Schon als Zweijähriger wurde Theodor Wonja Michael in sogenannten Völkerschauen präsentiert – Zurschaustellungen, die den Deutschen der Weimarer Republik schwarze Menschen aus den Kolonien in Afrika vorführten wie Zootiere. Für seinen kamerunischen Vater waren solche Auftritte - neben denen als Filmkomparse - die einzigen Einnahmequellen Ende der 1920er Jahre. Rassistische Gesetze hatten ihm den Zugang zu anderen Berufen verwehrt. Da die Mutter von Theodor Wonja Michael kurz nach seiner Geburt 1925 verstorben war, wuchsen die Kinder bei verschiedenen Pflegeeltern auf.
Als im Januar 1933 die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht übernahmen, war Michael gerade acht Jahre alt. Ihm wurde nun die Staatsbürgerschaft entzogen, er bekam einen sogenannten Fremdenpass. In der Schule wurde er von immer mehr Aktivitäten ausgeschlossen, bis er schließlich gar nicht mehr zur Schule durfte und deswegen keinen Schulabschluss machen durfte: "Wenn von ‚wir‘ oder ‚uns‘ die Rede war, so war ich nicht gemeint", schreibt er in seiner Autobiografie.
Während andere Schwarze aufgrund ihrer Hautfarbe ins KZ kamen oder zwangssterilisiert wurden, schützen ihn Komparsenrollen als "exotischer" Darsteller in Kostüm- oder NS-Propagandafilmen ein wenig: "Wir waren die Mohren, die man da brauchte. Für uns war das eine Existenzfrage", sagte er knapp 60 Jahre später. Andere Arbeit, etwa als Page in einem Berliner Hotel, verlor er bald wieder aufgrund von Diskriminierungen.
"In der Nazizeit war jede falsche Bewegung lebensgefährlich", erinnert sich Theodor Wonja Michael. Zwei Jahre vor Kriegsende wurde er zur Zwangsarbeit verpflichtet und in ein Fremdarbeiterlager eingewiesen, wo ihn die Rote Armee im Mai 1945 befreite. Da war er 20 Jahre alt und wollte eigentlich weg, nach Amerika. Doch dann wurde seine Frau schwanger, und sie bekamen ihr erstes Kind. Und er spielte, um an Geld zu kommen, wieder Theater und übernahm Sprecherrollen beim Rundfunk.
Mit Anfang 30 konnte Michael an der neu gegründeten Hamburger Akademie für Gemeinwirtschaft (später Hochschule für Wirtschaft und Politik) auch ohne Abitur ein Studium aufnehmen, das er als Diplom-Volkswirt abschloss. Er arbeitete danach als Journalist und wurde Chefredakteur der Zeitschrift "Afrika-Bulletin". Von 1971 bis 1987 war er als Afrikaexperte im höheren Dienst des Bundesnachrichtendienstes (BND) beschäftigt.
Die Unabhängigkeitsbewegungen der 1960er Jahre auf dem afrikanischen Kontinent verfolgte er mit großem Interesse, Unabhängigkeitskämpfer wie Leopold Senghor im Senegal oder Kwame Nkrumah in Ghana waren ihm intellektuelle Vorbilder. Dass auch Deutschland einst Kolonien hatte und für die dort begangenen Verbrechen Verantwortung übernehmen müsste – dieses Bewusstsein war nach 1945 lange Zeit verschüttet: "Man hat so getan, als sei das nie gewesen", stellte Michael rückblickend fest. Zeit seines Lebens versuchte er, diesem Bewusstsein im Nachkriegsdeutschland wieder Raum zu verschaffen. Er war auch ein aktives Mitglied der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD). Die Solidarität und das Wirgefühl dort halfen ihm, gesellschaftliche Ausgrenzung zu ertragen.
Mit den Jahren emanzipiert er sich von den Erfahrungen seiner Kindheit. Ab 1987 im Ruhestand, spielte er immer wieder mal in Film- oder Theaterprojekten mit, etwa in "I have a dream" über Martin Luther King. "Ich bin gern Schauspieler, weil es heute meine freie Entscheidung ist", sagte er.
Theodor Wonja Michael hat sich einen Platz geschaffen in Deutschland. "Heimat ist auch ein Aneignungsprodukt", sagte er in einem Interview. Auch vielen jungen Schwarzen Deutschen hat er dabei geholfen, ihren Platz zu finden in der deutschen Gesellschaft, die noch immer von Diskriminierung geprägt ist. Für sein Engagement als Zeitzeuge bekam er 2018 das Bundesverdienstkreuz, ein Jahr später starb er in Köln.
Mehr Infos:
Aus seinem Nachlass entstand in Köln die Theodor Wonja Michael Bibiliothek, die erste Schwarze Bibliothek Nordrhein-Westfalens. Poller Kirchweg 78-90, 51105 Köln. Öffnungszeiten: sonntags von 12 bis 18 Uhr, unter der Woche für Gruppen nach Anmeldung. Mehr Infos unter www.twm-bibliothek.de
Autobiografie: Theodor Michael: "Deutsch sein und schwarz dazu. Erinnerungen eines Afro-Deutschen", dtv, 216 Seiten, 12,90 Euro

