißen? Warum die Suche nach einem geeigneten Vornamen trotz zahlreicher Hilfsmittel gar nicht so leicht ist
Tim Wegener
05.02.2026
4Min

Damit dieser Kolumne hier nicht irgendwann einmal die Themen ausgehen, haben meine Frau und ich beschlossen, noch ein Kind zu bekommen. Jetzt müssen wir mit den Konsequenzen dieser Entscheidung leben. Eine davon ist es, einen Namen für das zweite Kind zu finden, bevor es auf die Welt kommt.

Das ist leichter gesagt, als getan. Ich weiß nicht, wie andere Eltern das machen, die sich schnell einig werden. In unserem Freundeskreis habe ich es schon erlebt, dass der Vorname des Kindes stolz am Anfang der Schwangerschaft verkündet (und bis zur Geburt auch nicht mehr geändert) wurde. Das fand ich beeindruckend, weil meine Frau und ich bei unserem ersten Kind quasi bis in den Kreißsaal diskutiert haben. Am Ende bekam unser Sohn den exakt einzigen Namen, der uns beiden gefiel. Davor hatten wir uns wochenlang Listen mit bis zu 100 Namen vor die Nase gelegt und jeweils alle abgelehnt.

Die Kriterien, die wir zugrunde gelegt hatten, waren einfach zu unterschiedlich: Mir ist es wichtig, dass der Vorname auch einen schönen Spitznamen hergibt. Dass er nicht zu kompliziert ist, damit man ihn nicht ständig buchstabieren muss. Und dass man sich nicht zu leicht darüber lustig machen kann. Meine Frau schätzt eher ausgefallene Namen, die wenig helle Vokale beinhalten (e und i) und nicht zu viele Silben haben. Dann fallen auch noch sämtliche Namen weg, die schon im direkten Umfeld vergeben sind.

Es wäre etwas schräg, wenn man das Kind genauso nennt wie den besten Kumpel, die Nachbarin oder die Kindergärtnerin des ersten Kindes. Denn dann müsste man erklären, dass man es NICHT nach ihnen benannt hat. Aber das ist ja auch irgendwie unhöflich. Auch Namen, die sofort eine negative Assoziation auslösen (zum Beispiel nach der verflossenen Jugendliebe oder unpopulären Politikern), sind tabu. Je mehr Jugendlieben man hatte oder je mehr Politiker man kennt, desto enger wird das Feld. Sie sehen, es ist nicht leicht, da auf einen Nenner zu kommen. Gelobt die Zeiten als der Sohn einfach nach dem Vater benannt wurde. Zack, Herrmann junior, basta.

Dabei war ich auf die Namenssuche eigentlich gut vorbereitet. Seit Jahren schreibe ich mir hin und wieder Vornamen auf, die mir gut gefallen. Meine Frau und ich haben uns sogar ein Buch mit Vornamen und ihren Bedeutungen ausgeliehen. Da stehen wirklich skurrile Sachen drin, zum Beispiel Lioba, Sixtina, Jeronima bei den Mädchen und Isko, Hyacinth und Gosling (ja, als Vorname) - oder sogar Evangelist bei den Jungen. Letzterer würde meinem Arbeitgeber natürlich gefallen. Ich hoffe übrigens, dass ich mit der (subjektiven) Auswahl gerade keinem Leser/keiner Leserin auf den Schlips getreten bin. Man kann ja nichts für seinen Namen, liebe Sixtinas, liebe Hyacinths. Doch umso schwerer wiegt die Verantwortung auf meinen väterlichen Schultern.

Heutzutage gibt es natürlich auch andere Hilfsmittel als Bücher. Bei der letzten Namenswahl haben wir es mit einer App versucht. Man bekommt darin Namen vorgeschlagen und wischt sie nach links oder rechts, je nachdem, ob sie gefallen oder nicht. Haben beide Eltern einen Namen als positiv markiert, hat man ein Match. Das erinnert, vermutlich nicht zufällig, an Dating-Apps. Eine dieser Apps heißt auch tatsächlich "Kinder" in Anlehnung an "Tinder". Wir haben damals "CharliesNames" ausprobiert. Leider scheiterte es daran, dass die App verschiedene Schreibweisen eines Namens nicht zusammenfasst. So kann man sich eine halbe Stunde durch alle Varianten von "Jannick" (Jannik, Janek, Yanik, Yanneck...) oder "Sophie" (Sofi, Sophia, Sofia, Sofie, ...) wischen und hat am Ende überhaupt keinen Durchblick mehr.

"Ich will nicht drei Monate nach der Geburt nachts hochschrecken und denken: Was haben wir getan?"

Andere Freunde von uns haben tatsächlich eine KI den Namen aussuchen lassen. Der Name des Kindes ist schön und passt zum Rest der Familie, keine Frage. Er ist aber auch nicht so ausgefallen, dass man nicht selbst hätte darauf kommen können. Mir persönlich bereitet es außerdem Bauchschmerzen, ein Programm über so etwas Elementares entscheiden zu lassen. Klar, die Entscheidung treffen am Ende die Eltern. Trotzdem möchte ich mir bewahren, eines Tages erzählen zu können, dass wir selbst auf die Idee gekommen sind.

Nun haben wir mittlerweile, anders als beim ersten Mal, mehrere Namen und Varianten aufgeschrieben, die uns beiden gefallen würden. Aber wie kombinieren? Vielleicht die Favoriten als Zweit- und Drittnamen anhängen? Doch das ist eigentlich auch nur ein Zeichen von Unentschlossenheit, vor allem, da Zweitnamen in unserem Kulturkreis meist eh ignoriert werden. Da kann man es also auch gleich sein lassen und zu dem Namen stehen, den man vergeben will, ohne in zweiter und dritter Reihe noch Notfall-Alternativen mitzuliefern.

Warum mir das Thema so schwerfällt, ist die tiefgreifende lebenslange Konsequenz: Man vergibt, aus einer Laune oder Mode heraus, einen Namen, mit dem man sich dann als Eltern (und als Namensträger selbst) täglich herumschlagen muss. Ein Name, der darüber entscheidet, an welcher Stelle in Listen man auftaucht, und ob man zu Wohnungsbesichtigungen eingeladen wird. Ein Name, den ich auf dem Spielplatz brüllen können will, ohne dass es mir die Schamesröte ins Gesicht treibt. Ich will nicht drei Monate nach der Geburt aus dem Schlaf hochschrecken und denken: Was haben wir getan?

Aber es bleibt ja nichts anderes übrig: Man muss sich letztlich für einen Namen entscheiden und dazu stehen. Allen Tanten, Vereinskollegen und Personalerinnen wird er ohnehin nicht gefallen (weil er sie z.B. an verflossene Jugendlieben erinnert) und den perfekten Namen für jede Lebensphase gibt es auch nicht. Wer sich noch nie gewünscht hat, anders zu heißen, werfe den ersten Stein! Meistens ist man dann ja doch irgendwann im Reinen mit seinem Namen, selbst wenn man sich hin- und wieder darüber ärgert.

Ich freue mich schon auf den Weg in den Kreißsaal.

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Kolumne

Michael Güthlein
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Konstantin Sacher

Michael Güthlein und Konstantin Sacher sind Väter: ein (2) und drei Kinder (11, 10, 6). Beide erzählen über ihr Rollenverständnis und ihre Abenteuer zwischen Kinderkrabbeln und Elternabend, zwischen Beikost und Ferienlager. Sie schreiben im Wechsel.